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Neulich war ich im neuen Mailänder Museum des Novecento. Dort habe ich nicht nur die Kunstwerke der bedeutendsten italienischen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts bewundert, sondern auch viele Besucher erlebt: È stato un puro caso? (War das ein reiner Zufall?) Nein, denn l’arte (Kunst) ist voll im Trend.
Kunst sei auch eine sehr gute Anlagemöglichkeit – behaupten die Banken. Das Geschäft läuft so gut, dass Auktionshäuser und galleristi (Galeristen) ein wachsendes Interesse am Onlineshopping entwickeln. Kein Wunder, dass deshalb im Januar die erste Online-Kunstmesse „VIP Art Fair“ stattfand, an der auch gallerie d’arte italiane (italienische Galerien) teilnahmen.
Kann man aber un’opera d’arte (ein Kunstobjekt) kaufen, ohne es vorher gesehen zu haben? Nicht wirklich, denn auch vor dieser Messe gab es eine ganz normale Vernissage: Kunst ist immer noch ein kommunikatives und soziales Ereignis! Im Zeichen der sozialen und interdisziplinären Rolle der Kunst finden Veranstaltungen statt, die alle unsere Sinne in Anspruch nehmen: Ein wahres Bombardement mit allen möglichen Angeboten – insomma di tutto un po’ (insgesamt von allem etwas). Auf die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst beziehen sich auch die auf die Renaissance- und Barockzeit spezialisierten Kunsthistoriker, Sänger, Tänzer und Musiker, die in Rom den Touristen einzigartige Kunsttouren anbieten (www.romaoperaomnia.com): In Kirchen, Museen und Galerien finden Führungen statt, begleitet von originaler Musik aus Renaissance und Barock – zum Beispiel „Klänge und Visionen von Caravaggio“.
Apropos Barock: Unter den vielen zeitgenössischen Stilrichtungen und Strömungen hat sich in den letzten Jahren un’estetica neo-barocca (eine neo-barocke Ästhetik) etabliert. Kann man tatsächlich Parallelen zwischen l’epoca barocca (der Barockzeit) und unserer Zeit ziehen? Durch die Formsuche sollte die Kunst an den ehemals absolutistischen Höfen von düsteren und rebellischen Gedanken ablenken und gleichzeitig die Angst vor der Zukunft mildern: Der aktuelle italienische Zeitgeist ist dann neo-barock, denn in Italia ist die von der Politik ablenkende „Unterhaltungskultur“ immer all’ordine del giorno (an der Tagesordnung).
Ob die aktuelle neo-barocke Ästhetik tatsächlich dem gleichen Zweck wie damals dient? Zweifel und Unsicherheit lösen immer eine Flucht vor der Wirklichkeit aus. Für eine Künstlerin wie Daniela Perego konkretisiert sich diese neue Ästhetik in einer ganz formalen und symbolischen Dimension als Ausdrucksmöglichkeit für ihre Gefühle – una mostra (eine Ausstellung) der italienischen Künstlerin mit dem Titel „Landscape“ läuft noch bis zum 26. März in der Nürnberger Galerie Livio Nardi.
Uns bleibt letztendlich nichts als das ewige Dilemma: quando un oggetto o un paesaggio diventano arte? (Wann werden ein Objekt oder eine Landschaft zur Kunst?) Die gleiche Frage hatten sich mit Sicherheit auch die Einwohner der kleinen Ortschaft Anticoli Corrado im Latium vor zwei Jahrhunderten gestellt, als viele berühmte Künstler aus der ganzen Welt dorthin kamen und ihre Ställe in Ateliers verwandelten.
Übrigens: Bis Ende dieses Monats ist der Eintritt ins Museum des Novecento in Mailand noch frei!
Fr. 18.05.12
Fr. 11.05.12
Fr. 04.05.12
Fr. 27.04.12
Fr. 20.04.12