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Wie Venedig sein Kulturerbe zu barer Münze macht

Benetton will den Palazzo "Fontego dei Tedeschi" in ein Luxuskaufhaus verwandeln - 26.01. 17:15 Uhr

Nürnberg  - Die venezianische Journalistin und ehemalige Kesten-Stipendiatin Silvia Zanardi hat für Nürnbergplus über das neueste Bauvorhaben in Nürnbergs Partnerstadt geschrieben. Es handelt sich um die geplante Umwandlung des historisch bedeutenden Fontego (Fondaco) dei Tedeschi in einen Mega-Store von Benetton.

Die frühere deutsche Handelsniederlassung in Venedig, der Fondaco dei Tedeschi – venezianisch Fontego dei Tedeschi – am Canale Grande neben der Rialto-Brücke, gehört jetzt dem Modekonzern Benetton und soll zur Shoppingmeile werden.
Die frühere deutsche Handelsniederlassung in Venedig, der Fondaco dei Tedeschi – venezianisch Fontego dei Tedeschi – am Canale Grande neben der Rialto-Brücke, gehört jetzt dem Modekonzern Benetton und soll zur Shoppingmeile werden.
Foto: Harald Sippel
Die frühere deutsche Handelsniederlassung in Venedig, der Fondaco dei Tedeschi – venezianisch Fontego dei Tedeschi – am Canale Grande neben der Rialto-Brücke, gehört jetzt dem Modekonzern Benetton und soll zur Shoppingmeile werden.
Die frühere deutsche Handelsniederlassung in Venedig, der Fondaco dei Tedeschi – venezianisch Fontego dei Tedeschi – am Canale Grande neben der Rialto-Brücke, gehört jetzt dem Modekonzern Benetton und soll zur Shoppingmeile werden.
Foto: Harald Sippel

Jahrhundertelang war die deutsche Handelsniederlassung, ein großes Renaissancegebäude gleich neben der Rialto-Brücke, wichtige Anlaufstelle für Kaufleute aus dem Norden – vor allem für Nürnberger Patrizier. Silvia Zanardi vermittelt ein Stimmungsbild aus ihrer Heimatstadt und fragt nach: Was sagen die Einwohner Venedigs zu dem Projekt?

Wenn man einen Venezianer fragt, was seine Stadt ganz und gar nicht braucht, lautet seine Antwort: „Hotels und Läden“. Der Stadtrat ist da allerdings ganz anderer Meinung. Er ist ständig damit beschäftigt, Geld zu beschaffen, um die schönste Stadt der Welt am Leben zu erhalten. Und auch die Unternehmer, die ein Stück Venedigs nach dem anderen aufkaufen, sind anderer Meinung.


Deshalb ist es kein Zufall, dass die Venezianer derzeit so verärgert sind wie nie zuvor. Sie flehen den Bürgermeister auf Knien an zu verhindern, dass der Fontego dei Tedeschi zu einem Kaufhaus degradiert wird. Doch das Großprojekt ist bereits beschlossene Sache und ein Vertrag schon unterschrieben.

Der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas soll diesen alten und schönen Palazzo neben der Rialto-Brücke am Canale Grande nach dem Vorbild von Harrods in London und den Galeries Lafayette in Paris in eine Galerie mit prestigeträchtigen Läden umwandeln. Auftraggeber ist der italienische Modekonzern Benetton, der den Fontego, den Sitz der Hauptpost, im Jahr 2008 für 53 Millionen Euro gekauft hat.

Wenn also das geplante Vorhaben auf der einen Seite die Venezianer – derzeit leben weniger als 59000 Menschen in der Stadt – alles andere als erfreut, dann wäre es auf der anderen Seite nicht weiter verwunderlich, wenn es auch bei den Deutschen keinen Anklang fände: Denn der Fontego war zu Zeiten der Serenissima der Umschlagplatz für die Waren, mit denen deutsche Kaufleute in der Lagune vor Anker gingen.

Allerdings kann nicht unterschlagen werden, dass vom einstigen Glanz des Fontego, der im 13. Jahrhundert erbaut und nach einem verheerenden Feuer im 16. Jahrhundert wiederaufgebaut wurde, heute nicht viel übrig geblieben ist. So wurden die Fresken, die Giorgione und Tizian während der Restaurierung um das Jahr 1500 malten, in den 1930er Jahren entfernt. Heute sind sie im Museum Ca’d’Oro ausgestellt. Außerdem ist der Palazzo inzwischen ziemlich verfallen.

Shoppingmeile für die Touristen

Die Venezianer sind sich zwar im Klaren darüber, dass dem Fontego neues Leben eingehaucht werden muss. Andererseits können sie sich nicht damit anfreunden, dass er von Grund auf modernisiert werden soll – mit Fahrstühlen und Rolltreppen kreuz und quer – , um dann nichts anderes als eine weitere Shopping- und Essmeile für die über 20 Millionen Touristen zu sein, die jedes Jahr Venedig besuchen.

Rem Koolhaas will außerdem Teile des Dachs entfernen und eine Terrasse bauen, von der aus man einen herrlichen Blick auf den Canale Grande und die Rialto-Brücke hat. Nicht nötig zu sagen, dass dies ein weitreichender Eingriff sein wird. Wenn ein Venezianer etwas Ähnliches bei seinem eigenen Haus vorhätte, müsste er jahrelang auf die Erlaubnis der Stadt warten.

Für Geld und den Tourismus ist Venedig jedoch zu allem bereit. Eine Abmachung zwischen Bürgermeister Giorgio Orsoni und Benetton soll der Stadt dafür, dass sie die Auflage zur öffentlichen Nutzung des Gebäudes lockert, zusätzlich sechs Millionen Euro verschaffen.

Die Venezianer dagegen fordern vom Bürgermeister – so erst kürzlich in einer sehr gut besuchten Bürgerversammlung geschehen – öffentlichen Raum innerhalb des Fontego, wo sie sich treffen und kulturelle Aktivitäten organisieren können. Doch das ist noch nicht alles. Sie fordern auch, dass ein Teilbereich dem Verkauf authentischen Handwerks vorbehalten wird. Dies hatte Rem Koolhaas bereits in der Planungsphase vorgeschlagen, wobei er vor allem den Verkauf von Murano-Glas herausgestellt hatte.

In Venedig zu leben, ist schön, aber nicht immer einfach. Man kann es zwar genießen, an der Rialto-Brücke frischen Fisch zu kaufen oder jeden Tag durch seine Fenster auf den Canale Grande zu blicken. Doch dieser Genuss ist überschattet: Denn gleichzeitig erschöpft es einen, sich wie ein Angehöriger einer bedrohten Art zu fühlen, die darum kämpft, in einer „normalen“ Stadt zu leben und nicht um der Touristen willen in einer Art Disneyland. 



Silvia Zanardi

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Rund ums Nürnberger Stadtleben berichtet "Nürnberg plus", der Spezial-Lokalteil der NZ-Druckausgabe. Eine Auswahl von Artikeln und Bildergalerien aus N-Plus ist hier zu finden.