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Deutschland ist Weltspitze - beim Essen wegwerfen

Hunderttausende Tonnen Lebensmittel wandern auf den Abfall - 25.08.2011 09:47 Uhr

„Mülltaucher“ in Aktion: Aus Abfalltonnen holt er Gebäck. Mit dem Brot, das in Deutschland weggeworfen wird, ließe sich ganz Niedersachsen versorgen. © dapd


Es ist die Geschichte vom Kartoffelacker, die hängen bleibt. Vier Jahre lang hat der Filmemacher und Buchautor Valentin Thurn die globale Lebensmittelverschwendung untersucht, ist nach Kamerun, in die USA, nach Österreich, Großbritannien und Japan gereist.

„Aber auf dem Kartoffelacker eines ostwestfälischen Bauern, da war ich emotional am meisten aufgewühlt.“ Fast die Hälfte seiner Ernte bleibe direkt auf dem Feld zurück, erzählte ihm der Bauer. Ob zu klein, zu groß, zu viel Schorf, oder ein grüner Fleck – diese Kartoffeln wolle niemand kaufen. „Der Ernährungswert ist derselbe, die würden genauso gut schmecken, aber der Handel nimmt sie uns nicht ab.“ Da sei es ihm kalt den Rücken heruntergelaufen.

Schockierende Erfahrungen

Seine teils schockierenden Erfahrungen und Recherchen hat Thurn produktiv verarbeitet – in zwei Dokumentarfilmen und gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Kreutzberger auch in einem Buch. Der erste Dokumentarfilm lief im Oktober in der ARD, der zweite kommt im September in die deutschen Kinos, eine Aktionswoche in deutschen Städten soll folgen. Das Buch „Die Essensvernichter“ liefert Beispiele, Statistiken und Informationen in Hülle und Fülle. Rasch wird deutlich, wie viel Recherche in diesem Buch steckt – und dass die nicht immer einfach war.

„Mittlerweile ist jeder Quadratzentimeter der Rückseite des Mondes exakt vermessen, aber niemand kann genau sagen, wie viele Ressourcen an Energie, Wasser, Boden und Arbeitskraft ungenutzt vergeudet werden“, klagen die Autoren. Trotzdem haben sie Hunderte von erschreckenden Statistiken ausgegraben: Rund ein Drittel der weltweit für den Verzehr gedachten Lebensmittel lande Schätzungen zufolge im Abfall, in Industrieländern sei es sogar etwa die Hälfte. Ein Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs werde für den Anbau von Lebensmitteln verwendet, die später auf den Müll geworfen würden.

Mit dem Brot, das jedes Jahr in Deutschland weggeworfen werde, könnte im selben Zeitraum ganz Niedersachsen bedient werden: 500.000 Tonnen. Statistisch gesehen gäbe es mehr als genug Nahrung für alle Bewohner der Erde — aber weil so viel weggeschmissen oder für Tierfutter, Biosprit oder zur Stromerzeugung genutzt wird, müssen immer mehr Menschen hungern.

Strenge Wegwerf-Regeln in Österreich

Die Zahlen erschrecken, aber hängen bleiben vor allem die Menschen und ihre Geschichten. Die vom französischen Supermarktleiter, der alle Produkte sechs Tage vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums aus dem Regal nehme – weil die Kunden sie sonst nicht mehr kaufen würden. Die vom japanischen Großmarktarbeiter, der Sushi-Packungen bereits Stunden nach der Herstellung öffne und den Inhalt wegschmeiße — weil die japanischen Regeln das so vorschrieben.



Andere Länder gehen strikter gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln vor — Großbritannien und Österreich seien da führend, so die Autoren. In Deutschland sammeln die „Tafeln“ inzwischen einiges bei Läden ein und verteilen es weiter an Bedürftige. Zudem gibt es das Phänomen der „Mülltaucher“ in Wien oder zusehends auch anderen Großstädten, die sich ausschließlich von Lebensmitteln aus Mülltonnen ernähren und damit ohne Probleme einen ausgewogenen Speiseplan aufstellen können.

Thurn berichtet: „Vor etwa vier Jahren habe ich eine Reportage über diese Mülltaucher gemacht – also junge Politaktivisten, die sich ihr Essen aus Mülltonnen zusammensammeln. Das schien mir ein exotisches Thema zu sein, aber als ich gesehen habe, welche Mengen an noch gut erhaltenen Lebensmitteln sich da verbergen, ist es mir ganz anders geworden. Das sind doch alles Warenwerte, habe ich mich gefragt, warum werfen die die weg?

Kreutzberger und Thurn wollen „eine gesellschaftliche Veränderung anstoßen“ und eine „Anleitung zum Aktivwerden“ liefern. Mit konkreten Tipps für Verbraucher und konkreten Forderungen an Politik, Wirtschaft und Handel untermauern sie ihre Ansprüche. Manches klingt dabei banal – Nie mit leerem Magen einkaufen gehen! Immer genau planen, was die Woche über gegessen werden soll! Einen fleischfreien Tag einlegen! — aber eben auch praktikabel. 

VON CHRISTINA HORSTEN (dpa)

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