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Peter Hammer mit einem Rollkoffer abzubilden, geht überhaupt nicht. Ein solches Allerwelts-Gepäckstück begleitet den Künstler und Musiker in letzter Zeit zwar regelmäßig in seinem bewegten Leben. Aber ein Allerwelts-Reisender ist Peter Hammer auf gar keinen Fall. Und so steigen wir die vielen Stufen hinauf in das oberste Stockwerk des Turmes in der Stadtmauer, den er bewohnt. Vorbei an einem hölzernen Fahrrad, das er gebaut hat und das jetzt hier am Geländer lehnt. Vorbei an den hölzernen Bögen an der Wand, die er gemacht hat. Vorbei an vielen seiner kuriosen Maschinen, die er aus Schrottteilen zusammenbaut. Vorbei an all diesen Dingen, die sich zusammenfügen zu einem Gesamtkunstwerk, in dem Bewegung eine zentrale Rolle spielt.
Droben im Zimmer holt Peter Hammer den anderen Koffer hervor. Dieser Koffer ist aus Leder handgenäht und hat Messingschlösser – und er ist alt, ein Museumsstück eigentlich. Der Koffer hat, wie sein jetziger Eigentümer, eine bewegte Vergangenheit. Der 70-Jährige hat ihn von seiner Mutter geerbt. Die habe ihn, so berichtet Peter Hammer, von Colonel Corby erhalten, der Bezirkskommandeur der amerikanischen Streitkräfte im Nürnberger Raum gewesen sei und bei dem Peter Hammers Mutter als Haushälterin arbeitete. Der Koffer, so wurde ihm erzählt, habe die Strecke Europa-Amerika bereits zwei Mal zurück gelegt. Zuerst auf dem Seeweg, als die Vorfahren der Corbys von Europa nach Amerika auswanderten, danach wieder zurück von Amerika nach Europa.
Wenn Peter Hammer den Deckel des Lederkoffers hochhebt, gelangt man direkt zu seiner eigenen Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte eines Nomaden. Sie kann nicht so einfach nacherzählt werden, zu viel ist passiert, aber Bewegung und Reisen und wahrscheinlich auch die eine oder andere Flucht spielen eine Hauptrolle in diesem Leben. Und die Seefahrt.
Im Koffer liegt ein gerahmtes Bild, das ein Segelschiff auf hoher See zeigt. Peter Hammer hat es als Jugendlicher gemalt. Das war, bevor der gebürtige Hamburger, der in der Oberpfalz aufwuchs, zu jahrelangen Reisen aufbrach, zu Land und zu See, die ihn durch halb Europa, bis nach Südafrika, Israel und Jordanien brachten. Warum ihn schon damals Schiffe so faszinierten? Vielleicht, weil er wusste, dass sein Vater, den er nie kennengelernt hat, Steuermannsmaat gewesen war? Erst im vergangenen Jahr hat Peter Hammer mehr über seinen Vater erfahren und dabei entdeckt, dass er eine weitverzweigte Familie hat. Und er weiß jetzt, dass sein Vater die Welt auf Schiffen befuhr, später Kapitän und zum Schluss Hafenmeister in Buenos Aires war.
Im obersten Turmzimmer schließt Peter Hammer den Deckel des Lederkoffers wieder. Ein riesiges Uhrwerk, das er gebaut hat, gibt hier oben metallische, klackernde Töne von sich. Es bewegt ein Pendel, das durch einen Schlitz in den Decken sämtlicher Stockwerke hinunterhängt bis in den ersten Stock. Dort, in Peter Hammers Wohnküche, kann man gut plaudern übers Reisen, während das mächtige Pendel gleichmäßig an der Wand entlang hin und her schwingt und ein sanftes Geräusch erzeugt.
„Ich mache Pendel in allen Variationen“, sagt Peter Hammer. Den Turm aus dem 14. Jahrhundert hat er mit dem Riesenpendel in eine gigantische Standuhr verwandelt, die ihre eigene Zeit anzeigt. Das Pendel einer hölzernen Uhr neben dem Fenster bewegt sich dagegen viel schneller, und vor dem Fenster pendelt, vom Wind bewegt, eine Eisenkugel an einer blauen Schnur sachte hin und her.
„Das Thema hier ist ,Zeitmaschine’“, ergänzt Peter Hammer. „Hier gibt es Sachen, die extrem langsam gehen, aber auch Sachen, die extrem schnell gehen.“ Er holt eine Versteinerung einer Schnecke hervor, die er auf einem Acker gefunden hat. „Ein Stück Zeitmaschine“, sagt er. „60 Millionen Jahre alt.“
Bewegung und Zeit – aus diesen beiden Komponenten besteht Reisen in Peter Hammers Augen. Das Ziel des Reisens sei die Bewegung, und Bewegung sei die einzige Konstante. Eine seiner Leidenschaften gilt der Archäologie, auch hier spielt die Zeit eine Rolle. Und kein Wunder, dass ihn vor allem die Jäger- und Sammlerkulturen interessieren, für die Bewegung essentiell war. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat er in der Vergangenheit für Archäologen Fundstellen aufgestöbert, weil er, wie er selbst sagt, ein besonderes Gespür für Nomaden habe. Friedliche Kulturen übrigens, findet er, die Waffen vor allem zum Erlegen von Tieren gebrauchten, aber nicht, um andere zu überfallen und Hab und Gut anzureichern.
Heutzutage zieht es Peter Hammer meistens nach Italien, wo er mit Freunden auf Booten auf dem Meer unterwegs ist. Viele Utensilien, die er braucht, wie zum Beispiel eine Gitarre, hat er vor Ort eingelagert. In seinem Rollkoffer nimmt er Proviant mit. „Sachen, die es in Italien nicht oder nur sehr teuer gibt, wie Haferflocken, Erdnussbutter oder Lebkuchen“, sagt er. Früher hatte er nur einen kleinen Rucksack dabei, an dem außen ein Schlafsack hing. Nicht fehlen durfte ein Musikinstrument – Gitarre oder Banjo – , das er für seine Auftritte in Musikclubs brauchte.
Schiffe, das Meer, ferne Länder, all das taucht auch in Peter Hammers Liedern auf. Vor kurzem trat er im Casablanca auf und erzählte und sang aus seinem Leben. „Heimweh nach weit weg“ heißt eines seiner Lieder.
Fr. 18.05.12
Fr. 18.05.12
Do. 17.05.12
Mo. 14.05.12