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Unser Gehirn ist keine Speicherkarte

Details helfen uns beim Einprägen von Gesichtern nur wenig - 14.04. 18:43 Uhr

Nürnberg  - „Warum wir glauben, Menschen an Gesichtern erkennen zu können, im Alltag aber kläglich daran scheitern.“ Unter diesem Motto stand der zweite Vortrag aus der Reihe „Von Sinnen“ im Planetarium Nürnberg. „Von Sinnen Außer Sinnen“ ist eine aktuelle Vortragsreihe, eine Kooperation zwischen dem Museum „Turm der Sinne“ und dem Nicolaus-Copernicus-Planetarium.


Zu Gast war Claus-Christian Carbon, Professor für kognitive Psychologie und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg. In dem beeindruckenden Kuppelsaal des Planetariums, in dem  sonst ein Abbild des Nachthimmels zu sehen ist, wurde an diesem Abend eine fast schon unglaublichen Wahrheit vermittelt: Wir können unsere Mitmenschen nicht wirklich gut an ihren Gesichtern (wieder-)erkennen.

Der Referent erklärte aber nicht nur diese Tatsache, sondern auch, wo es sonst noch menschliche Defizite in dem Bereich der Gesichtserkennung gibt.

Das Einprägen erfolgt in Millisekunden

Und wer bei dem Thema dieses Abends etwa an die vieldiskutierte automatische Gesichtserkennung dachte (und damit an unser ausdrucksloses, ja fast unpersönliches Abbild auf modernen Ausweisen), der wurde zum Zweifeln oder zumindest zum Nachdenken angeregt.

Doch zunächst zeigte Claus-Christian Carbon, dass wir, die Menschen, schier Unglaubliches leisten können. In Bruchteilen von Sekunden ist es uns möglich, andere Menschen zu erkennen. In 26 Millisekunden (ms) mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit, in 34 ms schon mit 96 Prozent.

„So betrachtet lohnt es sich kaum, Menschen länger anzusehen“, so Carbon ein wenig humoristisch. Daneben erkennen wir nicht nur, um wen es sich handelt,, die Wahrnehmung betrifft auch Emotionen oder das Alter – oft bis auf zwei bis drei Jahre genau.

Der Referent erklärte, dass wir Sprache besser verstehen wenn wir das Gesicht dazu sehen und dass wir auch den physischen Zustand eines Menschen an seinem Gesicht ablesen können. Wir erkennen Menschen zu Karikaturen reduziert, auf Gemälden, auf verzerrten, verunstalteten Abbildern selbst wenn sie fast all ihrer Gesichtszüge beraubt sind.

Erkennen wir sie aber tatsächlich an ihren Gesichtern? An Augen, Nase, Mund? Nein. Anhand unterschiedlichster Beispiele zeigte Claus-Christian Carbon, dass wir Details an Gesichtern eigentlich gar nicht wirklich erkennen können. George Clooney erkannten alle – seiner eigenen Augen, seines Mundes beraubt, durch andere ersetzt. Dies galt auch für Bill Clinton und Al Gore, obwohl man in Wahrheit zwei Mal Clinton sah und Al Gore lediglich seine Haare zu diesem Bilder-Versuch besteuerte.

Fast schon beängstigend war das Beispiel von Saddam Hussein. Er wurde  digital seiner Haare und seines prominenten Bartes beraubt und bekam ausgedünnten Augenbrauen verpasst. Nur einer der über hundert Besucher erkannte ihn, obwohl alle zuvor schon mehrere Bilder von ihm im Zuge des Vortrags gesehen hatten.

Die Essenz: Wir erkennen holistisch – ganzheitlich! „Einzelne Merkmale eines Gesichts sind für uns und den Prozess des Erkennens nicht trennbar“, so einer der Kernpunkte Carbons.

Um Menschen, die wir wirklich kennen, zu identifizieren, seien wir „Experten“ genug, um sie auch nach Veränderungen richtig zuzuordnen. Wir erkennen nicht wegen der eigentlich Gesichtserkennung, sondern auf Grund einer „Sozial-Erkennung.“ Unbekannte bzw. nur bildhaft oder rollenhaft bekannte Menschen (z.B. Schauspieler) erkennen wir eben nur so – ikonisch, ihrem Abbild nach. Die Probleme, die daraus für die Identifikation bei Ermittlungsarbeiten oder Kontrollen erwachsen, Probleme bei Augenzeugenbefragungen, scheinen vor diesem Hintergrund fast schon unlösbar.

Ebenso die Frage nach dem Sinn eines neutralisierten Abbilds in Ausweisen. Diese sind ja mittlerweile ohne jegliche Gemütsregung, nicht einmal im Ansatz eines Profils, frontal und vollkommen statisch – nach einem solchen Abbild sollen Beamte einen Menschen richtig zuordnen. Untersuchungen belegten, dass das keineswegs fehlerfrei funktioniere.

Die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken

Gegen Ende seines Vortrags führte Claus-Christian Carbon noch in das sehr junge Forschungsfeld zur Prosopagnosie ein, einer der Forschungsschwerpunkte seines Lehrstuhls. Prosopagnosie – etwas irreführend mit Gesichtsblindheit erklärt – meint die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken.

Dabei handle es sich eher um eine Erkenntnisschwäche, durch die die sogenannte „Mustererkennung“ anders verlaufe. Konkret bedeutet dies, dass kein Mittelwert eines Gesichtes zur Wiedererkennung „gespeichert“ wird. Wurde die „erworbene“ Prosopagnosie schon 1947 beschrieben, ist die von Geburt an vorhandene Form erst in den letzten Jahren Bestandteil der Forschung.

Dabei handelt es sich durchaus um kein kleines Phänomen: „Ungefähr 2,5 Prozent der Bevölkerung sind betroffen“, so Carbon. Problematisch: Da die Gesichtserkennung in der Entwicklung eines jungen Menschen sowieso erst mit zehn oder zwölf Jahren „richtig“ funktioniere und gegen Mitte zwanzig erst auf ihrem Höhepunkt sei, falle eine solche Schwäche bei Kindern oft gar nicht auf. 



Jan Christgau

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