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Des Rätsels Lösung: In seinem Buch "Was wäre die Weltgeschichte ohne die Franken“ zieht der promovierte Historiker und Journalist Anton Sterzl einfach mal eine gerade Linie von der ersten Erwähnung (bei römischen Autoren) der am Niederrhein ansässigen Germanen respektive Franken über das Frankenreich der Merowinger und Karolinger bis hin zum modernen Franken, und das ist vielleicht ein kleines bisschen unseriös. Man versteht ja durchaus das Bedürfnis, sich großer Ahnen zu rühmen, aber man kann keine direkte Linie von Karl dem Großen zu Markus Söder ziehen.
Die Franken sind nicht unbedingt ein Wandervolk, wie Sterzl immer wieder insistiert, sie sind viel eher ein Mischvolk. Schließlich lebten und leben sie in der Mitte, wenn nicht gar im Herzen Europas, wo sich unzählige Blutlinien kreuzten und kreuzen. Nur ein Beispiel: Der berühmteste Franke, Albrecht Dürer, hat einen Migrationshintergrund, sein Vater kam aus Ungarn. Insofern stimmt das wieder mit dem Wandervolk – aber gewandert, sprich eingewandert sind andere, während die Franken sich längst schon zur Ruhe gesetzt hatten, um diese ihre Ruhe samt Rauchbier auch pflegen zu können.
Spätestens jetzt muss es gesagt werden: Dieses Buch ist dem Lokalpatriotismus geschuldet. Das ist auch ganz in Ordnung, so lange ein edles Kulturvolk wie die Franken unter der Knute eines halbzivilisierten, eines bierbarbarischen Bergvolks ächzt, sprich sich von München aus regieren, wenn nicht gar bevormunden lassen muss. Zum Unangenehmsten, was die Franken sich von den Bayern gefallen lassen müssen, gehören die Vereinnahmung ihrer Leistungen, ihrer Kultur, ihrer großen Männer.
Am Ende eines Absatzes bringt es Sterzl genau auf den Punkt: "Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der weltoffenen Stadt Nürnberg, die man wegen des Astrolabiums von Regiomontanus und des Erdapfels von Martin Behaim rühmt. Für die Begegnung mit der Neuen Welt hat Nürnberg mit den geografischen Theorien und den nautischen Geräten die Voraussetzung für die Entdeckung Amerikas geboten. Nürnberg hat das alte Weltbild revolutioniert, es war mit Spanien und Portugal an der Gestaltung der Neuen Welt maßgeblich beteiligt. Wissenschaft und überseeische Seefahrt, Handel, Migration und Expansion verbinden Nürnberg und Amerika vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In späteren Büchern über Bayern hat man den Nürnberger Franken Martin Behaim freilich ohne Rückfrage mühelos als berühmten Bayern präsentiert. In dieser Machart wäre der Völkerapostel Paulus ein Türke und Karl der Große ein Belgier.“ Bleibt anzumerken, dass Anton Sterzl trotz solcher Pfeile Richtung München sich nicht als Separatist versteht.
Dies ist kein trockenes Geschichtsbuch. Schließlich ist Sterzl ja nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Journalist, mithin ein Erzähler, und zwar ein guter, weil lebhafter. Er führt den Leser kreuz und quer durch die Weltgeschichte, springt gern von einer Zeit in die andere, kommt vom König auf die Klöße, die er fach- und sachgerecht nach Kniedla und Klouß zu unterscheiden weiß. Das Hehre steht neben dem Banalen, das bei näherer Betrachtung so banal gar nicht mehr sein kann. Ein Kapitel heißt: "Die Metaphysik der Martinsgans“.
Es versteht sich von selbst, dass er eine fränkische Biographie nach der anderen aufrollt, deren gibt es ja zur Genüge, und dass er dabei keinen berühmten Franken vergisst. Eine Aufzählung derselben kann hier unterbleiben, das haben wir schließlich alles in der Schule gelernt – aber Sterzl legt natürlich den Finger auf viele Details, die einst im Unterricht unter den Tisch gefallen sind, zum Beispiel, was die unheilvolle Rolle der braunen Franken angeht. Stark ist Sterzl im Offenlegen von Querverbindungen, etwa der zitierten zwischen dem wissenschaftlichen Fortschritt in Nürnberg und der Entdeckung sowie Besiedlung Amerikas – auch das ist etwas, was man in Schulbüchern so nicht findet.
Ein Herzensanliegen sind ihm die ausgewanderten Franken: Die in den Karpaten, die er gerne einmal mit th wie zu k.u.k.-Zeiten schreibt, und die in Amerika. Wo sie eine ganz besondere Rolle spielten, war es doch ein Franke, Levi Strauß, der mit den Jeans das amerikanischste und weltweit erfolgreichste aller Kleidungsstücke erfunden hat. "Franken ist auch in USA bescheiden, aber präsent.“ Nicht zuletzt durch Henry Kissinger, Dirk Nowitzki und Helmut Jahn, jenen Architekturpropheten, der, Stichwort Augustinerhof, im eigenen Lande nichts galt.
Franken war, wie ganz Deutschland, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein Auswanderungsland – so wie es nun ein Einwanderungsland ist. Das Wandern ist des Menschen Lust. Es ist auch ein Leitmotiv in diesem Buch. Anzumerken wäre, dass die nach Amerika ausgewanderten Franken nolens volens dabei halfen, den Indianern ihr Land zu rauben, während die Siedler im Osten in ein leeres Land kamen, dessen Fürsten sich nichts sehnlicher wünschten als ein Volk in ihrem Land. Freilich gingen Franken nicht nur als Landräuber nach Amerika, sondern auch als Missionare, und einer dieser Missionare notierte sogar, er habe bei einer Wanderung Visionen von Klößen gehabt...
Zurück zum Anfang. Und zwar zum allerersten Anfang. Neandertaler, schreibt Sterzl, zählten nicht zu den Vorfahren der Franken. Und er schreibt das so hin, als müsste man sich einer solchen Verwandtschaft schämen. Hier hat er sich gründlich getäuscht, aber zur Zeit der Niederschrift seines Buches konnte er ja auch noch nicht wissen, dass der früheste Mensch, der je in Franken gelebt hat, ein Neandertaler war. Ein Backenzahn, erst im letzten Jahr gefunden, beweist es. Und wer weiß, was der fränkische Boden den Archäologen noch alles preisgeben wird. Am Ende stellt sich noch heraus, dass die Franken, wenn schon nicht aus Troja, so doch aus Afrika gekommen sind – wie alle Menschen.
Anton Sterzl: Was wäre die Weltgeschichte ohne die Franken. Ein altes Wandervolk ohne eigenen Staat, aber mit Wappen, Fahne, Hymne und vielen guten Wirtshäusern. Thouet-Verlag, 384 Seiten, 19,50 Euro.

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