Er versteht sich als Praktiker. Für Heiner Bielefeldt waren Menschenrechte nie nur ein abstrakt- wissenschaftlicher Gegenstand, sondern stets auch konkret präsent. «Menschenrechte sind ein Thema, das mich persönlich bewegt hat», sagt der Professor am interdisziplinären Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Er hat sich ehrenamtlich für Amnesty International und im kirchlichen Bereich engagiert - «und das mit wissenschaftlichem Interesse verbunden». Seit wenigen Wochen ist noch ein ganz besonderes Ehrenamt hinzugekommen: Bielefeldt ist als UN- Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit tätig.
Das heißt: Bielefeldt wird viel reisen, er wird vor Ort überprüfen, ob die Religionsfreiheit als Menschenrecht garantiert wird - und er wird den UN-Menschenrechtsrat regelmäßig und öffentlich über die Ergebnisse seiner Reisen informieren. Es ist ein Amt, das Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick erfordert, denn er bearbeitet ein sensibles Feld.
Bielefeldt darf zum Beispiel nicht einfach irgendwo einreisen, wo es gerade brenzlig wird in Sachen Religionsfreiheit. Er wird offiziell eingeladen von den Staaten, denn: «Ohne Konsens mit den Ländern geht gar nichts.» Die Vereinten Nationen versuchten jedoch eine Praxis zu etablieren, dass den Sonderberichterstattern eine permanent gültige Einladung ausgesprochen wird.
Da erstaunt es umso mehr, dass auf der Reiseliste seiner Vorgänger auch Staaten wie Iran, Pakistan, Bangladesch oder Laos verzeichnet sind. Der UN-Menschenrechtsrat übe durchaus Druck auf die Länder aus, die Sonderberichterstatter einreisen zu lassen und mit ihnen zu kooperieren, sagt Bielefeldt.
Rund 40 Sonderberichterstatter reisen im Auftrag des Menschenrechtsrats um die Welt. Für die Ämter gibt es keine öffentliche Ausschreibung. Der 52-Jährige war von seiner Ernennung überrascht - doch liest man seinen Lebenslauf, so ist er unumstritten ein Experte für Fragen der Menschenrechte und der Religionsfreiheit: Der gebürtige Rheinländer hat Philosophie, katholische Theologie und Geschichte studiert, in Philosophie promoviert und sich habilitiert. Nach Lehrtätigkeiten in unterschiedlichen Fachbereichen leitete er von 2003 bis 2009 das Deutsche Institut für Menschenrechte, seit knapp einem Jahr führt er den Erlanger Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik.
«Es gibt viele Länder der Welt, in denen es düster aussieht», sagt Bielefeldt - es ist eine ernüchternde Bestandsaufnahme zur Frage der Religionsfreiheit. Wobei er den Begriff gerne erweitern würde, drehe sich doch das völkerrechtlich festgeschriebene Recht auf Religionsfreiheit nicht nur um Religionen im engeren Sinne, sondern auch um die Freiheit in weltanschaulichen Fragen: «Es geht um das Recht des Menschen, sich in Fragen der Religion und der Weltanschauung selbst zu orientieren.»
Und: Bielefeldt ist es wichtig, dass er kein Schutzherr der Religionen ist: «Es geht um das Recht des Menschen, nicht um das Recht von Religionen.» Religionen, so ist es Bielefeldts feste Überzeugung, müssten auch Kritik aushalten können. «Religionsfreiheit ist nicht Religionsfrieden. Freiheit schließt auch die Möglichkeit ein, sich kritisch zu Religionen zu äußern. Deshalb hat die Religionsfreiheit auch eine große Nähe zur Meinungsfreiheit.»
Beate Rudolf, Chefin des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin, lobt gerade deshalb Bielefeldts Ernennung: Schließlich stelle er sich bewusst gegen Forderungen, der Staat müsse jegliche Form der Religionskritik unterbinden. Für viele Staaten sei es ein Lernprozess, dass Religionen oder Religionsvertreter auch kritisiert werden können, ohne dass das dem Recht auf Religionsfreiheit widerspreche.
Trotz seiner Aufgaben als UN-Sonderberichterstatter will Bielefeldt sich weiter ausreichend Zeit für Lehre und Forschung an der Erlanger Uni nehmen. «Ich verstehe mich nach wie vor als Hochschullehrer», sagt er - aber er kann seinen Studenten nun einen ganz besonderen Erfahrungs- und Erlebnisschatz vermitteln.


