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Der Teufel ließ sich nicht lange bitten

Um die Lorenzkirche ranken sich viele düstere Sagen: - 06.04.09

Nürnberg  - Gotteshäuser besitzen anscheinend magische Anziehungskräfte, was das Entstehen von Sagen betrifft. Dies lässt sich in Nürnberg hervorragend an der Lorenzkirche belegen, um die sich ein ganzer Zyklus der verschiedenartigsten Legenden rankt. Erstaunlicherweise geht es dabei meist nicht um erbauliche Dinge, sondern um Neid, Missgunst, Verbrechen und erbitterten Wettkampf.


Das Leben des römischen Diakons und Kirchen-Patrons St. Laurentius lieferte auch Stoff für etliche Legenden. Sie handeln in erster Linie von seiner unerschrockenen Standhaftigkeit im Angesicht eines qualvollen Märtyrertodes.
Das Leben des römischen Diakons und Kirchen-Patrons St. Laurentius lieferte auch Stoff für etliche Legenden. Sie handeln in erster Linie von seiner unerschrockenen Standhaftigkeit im Angesicht eines qualvollen Märtyrertodes.
Foto: Sippel

In dieses Bild passt auch der Wettstreit um den «bedeutenderen» Heiligen, den sich St. Sebald und St. Lorenz einst lieferten. Um gegen die in der Sebalduskirche von vielen Pilgern verehrten sterblichen Überreste des frommen Einsiedlers ein Gegengewicht zu setzen, holte man einen Teil der Gebeine des heiligen Deocarus aus Herrieden nach Nürnberg. Ein aus heutiger Sicht völlig absurder Konkurrenzkampf, der aber der Lorenzkirche durchaus regen Zulauf bescherte. Anders als die Sebaldus-Gebeine sind die Deocarus-Reliquien allerdings bereits längst wieder aus Nürnberg verschwunden (sie wurden 1845 nach Eichstätt gebracht).

Ein weiterer Kleinkrieg soll sich laut einer Legende zwischen den Kirchen-Baumeistern selbst zugetragen haben. Zwei von ihnen, die mit der Errichtung des Nordturmes beauftragt waren, sollen einen dritten erst einmal mit üblen Verleumdungen «hinausgemobbt» haben und sich dann bis aufs Blut überworfen haben. Das Ende vom Lied: Beide stießen sich vom halbfertigen Turm gegenseitig in den Abgrund. Dadurch kam der dritte Baumeister doch noch zu seinem Recht. Statt wie vom Rat verlangt ein Gedenkzeichen an der Stelle des Verbrechens anzubringen, ließ er lieber das betreffende Fenster zumauern.

Unrecht bestimmt auch die Legende vom armen Diener Veit, der bei der Familie Imhoff unter anderem für das Familiensilber zuständig war. Als bei einem Fest ein wertvoller Becher gestohlen wurde, lastete man dies dem treuen Diener an, obwohl der nicht müde wurde, seine Unschuld zu beteuern. Trotzdem wurde er verhaftet, gefoltert und schließlich zum Tod am Galgen verurteilt. Später aber fand sein Herr den verschwundenen Kelch in einem nur ihm bekannten geheimen Schubfach – randvoll gefüllt mit Blut. Reuevoll zeigte er sich selber an und musste zur Sühne einen Strick um den Hals tragen. Zum Gedenken an seinen Diener soll er seine Gebeine in Silber gefasst und sie in einem Altar in St. Lorenz ausgestellt haben.

Nicht weniger düster ist die Geschichte der «Totenmesse»: Auch hier spielt eine Angehörige der Familie Imhoff die Hauptrolle. Sie war der Legende nach frühzeitig Witwe geworden und besuchte täglich die Lorenzkirche. Einmal glaubte sie, die Glocken für die Frühmesse zu hören, in Wirklichkeit aber war es mitten in der Nacht vom 1. auf den 2. November, dem Allerseelentag. Als sie in der Kirche saß und die anderen Messbesucher beobachtete, musste sie feststellen, dass es sich ausnahmslos um Verstorbene handelte. Darunter war auch eine Jugendfreundin, die ihr einschärfte, sofort die Kirche zu verlassen, da sie sonst in Stücke gerissen würde. Die Flucht gelang, aber die Lebensfreude der Frau war nun vollends zerstört, so dass sie ins Kloster St. Klara ging.

Dieser Schritt garantiert aber offenbar nicht immer für einen frommen Lebenswandel, was die Legende vom «eingemauerten Mönch» belegt. Sie rankt sich um eine kleine steinerne Rattenfigur in der Lorenzkirche, die einen Wurstzipfel im Maul trägt. Angeblich erinnert sie an einen verbrecherischen Mönch, der als Strafe für seine Taten lebendig eingemauert wurde (vielleicht hat sich ja Edgar Allan Poe von dieser Geschichte inspirieren lassen). Doch der Delinquent hatte Glück im Unglück: Eine mitleidige Magd versorgte ihn in seinem steinernen «Grab» durch ein kleines Loch hindurch mit Essen und Trinken. Erst als man in der Kirche eine Ratte mit einem Wurstzipfel umherhuschen sah, flog die Sache auf. Der noch lebende Mönch wurde befreit und begnadigt.

Schlimmer erging es dem «Helden» der wohl bekanntesten Sage im Schatten von St. Lorenz: Es ist die Geschichte vom Schusserbuben, der beim Spielen kräftig geschummelt und den Teufel als Zeugen für seine angebliche Unschuld angerufen haben soll. Der Angesprochene ließ sich nicht lange bitten und holte den armen Sünder, dessen trauriges Schicksal bis heute am steinernen «Teufelsbrunnen» verewigt ist. Ein weiteres Andenken an den kleinen Schummler soll das sogenannten «Lausbubenkäpple» sein, ein eigenartig geformter Blechknauf auf dem Chordach der Kirche. Zum Abschluss findet sich wenigstens eine der noch vielen existierenden Lorenz-Legenden, bei der sich der Zuhörer über ein gutes Ende freuen kann: Sie handelt von einem Jungen, der in den Reichswald hinauslief, um dort von den Zeidlern Honig zu holen. Da er aber den Weg nicht genau kannte, verirrte er sich hoffnungslos. Doch er hatte großes Glück im Unglück: Seine besorgten Eltern hatten die Pfarrer von St. Sebald und St. Lorenz gebeten,

die Glocken auf ihren Türmen zu läuten, um dem «verlorenen Sohn» zur Heimkehr zu verhelfen. Tatsächlich fand der Junge dank dieses Signals den Weg zurück, und der glückliche Vater spendete viel Geld, um allabendlich um neun Uhr die Glocken läuten zu lassen.

Lesetipp: Emmi Böck: Nürnberger Stadtsagen, Hofmann Verlag 



Clemens Helldörfer

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