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"Kaspar-Hauser-Geschichte ist eine Räuberpistole"

Volkskundler sieht in dem Mythos vor allem ein Medienspektakel - 30.04.2012 06:53 Uhr

Die berühmte Geschichte um den angeblichen badischen Erbprinzen Kaspar Hauser ist für den Volkskundler Oliver Sänger vor allem ein Medienphänomen. „Das ist eine Räuberpistole, die der Sensationslust entgegenkommt und zugleich auch politische Interessen bedient“, sagte Sänger .

Der Volkskundler bereitet zurzeit im Badischen Landesmuseum die Ausstellung zu 900 Jahre Baden vor. Dabei wird er den rätselhaften Findling Kaspar Hauser aus dem frühen 19. Jahrhundert vor allem unter dem Aspekt der medialen Vermarktung präsentieren. „Fast jeder, dem ich von der Ausstellung erzähle, spricht mich auf Kaspar Hauser an“, sagte Sänger. „Das ist erstaunlich, aber auch ärgerlich. Als ob es kein anderes Thema gäbe.“

Er werde jedoch nicht auf die Prinzenthese eingehen und damit wohl viele Besucher enttäuschen – schon damals ging ein Gerücht um, wonach es sich bei dem 1828 in Nürnberg aufgetauchten Kaspar Hauser um einen Erbprinz von Baden handeln soll, der vertauscht worden sei, um eine Nebenlinie des badischen Fürstenhauses auf den Thron zu bringen. „Für mich entbehrt diese Theorie jeder Grundlage“, sagt Sänger. „Ein Kind unter den Augen des Hofstaates auszutauschen und die Tat zu vertuschen – das ist nicht vorstellbar. So viele Menschen können auf Dauer nicht zum Schweigen verpflichtet werden.“

Sänger geht davon aus, dass Kaspar Hauser das uneheliche Kind eines Besatzungssoldaten aus Tirol war. Er wuchs in erbärmlichen Verhältnissen auf – mehr gehalten als erzogen. „Das war damals keine Seltenheit. Der sentimentale Umgang mit Kindern ist ja eine moderne Erscheinung.“ Die Gerüchte, die sich um seine Person ranken, sieht der Volkskundler vor allem politisch begründet. „Das war eine Steilvorlage für all jene, die der Monarchie am Zeug flicken wollten.“ In der Ausstellung zeigt Sänger unter anderem die Darstellung eines Bänkelsängers auf dem Cannstatter Wasen mit dem Abdruck der Hauser-Erzählung.

„Das trifft es ganz gut: Es ist eine schöne Jahrmarktsgeschichte um ein großes Verbrechen. Hinzu kommt noch der Aspekt des “edlen Wilden“. So etwas beschäftigt die Menschen bis heute.“ An Kaspar Hauser lässt sich für Sänger auch eindrücklich die Charakteristik von Verschwörungstheorien darlegen. „Jedes Gegenargument wird so lange gedreht, bis es zum Beweis dafür taugt, dass die Intrige ja noch größer war als gedacht.“
  

dpa

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