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Deutschland lockt emigrierte Akademiker

Abwanderung von Forschern ins Ausland soll ein Riegel vorgeschoben werden - 31.10.2010 11:08 Uhr

Sie ist schon wieder zurück: Statt in den USA forscht Sandra Blaess nun an der Universität Bonn.

Sie ist schon wieder zurück: Statt in den USA forscht Sandra Blaess nun an der Universität Bonn. © dpa


Das Rückflugticket gibt es gratis: Mit einer ungewöhnlichen Initiative wenden sich Wissenschaftsorganisationen an junge deutsche Akademiker in den USA. Doch sie wollen keinen Auslandsaufenthalt ermöglichen, ganz im Gegenteil: Die Initiative „Gain“ soll die Forscher in ihre Heimat zurücklocken.

Die Abkürzung steht für das German Academic International Network, eine Initiative des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und weiterer Partner. Gemeinsam wollen sie dem „Brain-Drain“, also dem Abwandern der deutschen Bildungselite ins Ausland, einen Riegel vorschieben. Dabei ist das Phänomen nicht neu: „Um die Jahrtausendwende wurde dieses Problem akut“, sagt Katja Simons, die von New York aus seit 2003 die "Gain"-Initiative für den DAAD leitet.

Im Jahr 2001 attestierte eine vom Bildungsministerium herausgegebene Studie dringenden Handlungsbedarf: Bis zu 14 Prozent der Nachwuchsforscher verlor Deutschland demnach an die USA. „Das Problem der doppelten Besten-Auswahl“ nennt es Birgit Klüsener vom DAAD. Erst schafften nur die talentiertesten deutschen Forscher den Sprung nach Nordamerika, dann bekamen wiederum die Besten unter ihnen in den USA attraktive Bleibe-Angebote. Wer seine Doktorarbeit in den Staaten schrieb, fand dort laut Studie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eine neue Heimat. Eine Quote, an der es zu kratzen galt.

Generell ist der Rückkehr-Wille groß

Katja Simons kratzt: Mit jährlichen Treffen und einer Online-Plattform versucht "Gain" seither, die deutschen Forscher in der Fremde zu vernetzen und ihre Verbindung zum Vaterland zu erhalten.  „Generell ist der Wille zur Rückkehr groß“, sagt Simons. Ihren Angaben zufolge sind von den rund 6000 deutschen Wissenschaftlern in den USA circa 3500 bei "Gain" organisiert. Ihnen müssten nur „Wege aufgezeigt werden, wie sie ihre Karriere in Deutschland fortsetzen können“.

Der Biochemiker Sebastian Schuck und seine Frau sind auf der Suche nach solchen Wegen. Sie forschen seit 2006 und 2007 in den USA und wollen auf jeden Fall zurück in die Heimat – „sobald wir dort geeignete Stellen gefunden haben“, sagt er. Nach seiner Einschätzung verbessern sich gerade die Perspektiven für Wissenschaftler in Deutschland, während sie sich in den USA verschlechtern.

Sandra Blaess hat die Heimkehr schon gewagt. Sie kam 2008 nach sechs Jahren aus den Staaten zurück. Auch sie sieht eine „steigende Forschungsförderung in Deutschland und Europa und die gleichzeitig immer schlechter werdende Finanzierungssituation in den USA“.

Finanzielle Unterstützung

Für den Weg zurück gibt es reichlich Unterstützung: Bis zu 1519 Euro monatlich zahlt der DAAD Wissenschaftlern, die aus dem Ausland in die Bundesrepublik zurückkehren. Auch Fahrkosten zu Vorstellungsgesprächen können erstattet werden. Und das Emmy-Noether- Programm der DFG stattet Wissenschaftler mit Geldern für ein eigenes Forschungsprojekt aus – jedoch nicht ohne Bedingungen: Bewerber aus dem Ausland müssen sich bei der DFG schriftlich verpflichten, nach Ende der Förderung in Deutschland zu bleiben.

Die Gründe der Jung-Forscher gegen eine Rückkehr seien vielfältig, sagt die "Gain"-Leiterin Simons. Die Kontakte nach Deutschland gingen verloren oder es gebe die Sorge, „wie man dort Familie und Karriere vereinbaren“ könne. Denn mit Anfang bis Mitte Dreißig wünschen sich die meisten zwecks Familienplanung eine sichere Stelle. „Das hat Amerika noch bis vor wenigen Jahren flexibler möglich gemacht als wir“, sagt Eva-Maria Streier von der DFG. Doch das sei inzwischen anders: „Wir holen mächtig auf.“

Unheilvoller Einfluss der Tea-Party-Bewegung

Einst überzeugten die „großartigen wissenschaftlichen Möglichkeiten“ in den USA, erklärt der rückkehrwillige Sebastian Schuck. Die Heimkehrerin Sandra Blaess berichtet jedoch, inzwischen sei dort „eine irrationale Wissenschaftsfeindlichkeit immer weiter auf dem Vormarsch“. Sie nennt die Tea-Party-Bewegung, die Leugnung des Klimawandels und die Stammzellen-Debatte als mögliche Bremsklötze für die amerikanische Forschung der Zukunft.

Daher bereut Blaess ihre Rückkehr nicht, und auch Schuck freut sich auf Deutschland: Neben der Familie gebe es inzwischen auch attraktivere Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland, sagt der Biochemiker: „Im Durchschnitt können europäische und deutsche Unis mit amerikanischen sehr wohl mithalten.“ Außerdem locke die „vertraute gesellschaftliche Kultur, die sich durch weniger
Konfrontation und mehr Rücksicht auf das Gemeinwohl auszeichnet“.

Insgesamt sei das "Gain"-Netzwerk für Rückkehrwillige unverzichtbar, meint Schuck. Anders könne er sich in den USA „niemals so ein umfassendes Bild“ von den Möglichkeiten des Forschungsstandorts Deutschland machen. Er wisse nun: Eine Heimkehr nach Deutschland sei keineswegs unmöglich. „So wirkt 'Gain' nebenbei dem typisch deutschen Hang zum Pessimismus entgegen.“ 

Torben Klausa (dpa)

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