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Barbara Philipp machte sich als Geografin selbstständig

Aktenstaub und Wanderlust - 09.02. 12:00 Uhr

Nürnberg  - Von testosteronstrotzenden Haifischbecken und Ellbogen-Attacken lassen sich Frauen oft allzu schnell einschüchtern. Der Wunsch nach dem eigenen Geschäft, die Verwirklichung der eigenen Ideen – für viele ein Traum. Denn nur knapp acht Prozent aller erwerbstätigen Frauen in Franken wagen den Schritt aus einem gesicherten Arbeitsverhältnis in die Selbstständigkeit. Die NZ stellt Frauen vor, die den Mut für dieses Unternehmen hatten.

Sie liebt die Natur: Hinter dem Tiergarten geht Stadtökologin Barbara Philipp gerne auf Erkundungs- und Wandertour – oder erzählt ihren Kunden, warum sich der Keupersandstein im Schmausenbuck so gut für den Bau der Kaiserburg eignete.
Sie liebt die Natur: Hinter dem Tiergarten geht Stadtökologin Barbara Philipp gerne auf Erkundungs- und Wandertour – oder erzählt ihren Kunden, warum sich der Keupersandstein im Schmausenbuck so gut für den Bau der Kaiserburg eignete.
Foto: Hagen Gerullis
Sie liebt die Natur: Hinter dem Tiergarten geht Stadtökologin Barbara Philipp gerne auf Erkundungs- und Wandertour – oder erzählt ihren Kunden, warum sich der Keupersandstein im Schmausenbuck so gut für den Bau der Kaiserburg eignete.
Sie liebt die Natur: Hinter dem Tiergarten geht Stadtökologin Barbara Philipp gerne auf Erkundungs- und Wandertour – oder erzählt ihren Kunden, warum sich der Keupersandstein im Schmausenbuck so gut für den Bau der Kaiserburg eignete.
Foto: Hagen Gerullis

Barbara Philipp ist Expertin: Für Elfenkräuter und auch für Detektivarbeiten im Dickicht. Sie weiß, wie die Waldgeister am besten aus ihrem Versteck gelockt werden oder was Biber mit Menschen verbindet. Sie ist Fachfrau für Ausflüge in längst vergangene Erdzeitalter – aber auch für Gesetzesparagrafen und juristische Verfahren. Ob im Schmausenbuck hinter dem Tiergarten, in den Mauerritzen im Stadtpark oder in den Tälern und Höhen der Fränkischen Schweiz: Zwischen nassen, schlierigen Blättern offenbart sich eine ganze Wunderwelt. Natur ist, worauf man sich einlässt.

„Ich will einfach nur raus in die Natur“, sagt Barbara Philipp mit Nachdruck – und deswegen hat die 45-Jährige ihre Heimat einfach zum Kapital gemacht. Die studierte Geografin, Geologin, Botanikerin und Stadtökologin macht Führungen mit Kindern und Erwachsenen. Sorgt draußen im Grünen für Erholung in den asphaltmüden Gesichtern und will die Abenteuerlust jenseits des Großstadtdschungels wecken. Mit der Vermittlung von Naturerlebnissen und Umweltbildung hat sie sich selbstständig gemacht. Gebucht wird sie vom Bund Naturschutz, Stadt- und Schulverwaltungen, Kindergärten oder sonstigen Gruppen. Sie klärt Fragen wie: Wer wohnt in einer Mauerritze? Was ist ein Polje? Und wie feiern Erwachsene im Wald ihren 60. Geburtstag? Mit Naturkunst, Sekt und einem forschen Tastsinn natürlich. Denn auf den Landart-Ausflügen wird „frei nach Joseph Beuys jeder zum Künstler – ob jung oder alt“, offenbart sie.


Im Schmausenbuck stehen sich nicht nur mächtige Steinformationen oder duftende Nadelgewächse. Mit Barbara Philipp wird die Wanderung zur Vernissage und die Wanderer zu Künstlern. Ihr Material? Alles, was sich hier finden lässt.
Im Schmausenbuck stehen sich nicht nur mächtige Steinformationen oder duftende Nadelgewächse. Mit Barbara Philipp wird die Wanderung zur Vernissage und die Wanderer zu Künstlern. Ihr Material? Alles, was sich hier finden lässt.
Foto: Hagen Gerullis
Im Schmausenbuck stehen sich nicht nur mächtige Steinformationen oder duftende Nadelgewächse. Mit Barbara Philipp wird die Wanderung zur Vernissage und die Wanderer zu Künstlern. Ihr Material? Alles, was sich hier finden lässt.
Im Schmausenbuck stehen sich nicht nur mächtige Steinformationen oder duftende Nadelgewächse. Mit Barbara Philipp wird die Wanderung zur Vernissage und die Wanderer zu Künstlern. Ihr Material? Alles, was sich hier finden lässt.
Foto: Hagen Gerullis

Barbara Philipp ist ein Mensch mit einer Wohnung voller Pflanzenbücher und dem Herzen von Momo. Zwar bringt sie den Menschen nicht die gestohlene Zeit zurück, dafür das Gefühl für Natur. Gerade Großstädter hätten viele Berührungsängste und völlig falsche Vorstellungen. „Es gibt Kinder – und das ist kein Witz –, die haben Angst davor, dass ein Tiger, Bär oder Löwe hinter dem nächsten Busch hervor – und auf sie zu springt“, hat die Geografin beobachtet. „Für sie ist ein Wald ein Tiergarten ohne Zäune.“ Deswegen ist es ihr ein wichtiges Anliegen, dass alle Kinder den Wald kennenlernen.



Dabei ist Loslassen die erste Devise in der Natur. „Wenn man nur die Stadt, Häuser, Straßen, Asphalt und von Menschen Gefertigtes kennt – wie soll man dann Natur überhaupt noch erkennen“, fragt Barbara Philipp rhetorisch. Deswegen bittet die Stadtökologin ihre Kunden auf dem Weg in den Wald die Augen zu schließen: Sie sollen den Boden unter ihren Füßen spüren und nur der Natur lauschen. Sich einlassen, sagt sie, während sie mit den hellbeigen Wanderschuhen die Blätter zur Seite schiebt.

Obwohl sie im Herzen der Fränkischen Schweiz aufwuchs – in Unterleinleiter nahe Ebermannstadt – hat sie ihre Leidenschaft für Geografie und Erdzeitalter erst spät entdeckt. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Ihr Abitur absolviert sie auf dem zweiten Bildungsweg, dann folgt ein Studium der Geografie, Geologie und Botanik. „Erst da haben mich die alten Steine interessiert“, sagt sie ein wenig nachdenklich. „Komisch, dass ich diese Leidenschaft nicht schon früher entdeckt habe“, bemerkt sie. Zu ihrem Spezialgebieten gehören heute bestimmte Gebirgsformationen – Polje genannt.

Über ein Praktikum bei „Geografie für alle“ in Mainz und beim Naturerlebnisbüro in Bonn entdeckt sie dann den Spaß daran, Führungen zu geben und ihre Begeisterung auf ihre Mitwanderer zu übertragen – egal ob sie sechs oder sechzig sind. „Für so etwas wird man aber nicht bezahlt“, sagt sie mit Blick auf die wenigen


Die Douglasie riecht nach Weihnachten – und Orange.
Die Douglasie riecht nach Weihnachten – und Orange.
Foto: Hagen Gerullis
Die Douglasie riecht nach Weihnachten – und Orange.
Die Douglasie riecht nach Weihnachten – und Orange.
Foto: Hagen Gerullis

Stellen für festangestellte Geografen. Denn nach dem Studium und den pädagogischen Praktika bekommt auch Philipp keine Stelle – und geht zurück in die Welt zwischen Gesetzesparagrafen und Terminkoordination. „Mein Brotberuf ist Fachangestellte“, sagt sie. „Aber ich konnte mir absolut nicht vorstellen, das bis zu meinem 65. Lebensjahr zu machen.“ Sie sei einfach nicht der Mensch, der jeden Tag gerne am Schreibtisch sitzt. „Da fehlt mir die Abwechslung“, gesteht sie.

Auf die Anregung einer Freundin hin tauscht Philipp 2004 das Business-Kostüm in funktionstüchtige Wanderklamotten und wagt den Schritt in die Freiberuflichkeit – den allerdings mit einem Sicherheitsnetz: „Meine Miete finanziere ich immer noch durch die Anwaltskanzlei, bei der ich einen Tag in der Woche aushelfe. Nur so ist mein Grundeinkommen gesichert“, erklärt sie. „Deshalb habe ich nicht so viele Sorgen wie andere Selbstständige.“

Trotzdem war sie am Anfang ihrer Eigenständigkeit häufig unsicher. „So ein Projekt funktioniert nicht sofort“, stellt Philipp klar. „In den ersten Jahren musste ich die meisten Wanderungen absagen, weil sie so schlecht gebucht waren.“ Das habe sich erst in den vergangenen Jahren stabilisiert.

2012 sind bereits 14 Wandertermine fest gebucht, hinzukommen könnten noch Betriebsausflüge, Naturgeburtstage, Kinderwanderungen oder Kooperationen mit Schulen. Inzwischen läuft vieles über Mundpropaganda. Das Problem sei, dass sie in einem Bereich mit geringem Budget arbeite. „Ich kann für meine Führungen nur einen bestimmten Betrag verlangen. Viele überlegen sich gut, ob sie Geld dafür ausgeben wollen, um mit mir in den Wald zu gehen“, sagt sie. Neun Euro könne sie für eine Tagestour verlangen – zu wenig, um davon zu leben. „Eigentlich ist es gut, wie es ist“, sagt sie daher mit Blick auf ihren Bürojob. „Ich mag es, ins Büro zu gehen, Kollegen zu trefffen“. Das entspanne sie und gebe ihr Sicherheit. „So kann ich mich völlig entspannt der Umweltbildung widmen, auch wenn da mal nicht so viel Geld ins Haus kommt.“
  



Andrea Munkert

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