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Tohuwabohu

Kommentar: Warum das Hausarztmodell zu spät kommt - 23.04.2004

Zum 1. Januar ist das von Koalition und Opposition gemeinsam durchgeboxte Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) in Kraft getreten, Nun sind bereits neue gravierende Änderungen geplant, die den Erfolg in Frage stellen. Und ein Erfolg hat sich ja wider Erwarten abgezeichnet: Schon im ersten Halbjahr zahlen voraussichtlich mehr als 38 Prozent der rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten niedrigere Beiträge.

Um rund zehn Prozent ist nach Einführung der umstrittenen Praxisgebühr die Zahl der Arztbesuche zurückgegangen. Auch die höheren Verschreibungsgebühren wirken sich wohl Kosten sparend aus.

Nach einem unbeschreiblichen Tohuwabohu in den ersten Tagen der Einführung und nach Protesten von Versicherten sowie der Angestellten in Arztpraxen ist mittlerweile Ruhe eingekehrt.

Natürlich bleibt die Praxisgebühr lästig und ärgerlich. Für sozial Schwache sind die zehn Euro, die pro Quartal beim jeweils ersten Arztbesuch entrichtet werden müssen, kein Pappenstiel. Das System ist umständlich und enervierend; und doch hat der Griff in die Geldbörse den unschätzbaren psychologischen Vorteil, dass er uns zweimal überlegen lässt, bis wir zum Arzt gehen. Dass manch notwendiger Arztbesuch deswegen vielleicht unterbleibt, steht auf einem anderen Blatt.

Die Reform greift also. Umso fragwürdiger ist die geplante Abschaffung der Praxisgebühr durch die großen Kassen und die alternative Einführung eines so genannten Hausarztmodells. Bis zu 40 Euro im Jahr kann danach sparen, wer mit jeder Krankheit zuerst zum Hausarzt geht. Der versucht dann zunächst, Abhilfe zu schaffen oder überweist zum Fachkollegen, wenn er mit seiner Kunst am Ende ist. Damit, so glaubt man, könne man teures „Doktorhopping“ und Doppeluntersuchungen vermeiden. Aber hat man auch eine Rechnung aufgemacht, wie viel Geld vergeudet wird, wenn man sich zuerst in die Hausarztpraxis setzen muss, um, sagen wir, bei einer Hautkrankheit schließlich doch beim Dermatologen zu landen? Gesicherte Zahlen gibt es bis jetzt nicht. Gemunkelt wird aber, dass sich nur große Kassen diesen Aufwand leisten können, um damit kleinere Kassen aus dem Rennen zu werfen.

Wundern muss auch, wenn ein fragwürdiges Hausarztmodell protegiert wird, wo doch vom Jahr 2006 an eine so genannte Gesundheitskarte gelten soll. Sie wird einen weit schnelleren Datenaustausch zwischen Patienten, Ärzten, Apotheken und Krankenkassen ermöglichen. Eine solche Chipkarte, auf deren Programmierung der Patient natürlich Einfluss haben muss, vereinfacht außerdem die Ausstellung von Rezepten, womit allein 80 Millionen Euro eingespart werden könnten.

Vor diesem Hintergrund ist das Hausarztmodell heute schon eine Einrichtung von gestern. RAIMUND KIRCH 

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