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„Das Werk, es muss den Meister loben. Doch der Segen kommt von oben“, heißt es bei Schiller. Doch manchmal verlangt es den Ästheten nach saftigen Details aus Künstlers Nähkästchen. Zur Zeit sorgt Johannes Grützke mit seiner Werkschau im Germanischen Nationalmuseum für Furore. Nachdem sich schon im Vorjahr erste „Expertengespräche“ beim Publikum bewährt hatten, erfährt Grützke nun ebenfalls vier solcher Gespräche im Angesicht seiner Kunst. Den Auftakt machte Doctora designata Sabrina Kühn zum dankbaren Thema „Männlichkeit und Weiblichkeit“. Mit dabei: Vera Lier, Grützkes damaliges Modell.
Aaah, welch Anblick! Eine unbekleidete Frau übersteigt Barrieren, Männer folgen ihr und vor allem ihrem Allerwertesten. Vera Lier zeigt sich 40 Jahre nach Entstehung des Bildes „Darstellung der Freiheit“ immer noch stolz über den Eindruck, den sie auf dem Gemälde hinterlässt. Nun kommt die Überraschung: „Johannes Grützke hatte totale Nacktheit zuvor nie dargestellt. Er befand sich damals in der Phase der schmerzhaften Trennung von seiner Frau. Diese war katholisch erzogen, als Kind musste sie im langen Badehemd in die Wanne steigen. Nacktheit war für sie ein von Kindheit an anerzogenes Tabu.“
Ganz unbekleidet ist Vera Lier aber nicht. Sie trägt rote, hochhackige Schuhe. „Und die gehörten Grützkes Ex.“ Soll das heißen, dass Vera Lier in deren Fußstapfen tritt? Oder dass etwas von der alten Liebe überleben sollte? Wer weiß...
Frauen sind ja ohnehin ein Rätsel, unergründlich wie das Meer; da sind Grützkes Mannsbilder recht einfach zu entschlüsseln. Grützke steckt seine Männer gerne in Gesellschaftsanzüge, versammelt sie zu honorigem und hochrespektablem Anlass. Und dann weckt er liebend gern das Kind im Manne. Dann kollidiert bübisches Grinsen, das die Besucher je nach Gusto als lüstern, hämisch oder hilflos empfinden, mit der „seriösen“ Kluft des Anzugs. Der Mann, ein überfordertes Wesen?
Zumindest Anfang der 70er Jahre schien Grützke überfordert von Trennung und Widrigkeiten. Das „Monument der Tröstungen“ (1971) zeigt vier glatzköpfige betrübte Männer, die sich gegenseitig Stütze und Trost bieten. Das weckt wahrhaft Mitleid bei Besucherinnen. Hingegen sorgen „Fünf nackte Männer“, die genau das halten, was der Titel verspricht, für Heiterkeit bei den Besuchern. Lustigerweise scheinen die fünf Klone im Adamskostüm sich ihrer Kreatürlichkeit zu genieren. Alle Herren vollführen Gesten der Übersprungshandlung, weil sie sich ertappt fühlen. Sie gucken auf die Uhr, kratzen sich an Kopf und Hintern und grinsen hilflos, bloß ihr Gemächt verdecken sie nicht.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Künstler ist nicht abzustreiten. Vera Lier meint: „Damals fühlte Grützke sich tatsächlich nackt und bloßgestellt – und so hat er sich eben dargestellt.“ Furchtbar genierlich fanden das 1971 auch andere Herren, die das großformatige Bild aus einer Ausstellung entfernten. Ebenso genierlich fand das die Presse, die über die Entfernung zwar süffisant berichtete, auch das Bild ablichtete, doch die entscheidenden Corpora delicti mit schwarzen Balken überklebte.
Aber sind angezogene Männer vertrauensstiftender? „Komm, setz dich zu uns“, laden drei Geschäftsmänner im Grünen den Betrachter zu sich ein. Doch das freundliche Grinsen ist einen Tick zu schmierig, die Augenwinkel eine Spur zu verkniffen, um warmherzige Freundlichkeit auszustrahlen. Wahrscheinlich schwatzen sie uns nach ein paar Minuten ein „todsicheres Geschäft“ auf. Der Betrachter, aufgefordert, ins Bild einzusteigen, kann diese Leistung nicht vollbringen – und ist darüber sogar ganz erleichtert.
Ist Johannes Grützke ein Narziss? Der Vorwurf ist Jahrzehnte alt, doch Vera Lier ist um eine Erklärung nicht verlegen: „Der Grützke war damals (um 1970) ein armer Künstler, jung, mit Frau und Kind. Nachts ist er arbeiten gegangen, um das Tageslicht zum Malen zu nutzen. Für Modelle hatte er kein Geld, dafür hatte sein Vater eine Spiegelfabrik.“
Gut, die Männer sind also hilflos-schmierig-kindisch. Aber offenherzig. Und die Frauen? Vera Lier steht vor ihrem Dreifach-Portrait „Die Befreiung der Frau durch die Frau, dargestellt durch Vera Lier“. Eine nackte, füllige, grinsende Frau löst einer ebenso nackten Frau die gefesselten Hände, eine dritte Schwester im Fleische lässt die Schlingen lässig baumeln.
Doch ganz entspricht die Vision nicht der anatomischen Wahrheit. „Ich war damals gertenschlank“, erzählt Vera Lier, „da hatte mir der Grützke einfach ein paar Pfunde angedichtet. Meine Figur war ihm damals zu ideal.“ Das ist nicht kavaliersmäßig. „Mir hat das nichts ausgemacht“, beruhigt Vera Lier, „mein Vater war auch Maler, und ich bin von Kindheit an daran gewöhnt, Modell zu stehen, und die Maler machten, was sie wollten.“
Idealen Frauenkörpern ging Grützke aus dem Weg, sein Interesse ging zu Körperlichkeiten, die etwas außerhalb der ästhetischen Norm standen: zu füllig oder zu dürr. Mit anatomisch denkwürdig arrangierten Frauengestalten benutzt Grützke die Frauen als Baustein, als Spielmaterial. Ist das nun frauenfeindlich? Nein, so funktioniert die Aktmalerei seit Jahrhunderten. Neu ist nur die anatomische Unvollkommenheit, die Blässe der Haut, wo die Sonne nicht hinreicht, oder die vom Atelierstaub dreckigen Füße.
Erst hinterher fällt uns auf, was fehlt: Gemeinsame Bildnisse von Mann und Frau. Ja wo bleibt denn nun die Zweisamkeit?
Nächster Termin: „Grützke und das Theater“, am 12. Februar 2012 im Germanischen Nationalmuseum.


