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Die Energiewende kommt aus dem Keller

Eine Schwabacher Genossenschaft zeigt, wie Blockheizkraftwerke Sonne und Wind ergänzen können - 19.08.2014 19:32 Uhr

Sind mit den Messergebnissen dieses Blockheizkraftwerks sichtlich zufrieden: Genossenschaftsvorstand Ralf Hansen (l.) und Gründungsmitglied Rolf Waldheim. © Foto: Günter Distler


Ralf Hansen steht im Keller, zwischen brummenden Motoren, und hat seinen Laptop aufgeklappt. Er deutet auf Kurven, rote und blaue, und kann genau sagen, wie viel Strom und Warmwasser in dem Mehrfamilienhaus derzeit verbraucht wird. Im Moment ist es ideal, zeigen die Linien: Alle Energien aus Blockheizkraftwerken findet Abnehmer in dem Gebäude.

Einerseits ist es nicht ganz einfach, das immer hinzubekommen: Im Sommer muss manchmal Strom zugekauft werden, weil natürlich keiner im Haus heizt. Und im Winter springt der Gasbrenner zusätzlich an, da sonst die Heizkörper bloß lau bleiben.

Andererseits hat Hansen genau das Wissen, um solche Dinge in den Griff zu bekommen: Er ist Elektroingenieur, Spezialgebiet Regelungstechnik. Vor allem aber ist es sein ganz persönlicher Beitrag zur Energiewende.

Der 59-Jährige ist heute Vorstand der Schwabacher Wärme-Strom- Gemeinschaft, einer eingetragenen Genossenschaft. Ihr Geschäftsmodell ist es, solche Blockheizkraftwerke zu konzipieren und zu betreiben; sie nutzen das eingesetzte Gas besonders effizient, produzieren mit einem Motor und einem Generator Strom; die dabei entstehende Abwärme heizt Wasser auf.

Überall einsetzbar

Vor allem aber liefern die Anlagen auch dann Strom, wenn die Sonne gerade nicht scheint und zufälligerweise der Wind nicht weht, im Winter zum Beispiel. Das ist praktisch, weil dann auch viel geheizt werden muss. Für die Anlagen braucht es keine teuren und umstrittenen Stromtrassen, da sie dezentral praktisch überall aufgebaut werden können.

Unterstützung findet das Konzept bei Claudia Kemfert, Professorin und Energieexpertin des Berliner Institutes für Wirtschaftsforschung: „Die Energiewende benötigt dezentrale Lösungen“, sagt sie, „Blockheizkraftwerke sind besonders effizient.“ Und Fabio Longo, Vorstand der europäischen Gesellschaft für regenerative Energien Eurosolar, sieht darin sogar einen „der wichtigsten Schlüssel für den Erfolg der dezentralen Energiewende“. Und außerdem, führt er noch an, verringert das die Abhängigkeit von Energieimporten aus Regionen mit unzuverlässigen Regierungen wie Russland oder dem Nahen Osten.

Doch Hansen hat lange für diese Idee werben müssen: Zwar hat er schon Mitte der neunziger Jahre ein Konzept in einem Landesarbeitskreis des Bund Naturschutz erarbeitet, „aber das war nicht wirklich diskussionsfähig“. Die Zeit war erst reif, als sich vor sechs Jahren die Schwabacher Stadtwerke an einem Kohlekraftwerk in Lublin beteiligen wollten. Hansen und andere Öko-Bewegte sannen auf eine überzeugende Antwort, dachten an die wesentlich umweltfreundlicheren Blockheizkraftwerke — und handelten im Jahr 2008. Das Ergebnis war eine Genossenschaft, die heute 93 Mitglieder hat, 2010 die erste Anlage in Betrieb nahm und jetzt den sechsten Vertrag abgeschlossen hat. Viel mehr als eine Anlage im Jahr war nicht zu schaffen, sagt Hansen, das hätte die Kapazitäten des dreiköpfigen Vorstandes — alle arbeiten ehrenamtlich — überfordert. Vielleicht auch die finanziellen der Genossenschaft, denn: „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, wir müssen positive Zahlen schreiben.“

Das tun sie auch, und die Nachfrage ist so groß, dass jetzt die Planung auch mal nach außen vergeben werden kann. Denn der Markt ist groß: Alle Gebäude, die über 7500 Liter Öl im Jahr verbrauchen, eignen sich. Das Angebot der Genossenschaft sieht so aus: Sie plant, baut, bezahlt und betreibt die Blockheizkraftwerke — lang erprobte Produkte, deren Hersteller eine Laufzeit von 80 000 Stunden verspricht. Die Hauseigentümer ersparen sich die Investitionskosten für eine neue Heizung und bezahlen trotzdem im Monat nicht mehr als bisher. Der Strom ist sogar etwas billiger als im Marktdurchschnitt.

Zwischen 40 000 und 50 000 Euro kostet ein einzelnes Blockheizkraftwerk, dazu kommt noch der Spitzenkessel und anderes. In einem großen Gebäude in Bahnhofsnähe stehen gleich drei davon und versorgen unter anderem eine Apotheke und einen Friseursalon; die Investitionssumme, im Wesentlichen finanziert durch eine Bank, lag bei einer Viertelmillion Euro.

Wenn sich so etwas amortisieren soll, wäre denn da nicht eine Wärmedämmung, einmal theoretisch gesprochen, nicht höchst unwillkommen? Nein, sagt Hansen, durch und durch Umweltschützer: „Zuerst kommt das Vermeiden“ — auch wenn aus diesem Grund mit spitzem Stift gerechnet werden muss.

„Intelligent verbinden“

Noch ist nicht alles so, wie die Genossenschafter das wollen. Sie könnten beispielsweise Öko-Strom einkaufen, überlegt Hansen, wenn besonders viel davon anfällt, und vielleicht sogar irgendwann einmal in Gas umwandeln. „Dafür müssten idealerweise die einzelnen Komponenten intelligent miteinander verbunden werden“, rät Claudia Kemfert und fordert den Regelungstechniker Hansen damit heraus.

Die Schwabacher Stadtwerke haben übrigens doch nicht in ein Kohlekraftwerk, sondern in Windparks investiert. Und ab 2025 wollen sie nur noch Ökostrom liefern. 

DIETER SCHWAB

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