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Sogar im hellen Licht unseres Muttersterns müssen wir nun den Kragen hochschlagen und uns das Gesicht verhüllen. Die Sonne scheint momentan zwar, aber sie wärmt nicht. Ich als Taxifahrer muss bei der Wahl meiner Standplätze jetzt besonderen Einfallsreichtum an den Tag legen. Am besten sind solche Orte, an denen man sich in einem Laden oder Café aufwärmen und dabei die Zahl der Taxis, die vor einem sind, im Auge behalten kann, um in der Warteschlange bei Zeiten vorzurücken.
Doch oft genug muss ich im Auto warten. Mit dicker Jacke, Schal und Mütze, aber nach einer gewissen Zeit, sofern ich nicht hin und wieder den Motor laufen lasse, trotzdem fröstelnd. Besonders in den klaren Nächten, die sehr kalt sind. Ungehindert kann dann mein Blick zum Sternenhimmel wandern – und so wie die Restwärme des Tages in das All entweicht, schweben meine Gedanken nach oben, getragen von einer nur imaginären Thermik.
Nichts als Kälte wartet dort oben über uns in der Weite des Weltraums mit seiner ewigen Nacht. Auf 270 Grad minus taxieren Wissenschaftler die Temperatur außerhalb der Atmosphäre unseres Planeten und in der riesigen, für uns mit unserem Menschenhirn gar nicht begreifbaren Entfernung zwischen den Sternen.
Dem französischen Philosophen Blaise Pascal ist sein berühmter Ausspruch über die Unendlichkeit bestimmt in einer kalten Winternacht eingefallen: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.“ Mich auch, und zwar schon bei minus 10 Grad Außentemperatur. Da wage ich gar nicht, an meine Kollegen in der Ukraine, in Weißrussland oder noch weiter im Osten zu denken: Bei minus 30 Grad muss der Motor ständig laufen, will man nicht erfrieren.
Und doch macht diese Energiezufuhr nur auf kleinem Raum Sinn. Der Weltraum über mir mit seiner astronomischen Kälte ist durch nichts zu erwärmen. Es ist kein beruhigender Gedanke, dass unser kleiner Planet nur dank seiner Atmosphäre vom totalen Temperaturverlust geschützt wird – ähnlich wie die zierliche, viel zu dünn angezogene Frau, die ich gestern von einer 20er-Jahre-Faschingsfeier nach Hause fuhr. Eine Federboa trug sie über einem Mäntelchen, das kaum das schulterfreie Cocktailkleid so richtig zu bedecken vermochte. Und das mit Perlen besetzte Stirnband auf ihrem Kopf hatte auch nur dekorativen statt wärmenden Charakter.
Sie bibberte, während ich die Heizung in meinem Taxi voll aufdrehte. Außerhalb des Autos warteten die gierige, unnachgiebige sibirische Kälte und der unbelebte, unbeheizbare Weltraum. Ob dort die Seelen all jener sind, die vor 90 Jahren in den Goldenen Zwanzigern Fasching feierten? Ich hoffe es nicht, ich wünsche ihnen in ihrer sternenklaren Einsamkeit wenigstens so etwas wie eine wärmende Sonne.
Fr. 18.05.12
Fr. 18.05.12
Do. 17.05.12
Mo. 14.05.12