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„Fast wie im richtigen Leben“

Schüler schlüpften in die Rolle von Abgeordneten und Journalisten - 11.05.11

Nürnberg  - Beim Planspiel „Der Landtag sind wir“ schlüpften etwa 50 angehende Industriekaufleute für vier Stunden in die Rolle von Abgeordneten und Journalisten.


9 Uhr morgens im „Wandelgang“ der Berufsschule 4: Der gerade gewählte Fraktionsvorsitzende der CSU tritt vor die Presse. Breitbeinig, die Hände in den Taschen: „Wir sind guter Dinge, dass wir unseren Gesetzentwurf durchbringen werden.“ Dieser sieht vor, die Personaldaten von Käufern, die ein Computerspiel ohne Jugendfreigabe erwerben, in der Datenbank „Extremspieler Bayern“ zu erfassen. Doch bevor daraus ein Gesetz wird, müssen Fraktions-, Ausschuss- und Plenarsitzungen absolviert werden.

„An dieses Planspiel werden sich die Schüler noch lange erinnern“, sagt Tobias Raschke, einer von vier Dozenten des Bildungsprojekts. Das Spiel wurde im Auftrag des Landtages von der Forschungsgruppe Jugend und Europa (FGJE) am Zentrum für angewandte Politikforschung der Universität München entwickelt.

Es gibt zwei Versionen, die auf die einzelnen Schularten zugeschnitten sind. Die Schulen können sich bewerben, die Kosten trägt der Landtag. Gespielt wird am Montag oder Freitag, wenn im Maximilianeum keine Sitzungen stattfinden. Landtagsvizepräsidentin Christine Stahl (Die Grünen) hat sich den ganzen Morgen Zeit genommen, um die Simulation zu begleiten. Sie ist schon zum dritten Mal dabei. „Es ist fast wie im richtigen Leben“, sagt sie. Selbst die Arroganz der Regierungsparteien und die Ohnmacht der Opposition spiegelten sich in den Äußerungen der Schüler wider.

Am Ende kommt der Kompromiss

Das Verständnis für politische Abläufe könne nirgendwo besser vermittelt werden, als in einem Planspiel, so Stahl. „Demokratieerziehung heißt, andere ausreden lassen.“ „Der Stoff in Staatsbürgerkunde sei schon sehr trocken“, meint Berufsschullehrer Jürgen Klose, der die Simulation organisiert hat. An diesem Morgen kann davon keine Rede sein: Pressesprecherin Heidi Gänseblümchen (Die Grünen) tritt aus dem Sitzungssaal.

„Wir wollen keinen gläsernen Bürger“, sagt sie mit fester Stimme. Dummerweise hat Frau Gänseblümchen im Hintergrundgespräch von ihrem neuen BMW geschwärmt. Die „Wild am Montag“ nimmt den „Spritfresser“ zum Anlass, um die Glaubwürdigkeit der Ökopolitikerin anzuzweifeln. Interessanterweise haben sich nur die Mitglieder der grünen Fraktion solch kreative Namen gegeben. Die Vertreter von CSU, SPD, FDP und Freien Wählern heißen Müller, Maier, Huber oder Mustermann. Fällt es Jugendlichen etwa schwerer sich mit deren Programmen zu identifizieren?

Alles nur Spiel! Im Justizausschuss einigt man sich schließlich auf einen Kompromiss: Die Personaldaten müssen nach fünf Jahren gelöscht und mehr Sozialpädagogen in den Schulen eingestellt werden.

„Ich glaube nicht, dass Killerspiele die Jugendlichen gewalttätiger machen“, sagt Thorsten alias Gründogan Bayer. Er hatte keine Probleme seiner private Meinung mit seine Spielrolle als grüner Fraktionschef zu vereinbaren. Anders als Felix, sein CSU-Gegenspieler. „Der Staat muss nicht alles regeln“, sagt er.

An der abschließenden Plenarsitzung nahm auch der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Schuster teil. Als er aus seinem Terminkalender zitierte, wurden die Gesichter der Schüler immer länger. Die meisten waren wohl froh, mit dem Namensschild auch die Aufgaben und Verpflichtungen eines Abgeordneten abgelegt zu haben.

  



Mathias Orgeldinger

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