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„Es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt Lorenzo von Fersen, Kurator für Forschung und Artenschutz des Tiergartens. Einige Ameisen müssen auf Blättern oder Grashalmen über das Wasser gefahren sein. Jedenfalls seien die Tierchen (sogar mit ihren Pilzkulturen) schon an mehreren Stellen im Manatihaus aufgetaucht.
Für Professor Flavio Roces vom Biocenter der Universität Würzburg ist dieses Verhalten nicht verwunderlich. Der argentinische Biologe hat im Institutslabor schon mehrmals feststellen müssen, dass Blattschneiderameisen einen Weg finden, um auszubrechen.
Weltweit gibt es 11000 Ameisenarten, die alle Staaten bilden. In den Tropen stellen sie circa 33 Prozent der Biomasse. Blattschneiderameisen kommen nur in Mittel- und Südamerika vor. Sie ernähren sich nicht von Blättern, sondern von Pilzen, die sie in ihrem Nest kultivieren und mit frischem Pflanzenmaterial „füttern“.
Die Symbiose bringt beiden Vorteile. Der Schimmelpilz findet ideale Wachstumsbedingungen vor und wird nicht von anderen Pilzen befallen. Die Ameise kann die Zellulose aus einem breiten Spektrum von Pflanzenarten zur indirekten Nahrungsaufnahme nutzen.
Roces hat sich intensiv mit den organisatorischen Fähigkeiten sozialer Insekten beschäftigt. Sein Vortrag im Naturkundehaus bringt die Zuhörer zum Staunen. Wie schaffen es die Tiere, acht Meter tiefe und perfekt belüftete Nester zu bauen? Mit mehreren Tausend Kammern, in denen Pilze gezüchtet und Abfälle entsorgt werden. Woher wissen sie, welche Pflanzen der Pilz bevorzugt? Wer bestimmt, ob gerade eine Ameisenstraße gesäubert, ein Entlüftungsturm gebaut oder ein Blatt zerkleinert werden muss?
„Niemand“, sagt Roces. „Es gibt keine Ameise, die sagt, wo es langgeht.“ Nicht einmal die Königin. Die Arbeiterinnen – allesamt Geschwister – seien dezentral organisiert. Jede tue, was gerade notwendig ist.
Der Biologe vergleicht die Ameisenkolonie mit einer Studenten-WG: „Wer den Stapel mit dreckigem Geschirr als erster nicht mehr sehen kann, beginnt mit dem Abwasch.“ Ein Spülplan sei unnötig.
Wenn eine Ameise mit ihren Sinnesorganen im Fühler feststellt, dass zum Beispiel eine bestimmte Kohlendioxidkonzentration in der Pilzkammer überschritten wird, beginnt sie mit dem Bau eines Entlüftungstunnels. Über chemische und vibratorische Signale werden weitere Helfer herangerufen. Jede Ameise – so meint Roces – folge dem Prinzip: „Ich suche Arbeit!“
Womit der Vergleich mit der WG schon wieder hinfällig ist. Allerdings kann man zur Entlastung der Studenten anführen, dass Ameisen in ihrem Blut vierzigmal mehr Zuckerreserven haben und somit praktisch nie müde werden.
„Kommunikation ist der organisierende Faktor“, erklärt der Soziobiologe. Dies gelte nicht nur für Ameisen, sondern auch für einige Pflanzen. Bevor ein Baum von den Ameisen aller Blätter beraubt wird, produziert er Bitterstoffe und gibt die Information über den Blattschneider-Angriff an benachbarte Bäume weiter, damit diese ebenfalls Gegenmaßnahmen ergreifen können. Die Ameisen würden den Baum ansonsten zur Gänze entlauben. Ihnen fehlt eben ein Plan für das ökologische Ganze.


