Mittwoch, 16.01.2019

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„Acht Monate war ich irgendwie tot“

Von den Taliban entführt: Ein indischer Jesuit berichtet vom Überleben - 03.06.2015 22:04 Uhr

In stabiler Verfassung: Alexis Premkumar zeigt ein Foto von dem Dorf, in dem er entführt wurde. © Foto: Kai Barnickel


Im Nacken, wo ihn fremde Männer eines Montagmittags im Juni 2014 plötzlich packten, um ihn in ihr Auto zu stoßen, im Nacken tut es noch weh. Vom Wassertragen. Und von der ständigen Fesselung. Sonst aber scheint Alexis Premkumar keine Schäden behalten zu haben. Das wäre ein Wunder. Eines, das vielleicht nur mit Gottesglaube erklärlich ist.

Alexis Premkumar, 48 Jahre, schlank, erste weiße Haare, freundliches Lächeln, ist ein Entführungsopfer. Ein zufälliges, wie er beim Besuch in der Nürnberger Jesuitenmission erzählt. 2011 wurde der Jesuitenpater aus dem südindischen Tamil Nadu an einen der gefährlichsten Einsatzorte seines Ordens berufen: nach Afghanistan. Er wurde dort Länderdirektor des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten (JRS). Der JRS betreut in Afghanistan Flüchtlinge, die aus dem Exil zurückkehren und nur noch eine zerstörte Heimat vorfinden. Die Jesuiten bilden Lehrer aus, unterstützen Regierungsprogramme für Unterkünfte und Schulspeisungen.

Alles, was Premkumar in seiner Ausbildung jemals über Sicherheit gelernt hat, schrumpft zum Witz, als seine Entführer zuschlagen. Er besucht gerade eine Flüchtlingsschule im Dorf Sohadat, nahe der Provinzhauptstadt Herat. Er kommt unangemeldet, aus Vorsicht. Wenige Tage zuvor ist das indische Konsulat in Herat von Milizen angegriffen worden. Da brausen vier Männer, um sich schießend, vor die Schule. Premkumar und die Kollegen rennen noch hinein. Vergeblich. „Mir war völlig klar, dass ich jetzt gekidnappt werde“, sagt er. „Sie wollten irgendeinen Ausländer, Einheimische sind wertlos.“

Dass es die islamistische Taliban-Miliz ist, bleibt die naheliegende, aber unbewiesene Schlussfolgerung. Es bekannten sich nie Verantwortliche. Auch die Umstände, unter denen Premkumar am 22. Februar dieses Jahres freikam, liegen im Dunkeln. Die indische Regierung lobte sich sehr dafür. Sie soll in Katar, wo die Taliban vorübergehend ein Büro unterhielten, eine Einigung ausgehandelt haben. Auch der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ließ seine Kontakte spielen.

Die Menschenräuber verschleppen den Pater insgesamt an neun verschiedene Orte im Land, in eine dunkle Männerwelt der Gewalt. Manchmal dient eine Höhle als Quartier, er sieht wochenlang kein Tageslicht. Anfangs verbinden sie ihm die Augen. Meist ist er an Händen und Füßen angekettet. Die Bewacher wechseln. Er versteht ihre Sprache nicht. Wenn sie ihn trotzdem befragen, offenbart er sich nicht als katholischer Priester, sondern sagt wahrheitsgemäß: „Ich arbeite für eine Nichtregierungsorganisation, die eurem Land hilft.“ Dass er Christ ist, finden sie heraus. Weder schadet noch nutzt es ihm. Wenn sie ihn bedrohen, sagt er: „Tötet mich!“ Sie zeigen ihm Enthauptungsvideos des Islamischen Staats. Aber: „Mit dir machen wir das nicht. Wir sind gute Taliban.“

In welche psychischen Abgründe ihn dieses Schicksal führte, berichtet der Inder schon jetzt mit verblüffender Differenziertheit. Hadernd mit Todesangst und Hoffnung, bändigte Premkumar seinen Geist: Er dichtete in Gedanken Lieder über seine Entführung. Und er betete mehrere Stunden täglich spirituelle Übungen aus der Schule des Ignatius von Loyola, seines Ordensgründers. Dabei benennt man zum Beispiel am Abend, wofür es sich heute dankbar zu sein lohnte. Für den freundlichen Aufpasser oder fürs Essen. „Da denkst du kurz nicht mehr, du bist in der Hölle.“

Dem schikanösesten Anführer habe er innerlich wild beschimpft, gesteht er. Aber zum Abschied hätten sie einander umarmt. Hass? „Ich? Nein!“ Das klingt sogar amüsiert. Die Taliban gaben ihm zum Schluss korrekterweise den Pass zurück. Manche wollten Englisch von ihm lernen.

Premkumar stellt klar: „Niemand soll erleben müssen, was mir geschehen ist. Du weißt nie, was im nächsten Moment passiert.“ Er habe in jeder einzelnen Sekunde fliehen wollen. Gefangenschaft bedeute, kein Mensch mehr zu sein. „Acht Monate und 20 Tage war ich in gewisser Weise tot.“ Das Wunder seiner Auferstehung begründet dieser Tiefgläubige zweifelsfrei mit dem Göttlichen. „Meine Befreiung wurde durch die vielen Gebete der anderen möglich“, wiederholt er auf seiner Europareise, „dafür danke ich Ihnen allen.“

Als JRS-Direktor für Südasien wird er vorerst in Indien weiterarbeiten. Sollte Gottes Vorsehung ihn einmal wieder nach Afghanistan schicken: „Ich bin dazu bereit.“ 

Isabel Lauer

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