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Industriegeschichte in der Fahrradstraße

Spaziergang durch Muggenhof - 02.02.12

Nürnberg  - Der aktuelle Spaziergang von Nürnberg plus und dem Verein Geschichte für Alle führt durch Muggenhof.

Farbe anstelle von industriellem Grau: Wechselnde Ausstellungen „Auf AEG“ zeigen das Potenzial hiesiger Künstler.
Farbe anstelle von industriellem Grau: Wechselnde Ausstellungen „Auf AEG“ zeigen das Potenzial hiesiger Künstler.
Foto: Hagen Gerullis
Farbe anstelle von industriellem Grau: Wechselnde Ausstellungen „Auf AEG“ zeigen das Potenzial hiesiger Künstler.
Farbe anstelle von industriellem Grau: Wechselnde Ausstellungen „Auf AEG“ zeigen das Potenzial hiesiger Künstler.
Foto: Hagen Gerullis

Unser Streifzug durch Muggenhof beginnt im alten Ortskern auf der Wiese vor dem Anwesen Fuchsstraße40, wo heute die Naturfreunde ihr Vereinshaus haben. Muggenhof wurde im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Die Herkunft des Namens lässt sich nicht so zweifelsfrei bestimmen wie im benachbarten Eberhardshof, wo ein Eberhard der Namensgeber war. Kompliziert waren auch die Besitzverhältnisse. Neben den Herren von Leonrod, die später in den Dienst der Markgrafen von Ansbach traten, hatten auch Nürnberger Patrizier hier Besitz. Dies führte über Jahrhunderte zu Streitigkeiten um die Hochgerichtsbarkeit (Fraisch) und die alte Schenkstatt der Leonroder.


Kuglers Restaurant war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt.
Kuglers Restaurant war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt.
Foto: Geschichte für Alle
Kuglers Restaurant war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt.
Kuglers Restaurant war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt.
Foto: Geschichte für Alle

Im 2. Markgrafenkrieg und im Dreißigjährigen Krieg wurde Muggenhof zerstört. Die ältesten heute noch vorhandenen Häuser stammen aus dem 17./18. Jahrhundert. Während sich im späten 19. Jahrhundert in nächster Umgebung tiefgreifende Entwicklungen vollzogen, blieb der alte Ort Muggenhof relativ unberührt. Übrigens betreibt hier das Bergbaumuseum Bochum seit 25 Jahren eine „Anlage zur Erforschung des Steinzerfalls“. Sandstein verschiedener Herkunft, unterschiedlich vorbehandelt, wird hier der Witterung ausgesetzt. Dies soll Rückschlüsse bezüglich des Denkmalschutzes erlauben. Die Anlage soll dieses Jahr abgebaut werden.


Die ehemalige chemische Fabrik „Weghorn&Recht“ an der Muggenhofer Straße wird abgerissen.
Die ehemalige chemische Fabrik „Weghorn&Recht“ an der Muggenhofer Straße wird abgerissen.
Foto: Harald Sippel
Die ehemalige chemische Fabrik „Weghorn&Recht“ an der Muggenhofer Straße wird abgerissen.
Die ehemalige chemische Fabrik „Weghorn&Recht“ an der Muggenhofer Straße wird abgerissen.
Foto: Harald Sippel

Unser Rundgang führt uns Richtung Fürther Straße. Auf der rechten Seite begegnet uns ein interessantes Gebäude mit großem Vorplatz, das heute einem Autohändler gehört. An dieser Stelle befand sich einst die umstrittene Schenkstatt, die sogenannte Erbschenke. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie als Kuglers Restaurant ein sehr beliebtes Ausflugslokal, das in Ausflugsführern wegen seiner guten Luft gerühmt wurde.


Um 1700 war Muggenhof ein kleines Dorf, wie dieser Stich zeigt, den der Verein Geschichte für Alle archiviert hat.
Um 1700 war Muggenhof ein kleines Dorf, wie dieser Stich zeigt, den der Verein Geschichte für Alle archiviert hat.
Um 1700 war Muggenhof ein kleines Dorf, wie dieser Stich zeigt, den der Verein Geschichte für Alle archiviert hat.
Um 1700 war Muggenhof ein kleines Dorf, wie dieser Stich zeigt, den der Verein Geschichte für Alle archiviert hat.

Unser Streifzug führt uns nun Richtung Fürther Straße zur ehemaligen Straßenbahn-Hauptwerkstätte. Der großzügige Neubau entstand in den Jahren 1912–14 und löste die völlig veraltete Einrichtung an der Fürther Straße ab. Der eindrucksvolle Turm diente vor allem als Wasserturm. Im riesigen Wassertank sollen die Lehrlinge an heißen Sommertagen in der Pause ein kühles Bad genommen haben, was allerdings strengstens verboten war. Die Anlage wurde im Jahr 2003 stillgelegt und steht heute größtenteils unter Denkmalschutz. Über eine weitere Nutzung ist noch nicht entschieden.


Die alten „AEG“-Buchstaben gibt es weiterhin, ansonsten hat sich alles geändert: Früher hatte Industrie hier ihren Platz, heute sind „Auf AEG“ Künstler und ihre Ateliers zu finden.
Die alten „AEG“-Buchstaben gibt es weiterhin, ansonsten hat sich alles geändert: Früher hatte Industrie hier ihren Platz, heute sind „Auf AEG“ Künstler und ihre Ateliers zu finden.
Foto: Hagen Gerullis
Die alten „AEG“-Buchstaben gibt es weiterhin, ansonsten hat sich alles geändert: Früher hatte Industrie hier ihren Platz, heute sind „Auf AEG“ Künstler und ihre Ateliers zu finden.
Die alten „AEG“-Buchstaben gibt es weiterhin, ansonsten hat sich alles geändert: Früher hatte Industrie hier ihren Platz, heute sind „Auf AEG“ Künstler und ihre Ateliers zu finden.
Foto: Hagen Gerullis

Wir folgen nun nach links der Muggenhofer Straße: Wo sich früher Äcker und Wiesen befanden, hatten sich entlang der Fürther Straße und im benachbarten Doos viele Firmen, darunter die AEG, niedergelassen. Nürnberg entwickelte sich mit den Marken „Premier“, „Triumph“, „Hercules“ und „Mars“ zum Zentrum der deutschen Fahrradindustrie.

Trotz aller Begehrlichkeiten der AEG hat sich mitten im Industrie- und Gewerbegebiet um die Flotow- und Brucknerstraße ein kleine „Wohninsel“ erhalten. Wir gehen ein Stück in die Flotowstraße hinein und sehen uns um. Die Abbildungen über den Eingangstüren lassen erkennen, dass die Wohnungen einst für die Straßenbahner der benachbarten Hauptwerkstätte gedacht waren. Das Hochhaus gegenüber wird gerne als „Krawattenbunker“ bezeichnet, da hier die Vorstandsebene der AEG ihr Büro hatte. In nördlicher Richtung ist das ehemalige AEG-Versandzentrum zu erkennen, in dem heute viele Künstler ihre Ateliers haben.

Auf dem



alten AEG-Gelände

An der Pforte vorbei betreten wir das alte AEG-Gelände. Über mehrere Jahrzehnte hinweg produzierte man hier mit Waschmaschinen, wie dem Lavamat, und umweltfreundlichen Geschirrspülern Erfolgsmodelle. Trotzdem entschied 2005 die Firma Electrolux, die die Hausgeräteabteilung der AEG übernommen hatte, das Nürnberger Werk zu schließen und eine neue Produktionsstätte in Osteuropa zu errichten. Auch ein größerer Streik konnte die Schließung nicht mehr verhindern. Die letzte Waschmaschine rollte im März 2007 vom Band. Heute wandelt eine Investitionsgesellschaft das Areal in einen Büro- und Gewerbekomplex um.

Wir nehmen den Durchgang „D“ und erreichen eine kleine Grünanlage. Aus der großen Halle auf der linken Seite soll mit der Kulturwerkstatt ein soziokulturelles Zentrum für den Stadtteil entstehen. Nach dem nächsten Durchgang „A“ halten wir uns links und stoßen auf ein „Highlight“ unserer Tour.

Hier, am Ende der früheren Fahrradstraße, wurde Industriegeschichte geschrieben. Im Jahr 1888 eröffnete an dieser Stelle der englische Fahrradhersteller „The Premier Cycle“ die erste Fahrradfabrik in Muggenhof. Mit dem Know-How und bewährten Facharbeitern aus England war „The Premier Cycle“ für die nächsten zwei Jahrzehnte die mit Abstand größte Fahrradproduktionsstätte Nürnbergs, im Jahr 1896 sogar die größte weltweit. 1913 wurde der Standort an der Fahrradstraße aufgegeben. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs bezogen die Bing-Werke mit ihrer Elektroabteilung die Gebäude und produzierten vor allem elektrische Kleingeräte. Mit der Fusion mit der AEG zur „Elektrobeheizung GmbH“ im Jahr 1922 begann die Geschichte der AEG in Nürnberg.

Geschwister-Scholl-Realschule im

früheren „Carl Braun Camerawerk“

Wir folgen dann der Raabstraße bis zur Muggenhofer Straße und wenden uns Richtung Stadtmitte, bis wir links auf ein größeres Gebäude stoßen. Es handelt sich um das ehemalige „Carl Braun Camerawerk“. Bekannt wurde die Firma mit der Kleinbildkamera „Paxette“ und den Diaprojektoren „Paximat“. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich hier ein kleineres Zwangsarbeiterlager für „weibliche ausländische Arbeitskräfte“. Ein Teil des Firmengebäudes wurde umgebaut und beherbergt heute die Geschwister-Scholl-Realschule.

Bei der Baustelle nebenan handelt es sich um das frühere Gelände der Chemischen Fabrik „Weghorn & Recht“, die bis in die 1970er Jahre Aquarellfarben, Tinten, Tuschen, Stempelfarben und Farbkästen herstellte. In den nächsten Zeit werden hier eine Kinderkrippe, ein Kindergarten, ein Aktivspielplatz und ein Kinder- und Jugendhaus entstehen. Zurzeit erfolgt eine umfangreiche Bodensanierung. Das reizvolle Gebäude muss leider abgerissen werden.

Wir nutzen die Durchfahrt Richtung Fürther Straße und betreten das ehemalige Triumph-Adler-Gelände. Vor der „Beck“-Filiale gelangen wir nach links in den Innenhof (heute Parkplatz Firma Conrad). Hier befinden wir uns inmitten der alten Triumph-Werke. Der Begründer der Firma, Siegfried Bettmann, stammte aus Nürnberg. Den Sohn eines jüdischen Hopfenhändlers zog es schon in jungen Jahren nach England, wo er anfangs als Übersetzer, Vertreter und Fahrradexporteur sein Geld verdiente. Zusammen mit dem Mechaniker Mauritz Schulte gründete Bettmann mit der „Triumph Cycle Company“ in Coventry seine erste Fahrradfabrik. Das Unternehmen lief äußerst erfolgreich.

Vielleicht erinnerte er sich an seine fränkischen Wurzeln, als er im Jahr 1896 in Nürnberg mit den „Deutschen Triumph Fahrradwerken“ eine Tochtergesellschaft gründete. Die Marke Triumph machte sich später als Produzent von Motorrädern und Schreibmaschinen einen Namen. Nach der Übernahme durch Grundig im Jahr 1957 wurde die Motorradproduktion eingestellt. Nach mehreren Besitzerwechseln nach 1969 wurde das Triumph-Adler Werk 1993 stillgelegt. Heute sind auf dem Gelände im „TA-Mittelstandszentrum“ bei verschiedenen Firmen und Einrichtungen wieder 2000 Menschen beschäftigt.

Die nächsten Muggenhof-Rundgänge mit Geschichte für Alle finden statt am Sonntag, 19. Februar, und am Sonntag, 18. März, jeweils 14 Uhr. Treffpunkt Fürther Straße/Ecke Adolf-Braun-Straße.
  



Reiner Eismann

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