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NZ: Frau Weiß, wie viele Tiere haben Sie heute schon geschlachtet?
Nina Weiß: (lacht) Schlachten? Das machen wir in diesem Beruf doch gar nicht mehr, dafür gibt es den Schlachter. Schlachten bedeutet, das Tier zu töten. Wir bekommen unser Fleisch aus dem Fränkischen Seenland, und dann zerlegen wir es. Ansonsten arbeite ich vorne im Laden, hinten bei der Wurstproduktion und viel, viel im Büro.
NZ: Metzgerin als Traumberuf – das steht vermutlich nicht im Poesiealbum vieler Mädchen. War das bei Ihnen so?
Weiß: Absolut überhaupt nicht. Diese Metzgerei hier wurde vor Urzeiten von meinem Großvater gegründet, dann von meinem Vater weitergeführt. Der ging dann jedoch zu HoWe, der Wurstwaren KG, um diese Firma mit aufzubauen. In der Zeit war der Laden vermietet. Ich hatte mit der ganzen Branche nichts am Hut, sondern eine Ausbildung zur Automobilkauffrau gemacht, um dann bei Audi zu arbeiten.
NZ: Dann scheint aber irgendetwas ganz anders gekommen zu sein als geplant?
Weiß: Oh ja, allerdings. 2004 übernahm mein Vater wieder das Geschäft, und ich habe abends mitgeholfen. Das wurde dann schleichend immer mehr, die ganze Organisation, das Catering, bis ich schließlich bei Audi nur noch halbtags und die andere Zeit für die Metzgerei gearbeitet habe. Als mein Vater verstarb, war die Entscheidung völlig klar und aus dem Bauch heraus: Ich will, dass das hier weitergeht.
NZ: Das muss ja ein riesengroßer Schritt für Sie gewesen sein. Sie hatten doch die entsprechende Ausbildung gar nicht?
Weiß: Nein, ich hatte überhaupt keine Ahnung von Fleisch. Nichts. Ich musste mir das alles aneignen, ich habe meinen Job an den Nagel gehängt und mich in diese Sache richtiggehend reingekniet. Und nun arbeite ich seit mittlerweile fünf Jahren hier als Metzgerin. Meine sechs Mitarbeiter, vor allem der Altmeister und ein Geselle, haben mir alles beigebracht, was man können und wissen muss. Und jetzt, auf dieser Grundlage, mache ich selbst meinen Meister.
NZ: Das geht ohne die entsprechende Ausbildung?
Weiß: Tatsächlich geht das. Wenn man nicht den normalen Weg in dem Fach durchlaufen hat, ist die Bedingung lediglich, eine abgeschlossene Ausbildung in einem anerkannten Beruf und eine mindestens zweijährige Praxis in dem Beruf vorzuweisen, in dem man die Meisterprüfung ablegen möchte. Beides kann ich, schließlich habe ich Tag und Nacht in meiner Metzgerei gearbeitet!
NZ: Aber man braucht doch ein Vorwissen?
Weiß: Sicher, und das habe ich mir in harter Eigenregie angeeignet. Der Meister vertieft ja sozusagen nur die Ausbildung, das wird dann richtig knackig. Für den praktischen und fachtheoretischen Teil war ich acht Wochen Vollzeit in Kulmbach, jetzt besuche ich für ein halbes Jahr dreimal in der Woche die Abendschule in Nürnberg für den theoretischen Teil. Hier geht’s jetzt um die nicht mehr branchenspezifischen Themen – ich mache den Ausbilderschein, pauke Grundlagen in Rechnungswesen, Controlling, wirtschaftliches Handeln, auch Recht und Steuer gehören dazu. Alles, was ich an Wissen brauche, um beispielsweise Lehrlinge auszubilden und meinen Laden ordnungsgemäß zu führen. Das Ganze kostet mich circa 5000 Euro. Aber es lohnt sich.
NZ: Wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
Weiß: Wahnsinnig abwechslungsreich. Und beginnt um 6 Uhr! Dann kümmert man sich um den Laden, damit der um 8 Uhr bereit ist zum Aufschließen, ab 9 Uhr kommt das Catering – wir beliefern beispielsweise Firmen für die Mittagspause – also kochen und ausliefern. Außenrum natürlich die ganze Organisation – welches Fleisch muss nachbestellt werden, welche Wurst produziert, welche Salate frisch nachgemacht werden... Aber es macht mir unheimlich Spaß. Diese Abwechslung, das Handwerkliche, der Kundenkontakt, die kreativen Tätigkeiten für den Partyservice...
NZ: Irgendwas, das gar nicht geht?
Weiß: Oh ja! Also – mit den Händen im Kessel eine Blutwurst rühren ist wahrlich gewöhnungsbedürftig! Aber das gehört eben auch dazu.
NZ: Kann man denn die Sachen selber noch sehen und essen, wenn man den ganzen Tag bis zu den Ellbogen drinsteckt?
Weiß: Naja, ganz so schlimm ist es ja nun wirklich nicht. Ganz im Gegenteil, ich liebe die Produkte hier, und mein Vorteil ist doch: Ich weiß vom ersten bis zum letzten Schritt, was drinsteckt. Nicht wie die Sachen aus dem Discounter. Und so eine warme Wurst frisch aus dem Kessel – lecker!
NZ: Sie wirken, mit Verlaub, wie das leibhaftige Gegenteil dessen, was man im Kopf hat, wenn man an einen Metzger denkt. Wie begegnen Ihnen die Leute, und wie haben Ihre Freunde reagiert, als sie sich entschieden, diesen Beruf aufzunehmen – von der schneidigen Automobilkauffrau zur Metzgerin mit blutiger Schürze?
Weiß: (lacht) Die Leute sind tatsächlich völlig überrascht, wenn ich ihnen sage, was ich arbeite. Aber die allermeisten finden es faszinierend und toll und wollen wissen, wie es dazu gekommen ist. Meine Geschichte zeigt doch: Wenn du etwas wirklich willst und hinter einer Sache stehst, dann schaffst du das auch. Ich habe oft gehört: Das schaffst du doch gar nicht, willst du das denn wirklich? Doch für mich war vollkommen klar, dass ich nicht verkaufen werde. Dass es hier weitergehen muss. Wir haben eine Traditionsmetzgerei, die jetzt in dritter Generation von mir weitergeführt wird. Und das wird nicht zuletzt hier im Ort hoch anerkannt.
NZ: Der skurrilste Auftrag in letzter Zeit?
Weiß: Ein Freund von mir wollte für seinen Stand auf einem Weihnachtsmarkt Bratwürste mit Glühweingewürz. Das war ganz witzig, aber ich sag’s Ihnen – es geht doch nichts über eine echte Nürnberger Bratwurst!


