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Ahnungslos an die Uni: Profs beklagen Studierunfähigkeit

Die Gymnasialreformen wirken - im negativen Sinne - 08.07.2016 06:01 Uhr

Junge Menschen kommen nicht dümmer, aber schlechter vorgebildet an die Hochschulen. Vielen Professoren macht das große Sorgen. © dpa


Eigentlich will Gerhard Wolf seine Studenten nicht bloßstellen. Aber wenn der Bayreuther Germanistik-Professor erklären soll, weshalb er seit Jahren immer wieder mal öffentliche Hilferufe Richtung Politik absetzt, in denen er die rasant schwindende Studierfähigkeit des akademischen Nachwuchses beklagt, dann muss er irgendwann Beispiele nennen. Auch wenn’s wehtut.

Und so erzählt Wolf die kleine Geschichte vom Power-Point-Referat einer Studentin, in dem es um die Beziehung von Mann und Frau im Minnesang des Mittelalters ging. Ein Unterabsatz hieß da "Unterwerfung des Mannes zu der Frau". Ob denn an dieser Überschrift niemanden etwas störe, fragte Wolf in die Seminarrunde. Niemand meldete sich. "Keinem Einzigen fiel die falsche Präposition auf", wundert sich Wolf noch heute. Erst als der Professor dann selbst darauf hinwies, dass es ja wohl "Unterwerfung des Mannes unter die Frau" heißen müsse, gab es eine studentische Wortmeldung: "Sie sind aber heute pingelig, Herr Wolf." Germanist ohne Leselust?

Wenn 80 Prozent durchfallen

Grammatikschwächen, sprachliche Defizite, begrenzter Wortschatz, wenig Freude am Lesen von Büchern - es ist nicht so, dass man als illiterater junger Mensch heutzutage besonders negativ auffiele. Aber muss man sich dann unbedingt für ein Germanistikstudium entscheiden? In aller Regel noch dazu mit dem Berufsziel Deutschlehrer? Natürlich begegnet Gerhard Wolf in seinen Vorlesungen und Seminaren auch immer wieder intelligenten, engagierten, literaturinteressierten Studierenden.

Aber die Zahl derer, die für ein geisteswissenschaftliches Studium ungeeignet sind, steigt nach seiner Einschätzung seit Jahren. Wobei er ähnliche Urteile auch von Kollegen aus anderen Fakultäten hört. Für den eigenen Bereich kann er die Klage mit handfesten Zahlen untermauern. Im letzten Wintersemester scheiterten in seinem Germanistik-Einführungskurs 80 Prozent der Teilnehmer an der Schlussklausur, in der im Wesentlichen die Bedeutung einiger literarischer Grundbegriffe abgefragt wurde.

Wolf ist kein einsamer Nörgler. Vor fünf Jahren hatte er als Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages , der hochschulpolitischen Vertretung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, in einer Umfrage an 62 Hochschulen das Urteil seiner Kollegen zu den Grundkompetenzen des studentischen Nachwuchses eingeholt und mehrheitlich die eigenen Beobachtungen bestätigt bekommen. Mit diesem Befund sollte damals die Kultusministerkonferenz aufgefordert werden, darüber nachzudenken, wie die Studierfähigkeit der Abiturienten gesteigert werden könnte. Passiert ist nichts.

Die Politik trägt eine Mitschuld - mindestens

Dabei haben die deutschen Bildungspolitiker die Misere entscheidend mit zu verantworten. In den meisten Bundesländern wurde die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt. Bei einer Bamberger Tagung des Verbands Hochschulgermanistik in Bayern stellten Gymnasiallehrer und Hochschulprofessoren kürzlich jedoch übereinstimmend fest, dass in Bayern die Abschaffung des Leistungskurssystems in der gymnasialen Oberstufe wohl noch viel stärker für die Schwächen der Studienanfänger verantwortlich ist.

Die Vorgabe, dass alle Schüler bis zum Abitur Deutsch und Mathematik belegen müssen, verhindert wissenschaftlich anspruchsvolles Arbeiten. Das Niveau wurde auf ein Mittelmaß nivelliert. Schwache Schüler sind dennoch überfordert, starke Schüler langweilen sich und starten mit geringerem Vorwissen ins Studium.

Es geht fast nur nach Schema F

Die Erlanger Germanistik-Professorin Christine Lubkoll kritisiert zudem, dass sich am Gymnasium die Unterrichtsformen und -ziele stark verändert hätten. "Ein problemorientiertes Unterrichtsgespräch, aus dem heraus Schüler selbstständig Positionen entwickeln, wird kaum noch geführt." Es gehe viel nach "Schema F", um das unreflektierte Pauken von Lernstoff, der dann bei den Klausuren in erwarteten Antworten abgeliefert, mit Punkten belohnt und dann wieder vergessen wird. Auch Lubkoll betont, dass sie es beispielsweise im interdisziplinären Masterstudiengang "Ethik der Textkulturen" auch heute noch mit "intellektuell herausragenden Studierenden" zu tun habe.

Aber ein Großteil ihrer Bachelorstudenten sei nur am "mundgerechten Servieren" überschaubarer Häppchen interessiert. Das verschulte Bachelor-System knüpft auf fatale Weise an das gymnasiale System des unselbstständigen Punktesammelns an. Zusätzliche Lehrangebote, die den Horizont erweitern könnten, aber nicht mit Punkten locken, interessieren kaum jemanden. "Kürzlich habe ich in Nürnberg eine Vorlesung vor fünf Leuten gehalten", erzählt Lubkoll.

Das Ende der akademischen Bildung

Nach Überzeugung der Germanistin müssten die Gymnasien den Schülern wieder mehr Freude am selbstständigen Denken vermitteln. An tiefgreifende strukturelle Reformen an den Hochschulen mag sie aufgrund der im sogenannten Bologna-Prozess vereinbarten europaweiten Harmonisierung der Studiengänge und -abschlüsse nicht so sehr glauben. "Obwohl die Kollegen gern zum alten System zurückkehren würden und in einzelnen Bundesländern tatsächlich erste Schritte unternommen wurden."

Von den Studierenden geht der geringste Druck aus, was Reformforderungen angeht. Man darf das wohl durchaus auch als eine der Folgen des unreflektierten Punktesammlertums im Bildungswesen interpretieren. Bei der Bamberger Tagung wurde auch Germanistik-Studenten die Möglichkeit gegeben, Wünsche für einen verbesserten Uni-Betrieb zu formulieren.

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Was sie vortrugen, fand Prof. Gerhard Wolf nur noch erschreckend. "Sie würden am liebsten zurück ins 19. Jahrhundert, zur Lehrerbildungsanstalt, in der sie erfahren, was sie später in den einzelnen Unterrichtsstunden genau zu tun haben." Das wäre dann wirklich das Ende der akademischen Bildung. 

Von Hans-Peter Kastenhuber E-Mail

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