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Bekannte Martersäule von Neunhof

Steinerne Buße für Totschlag im Knoblauchsland - 24.01.12

Nürnberg  - Weit über das Knoblauchsland hinaus bekannt ist das eindrucksvolle „Steinkreuznest“ mit der Martersäule an der Oberen Dorfstraße am südlichen Ortsrand von Neunhof, ist es doch eines der schönsten, das wir in Franken kennen. Typisch ist die Lage des fast dreieinhalb Meter hohen Bildstocks an der alten Gemeindegrenze zu Kraftshof.

Wie verloren stand noch in den dreißiger Jahren die Neunhofer Marter mit den vier Steinkreuzen in der offenen Flur. Diesen Eindruck hielt die „Bildkunstkarte“ von
 Johannes Seiler fest.
Wie verloren stand noch in den dreißiger Jahren die Neunhofer Marter mit den vier Steinkreuzen in der offenen Flur. Diesen Eindruck hielt die „Bildkunstkarte“ von Johannes Seiler fest.
Foto: Hermann Rusam
Wie verloren stand noch in den dreißiger Jahren die Neunhofer Marter mit den vier Steinkreuzen in der offenen Flur. Diesen Eindruck hielt die „Bildkunstkarte“ von
 Johannes Seiler fest.
Wie verloren stand noch in den dreißiger Jahren die Neunhofer Marter mit den vier Steinkreuzen in der offenen Flur. Diesen Eindruck hielt die „Bildkunstkarte“ von Johannes Seiler fest.
Foto: Hermann Rusam

Schon ihrem ganzen Aussehen nach lässt sich die Martersäule mit ihrem rechteckigen Schaft und der kastenförmigen Ädikula, die von einem Satteldächlein bekrönt wird, in das Spätmittelalter einordnen. Die Einordnung fällt deshalb leicht, weil der Brauch, Flurdenkmäler zu setzen, mit der Reformation in Nürnberg und seinem Landgebiet im Jahr 1525 ein Ende fand.

Wie bei vielen gotischen Martersäulen fehlt auch bei der Neunhofer Marter der Sockel. Der aus Burgsandsteinquadern gefügte Schaft, den keinerlei Profilierung ziert, geht konisch zur Ädikula über. Das stark beschädigte Satteldächlein ist vor wenigen Jahren restauriert worden.

Gotische Spitzbogenblende



Die Südseite des Tabernakels zeigt ein verwittertes Relief mit Maria und Johannes unter dem Kreuz, die Nordseite zeigt die Gregoriusmesse mit dem Schweißtuch der Veronika. Während die Ostseite der Ädikula leer bleibt, erkennt man in einer gotischen Spitzbogenblende auf der Westseite noch die unscharfen Umrisse des heiligen Leonhard, des Nothelfers für Pferde.

Wissenschaftlich bedeutsam wird die Neunhofer Marter dadurch, dass sie als das älteste Flurdenkmal in der Gegend rund um Nürnberg gilt, für das mit großer Wahrscheinlichkeit ein urkundlicher Beleg gefunden wurde. In einem Wöhrder Gerichtsbuch des „Amtes der Vesten“ aus den Jahren 1433 bis 1436 ist ein alter Sühnevertrag verzeichnet, dem ein Totschlag im Knoblauchsland vorausgegangen war. Beim Totschläger handelte es sich um Heinz Ringmann aus Neunhof, sein Opfer war Hans Morder, ein Bauer aus Kraftshof.


So sieht das Flurdenkmal heute aus – genauer gesagt wird es im kommenden Frühjahr aussehen. Die Steinkreuze im Vordergrund wurden erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus anderen Teilen der Flur zu der Martersäule gebracht und aufgestellt.
So sieht das Flurdenkmal heute aus – genauer gesagt wird es im kommenden Frühjahr aussehen. Die Steinkreuze im Vordergrund wurden erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus anderen Teilen der Flur zu der Martersäule gebracht und aufgestellt.
Foto: Hermann Rusam
So sieht das Flurdenkmal heute aus – genauer gesagt wird es im kommenden Frühjahr aussehen. Die Steinkreuze im Vordergrund wurden erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus anderen Teilen der Flur zu der Martersäule gebracht und aufgestellt.
So sieht das Flurdenkmal heute aus – genauer gesagt wird es im kommenden Frühjahr aussehen. Die Steinkreuze im Vordergrund wurden erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus anderen Teilen der Flur zu der Martersäule gebracht und aufgestellt.
Foto: Hermann Rusam

Die wichtigsten Passagen des Sühnevertrags (Datum: „anno 1435“) zwischen dem Totschläger und den Hinterbliebenen des Bauern, in dem die vom Täter zu erbringenden Bußen aufgezählt werden, lauten:

„...für die puß des totslags richten und bezalen sullen..."



„...für die puß des totslags richten und bezalen sullen zum ertsten 50 selmeß dy sullen sy lassen lesen mit Seboldt Morders wissen und ein halb zenntner wachs und ein stainene Marter im maße die marter so sein als die auff dem Tyrgarten und die pesserung der marter sol sten als dy vier erkennen und ein Romfart dy vollbracht sol werden zu Rom und nicht neher und zwo Achfert und 10 ft. darinne begern sy gnad wenn er aber in die Achfert in den ersten Fußptritt kumt oder in die Romfart und dorinne abging von tods wegen so sollten dy purgen ledig sein. Das sollt geschehen in dreyen jaren...“

Obwohl im Vertrag der Platz für die Martersäule nicht ausdrücklich genannt wurde, darf doch auf Grundder Lokalisierung der Beteiligten angenommen werden, dass es die Neunhofer Marter ist, die – anstatt eines sonst üblichen Steinkreuzes – um 1435 als Sühnemal gesetzt wurde.

Wenig Beachtung hat bisher ein auf der Ostseite der Marter in halber Höhe eingeritztes etwa 40 Zentimeter langes Zeichen gefunden, das wie eine nach oben gerichtete Speerspitze aussieht. Es handelt sich um einen auch von anderen Orten bekannten Handwerkerzinken böhmischer Hafner, mit dem die Treffpunkte der auf der Walz wandernden Handwerksburschen markiert wurden.

Vier schmucklose, aber trotz der einheitlichen Grundform des lateinischen Kreuzes doch recht verschieden gestaltete schlichte Steinkreuze flankieren den Bildstock, drei links (nördlich) der Marter, eines rechts vor ihr. Beim ersten Kreuz (ganz links) sind unter den Seitenarmen viertelkreisförmige Stützen angebracht. Auffällig sind beim zweiten und beim vierten Kreuz die infolge der Verwitterung oben abgerundeten Querarme. Das dritte Kreuz schließlich zeigt gegenüber den anderen Steinkreuzen der Gruppe einen etwas verlängerten unteren Teil.

Wie durch einen hoch betagten Augenzeugen vor Jahren belegt werden konnte, ist die Gruppe nicht gemeinsam entstanden. Die beiden nördlichen etwas abgerückt stehenden Steinkreuze sind erst in späterer Zeit hinzugefügt worden. Das Steinkreuz ganz links stand ursprünglich rund 500 Meter weiter östlich an einem Feldweg, der noch heute bei dem „Steinkreuznest“ die Obere Dorfstraße quert. Der Standort des zweiten Steinkreuzes befand sich etwa 50 Meter südlich vom Neunhofer Schlösschen inmitten der Flur. Die Umgruppierung erfolgte erst um 1896/99, als der Feldweg verbreitert und befestigt wurde.

„Die dreißig Pfarrherren“


Im Jahre 1906 restaurierte man die stark verfallene Gruppe. Bei dieser Gelegenheit stieß man in geringer Tiefe auf das Skelett eines großen Mannes, dessen einer Arm wie zum Schutz der Augen über den Kopf gelegt war. In nächster Nähe lag ein großes Messer.

Im Volksmund heißt die Gruppe „Die dreißig Pfarrherren“. Die Sage will wissen, dass hier während des Bauernkrieges dreißig katholische Pfarrherren von den aufrührerischen Bauern hingerichtet wurden. Einer anderen Geschichte zufolge bezeichnet der Bildstock mit den Steinkreuzen den Ort eines Soldatengrabs aus dem Dreißigjährigen Krieg.

In früheren Zeiten erwartete der Kraftshofer Pfarrer bei dem Flurdenkmal den von auswärts kommenden Leichenzug und geleitete ihn unter Glockengeläut zum Friedhof. Noch lange soll sich der Brauch gehalten haben, dass Bauern vor der Martersäule der Hut zogen.

Im Jahr 1958 setzte der Heimat- und Volkstrachtenverein Neunhof die Gruppe instand. Einige Bänke wurden aufgestellt und eine kleine Grünanlage geschaffen, die zu beschaulicher Betrachtung einlädt. Die vier wuchtigen Steinkreuze mit der hochstrebenden Martersäule, mit den Türmen und Mauern der Kraftshofer Wehrkirche im Hintergrund lassen vor uns das von feierlichem Ernst getragene Bild einer altfränkischen Landschaft entstehen, wie es heute nur noch selten in dieser Schönheit zu finden ist.
 

  



Hermann Rusam

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