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Wissen Sie, was Nürnberg und Delphi gemein haben? Richtig: In beiden Orten gibt es einen Apollotempel. Der Nürnberger Apollotempel steht im Cramer-Klett-Park. Wer nun freilich ein Heiligtum à la Parthenon in Athen erwartet, wird mächtig enttäuscht: Der Nürnberger Apollotempel wurde um 1820/30 als klassizistische Rotunde mit rechteckigem Vorbau errichtet. Die Säulen mit vergoldeten Kapitellen im Innenraum und die prächtige Kassettenkuppel, die entfernt an das Pantheon in Rom erinnert, kann man bei Aufführungen des seit 1963 hier beheimateten Marionettentheaters bewundern.
Ursprünglich diente der Apollotempel als Musikpavillon – daher der Name: Denn als Anführer der neun Musen kümmerte sich der antike Gott Apollo auch um die Musik. Die vergoldete Frauenstatue von Philipp Kittler, die den Pavillon bekrönt, lässt in ihrer anmutigen Nacktheit an Darstellungen der Liebesgöttin Venus denken. Das vom Wind geblähte Tuch in ihren Händen zeigt jedoch, dass wir die Glücksgöttin Fortuna vor uns haben: Es verweist auf ihre Unbeständigkeit.
Weniger gut wahrzunehmen, dafür auf Anhieb zu identifizieren ist die – einst ebenfalls vergoldete – Wölfin auf dem Dach des Melanchthon-Gymnasiums. Sie ist eine Nachbildung der berühmten Wölfin in den Kapitolinischen Museen in Rom. Wer kennt sie nicht, die Legende von den Zwillingen Romulus und Remus, die als Kinder ausgesetzt und von einer Wölfin aufgezogen wurden, um später Rom zu gründen? Das Original ist nur etwa halb so groß wie die Nürnberger Wölfin, doch kommt der Besucher in Rom ja auch viel näher an die Skulptur heran, während wir uns hier mit einem Blick aus der Ferne begnügen müssen. Die Wölfin als Wahrzeichen Roms passt hervorragend zu dem humanistischen Gymnasium.
Über den Fenstern des Erdgeschosses, die zur Merkelsgasse hin liegen, sehen wir vier Reliefköpfe. Neben Caesar, Sokrates und Homer (von rechts nach links) gibt sich auch der Göttervater Zeus höchstpersönlich die Ehre. Eingerahmt wird er von einem Adler, seinem Attribut schlechthin, und von dem Jüngling Ganymed, in den sich Zeus verliebt hatte und den er durch den Adler auf den Olymp entführen ließ. Der Kopf weist eine deutliche Ähnlichkeit mit dem „Zeus von Otricoli“ auf, einer Büste in den Vatikanischen Museen in Rom.
Bevor wir die Schule durch das Portal an der Sulzbacher Straße betreten, werfen wir noch einen Blick auf die beiden Jünglinge mit ihren Pferden, die das Wappen über der Tür einrahmen: Es handelt sich um die Zeussöhne Kastor und Polydeukes, die Römer nannten sie Castor und Pollux. Nach zahlreichen Heldentaten kamen sie auf Betreiben ihres Vaters als Sternbild der Zwillinge an den Himmel... Die vier Reliefköpfe zur Sulzbacher Straße hin sind übrigens Schiller, Goethe, Arminius und Wodan (von links nach rechts).
Im Treppenhaus sehen wir zu unserer Rechten die Nachbildung eines antiken Reliefs, dessen Original im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel präsentiert wird: Es zeigt Orpheus (rechts), seine Frau Eurydike (Mitte) und den Götterboten Hermes (links) und damit den Mythos des begnadeten Sängers, der die Möglichkeit, seine verstorbene Frau aus der Unterwelt heraufzuholen, aus übermächtiger Liebe verwirkt.
Im Pausenhof steht an der Wand des Schulgebäudes ein hübscher Brunnen mit zwei entspannt an einen Delphin gelehnten Knaben. Der linke Knabe spielt auf einer Panflöte, der rechte hält eine Weintraube in der Hand. Wenn wir etwas genauer hinsehen, bemerken wir, dass die beiden Bocksbeine und große Spitzohren haben: Es handelt sich um Satyrn, jene lustig-derben Gesellen im Gefolge des Weingottes Dionysos. Die Botschaft des Brunnens erscheint eindeutig: Zum Leben eines Schülers gehören nicht nur ernsthafte Studien, sondern auch ausgelassene Partys!
Wahrscheinlich schmückt in nicht allzu ferner Zukunft noch eine weitere mythologische Kostbarkeit das Schulgebäude: In der Aula befindet sich eine barocke Stuckdecke von Donato Polli, die beim Abriss des vorher hier existierenden Anwesens gerettet und in den 1911 fertig gestellten Neubau des Melanchthon-Gymnasiums übertragen wurde, jedoch ohne die Deckengemälde. Alte Fotografien zeigen, dass die vier Kontinente und auf dem zentralen Gemälde die Gottheiten Juno, Venus und Amor, Athene und Merkur dargestellt waren. Es wird seit einiger Zeit Geld gesammelt, um diese Werke zu rekonstruieren.
Keine Rekonstruktion dagegen ist das gewaltige Deckengemälde, das wir an der nächsten Station unseres Spazierganges bewundern können. Besuchen wir also den Hirsvogelsaal im Garten des Tucherschlosses. Thema des aus zwanzig Leinwänden zusammengesetzten Bildes ist der Sturz des Phaethon. Es stammt von Georg Pencz, einem Schüler Dürers, der uns hier einen Blick in himmlische Gefilde gewährt. Im Zentrum des Geschehens Zeus/Jupiter, der wie ein Rodeoreiter auf seinem Adler daherkommt. Soeben hat er einen seiner Blitze auf den Knaben Phaethon geschleudert, der nun rücklings zu Tode stürzt.
Unsere Empörung wird sich in Grenzen halten, wenn wir erfahren, dass der Götterchef dadurch eine kosmische Katastrophe verhinderte, hat doch der Junge bereits einen Weltenbrand verursacht! In maßloser Selbstüberschätzung hatte er den Sonnenwagen seines Vaters, des Sonnengottes, gelenkt und dabei die Kontrolle verloren – rechts unten auf dem Gemälde zeigt Pencz, wie Phaethon seinem Vater den Wagen abschwatzt.
Der kann gar nicht anders, weil er seinem Sohn einen Wunsch freigestellt hatte. Bedingt durch die extreme Untersicht zeigt sich die Götterversammlung rechts von Jupiter uns Betrachtern in nicht gerade vorteilhafter Pose: Wir erkennen u.a. Herkules mit Keule und Löwenfell, den Kriegsgott Mars in Rüstung, Neptun mit seinem Dreizack und Merkur mit Heroldsstab. Besonders unvorteilhaft getroffen ist der Schmiedegott Vulkan mit Feuergabel, der uns seinen Allerwertesten entgegenreckt.
Es würde zu weit führen, hier auf sämtliche Details des Gemäldes einzugehen, ein vor Ort erhältliches Faltblatt wird uns weitere Informationen liefern. Reizvoll ist ein anschließender Besuch im Fembohaus, wo der Sturz des Phaethon Thema von zwei weiteren Deckengemälden ist, so dass wir einen unmittelbaren Vergleich ziehen können.
Ebenfalls mehrfach in Nürnberg anzutreffen sind Darstellungen des mythologischen Vogels Phönix, beispielsweise auf dem obersten Wandbild am Haus Theresienstraße 30. Es zeigt uns: Wie der Phönix im Mythos aus der Asche, so ist auch Nürnberg nach den verheerenden Zerstörungen im Krieg neu entstanden... Die Tatsache, dass just im selben Gebäude ein Betrieb namens „Schuh-Phönix“ Schuhreparaturen durchführt, ist ein besonders originelles Beispiel dafür, wie populär die Mythologie der alten Griechen und Römer auch im 21. Jahrhundert noch ist.
Fr. 18.05.12
Fr. 18.05.12
Do. 17.05.12
Mo. 14.05.12