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Kardinal Marx zieht "rote Linie" gegenüber der AfD

Zwischen der AfD und der katholischen Kirche gebe es eine klare Grenze - 16.01.2017 14:30 Uhr

Für Kardinal Reinhard Marx existiert eine klare "rote Linie" zwischen der katholischen Kirche und der AfD. Diese Linie dürfe nicht überschritten werden. © dpa


Haben Sie gute Vorsätze fürs neue Jahr?

Reinhard Kardinal Marx: Da bin ich lieber zurückhaltend. Mit 63 Jahren hat man einen gewissen Rhythmus im Leben, was Gebet und Arbeit angeht. Ich nehme mir eher vor, mit Mut und Zuversicht meine Arbeit zu machen.

Mut und Zuversicht – Eigenschaften, die momentan nicht so verbreitet sind – eher sieht man ...

Marx: Dazu hat auch sicher der Verlauf des Jahres 2016 beigetragen. Das hat mich auch bedrückt. Egal, mit wem man spricht – fast alle haben dieses Gefühl: Die Sorgen sind gewachsen. Die Frage nach der Sicherheit im Land, nach der Stabilität um uns herum, die Wahlen in Amerika, die europäische Entwicklung – da ist viel zusammengekommen. Parallel dazu steigt die Erregungskurve. Das spürt man in vielen Gesprächen: Solche Stimmungen können ganze Gesellschaften erfassen. Und nicht nur bei uns herrscht eine sorgenvolle, verängstigte Stimmung.

Wo sehen Sie die Ursachen? Das Land steht gut da – noch. Sind es Ängste, diesen Wohlstand zu verlieren, ist es die Flüchtlingskrise?

Marx: Das ist gar nicht so einfach zu ergründen. Manchmal sind Stimmungen diffus. Das ist auch nicht nur eine typisch deutsche Angst, die berühmte "German Angst". Wir erleben eine viele Gesellschaften erfassende, generelle Erregung. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir spüren: Die nächsten Jahrzehnte werden nicht einfach. Viele merken, es ist schwer vorstellbar, dass wir eine Wohlstandsinsel bleiben und die Probleme um uns herum uns nichts angehen. Wir haben vielleicht zu lange gedacht, dass alles schon irgendwie weitergeht wie bisher. Aber dafür gibt es eben keine Garantie. Dazu kommt natürlich der radikale islamistische Terror – eine besondere Bedrohung. Aber ich sage auch: Angst darf uns nicht lähmen. Es liegt auch an uns, an jedem Einzelnen, Verantwortung wahrzunehmen.

Die Tonlage ist schärfer geworden. Merken Sie das auch?

Marx: Absolut. Die Kommunikation ist spannungsvoller geworden. Oft kommt kein wirklicher Dialog zustande, Meinungen prallen einfach aufeinander. Umso wichtiger ist es, dass man einen klaren Kopf behält, Dinge nicht schönredet, nüchtern hinschaut, analysiert und gemeinsam den Weg in die Zukunft geht.

Aber manche Menschen sind mit Argumenten nicht zu erreichen, sondern blocken dann ab, verweisen auf Internetseiten mit Verschwörungstheorien. Was tun?

Marx: Als Verantwortliche in der Kirche sollten wir jedenfalls mithelfen, Räume zu schaffen, wo man mit Respekt und Offenheit miteinander umgeht und Konflikte fair austrägt.

Waren die Hoffnungen aufs Internet und seine Möglichkeiten – Wissen für alle zu jeder Zeit – überzogen?

Marx: Ich hatte diese Hoffnungen auch mal. Heute sehen wir: Es gibt nicht nur positive Entwicklungen. Nun findet man für jede noch so abstruse Meinung eine Community, die das unterstützt. Und das, wovon eine Demokratie auch lebt – nämlich eine Öffentlichkeit, die kontrovers und doch respektvoll diskutiert –, das wird an den Rand gedrängt. Wenn sich aber nur noch verschworene Gemeinschaften gegeneinander abschotten, dann gefährdet das die Demokratie zutiefst. Die Demokratie braucht eine sachliche Debatte, die davon geprägt ist, dass wir uns für den Anderen und für dessen Meinung interessieren. Da könnten wir als Kirche in unseren Pfarreien und Institutionen durchaus einen positiven Beitrag leisten.

Wird das Moderieren von Konflikten eine neue Herausforderung für die Kirche?

Marx: Einen Beitrag zur Versöhnung, zum Frieden, zum Miteinander leisten – das ist schon unsere Aufgabe.

Stichwort Meinungsvielfalt in den Gemeinden: Wie halten Sie es mit der AfD? Gibt es da eine Trennlinie?

Marx: Grundsätzlich müssen wir jede Auseinandersetzung inhaltlich führen. Es gibt eine gewisse Bandbreite des politischen Engagements, aber es gibt auch Grenzen, wo wir als Christen sagen müssen: Da gibt es eine rote Linie.

Wo sehen Sie diese Linie?

Marx: Zum Beispiel bei Ausländerfeindlichkeit, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, bei einer Überhöhung der eigenen Nation, bei Rassismus, Antisemitismus, bei Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, auch bei der Art und Weise, wie wir miteinander reden. Wo grob vereinfacht wird, wo Parolen zur Feindschaft beitragen – da kann ein Christ eigentlich nicht dabei sein. Letztlich bestimmen die Parteien durch Personen und Programme ihre Nähe zur Kirche.

Welche Auswirkungen hat der Erfolg Trumps samt seiner Methoden auf hiesige Wahlkämpfe?

Marx: Politische Diskussion lebt, gerade in Wahlkampfzeiten, natürlich auch von Zuspitzung. Aber wir müssen aufpassen, wohin das führt, wenn wir diesen neuen Stil übernehmen. Wenn etwa über Kurznachrichten auf Twitter große Politik gemacht wird, da setze ich doch große Fragezeichen. Das ist nicht der öffentliche Diskurs, der weiterführt. So stelle ich mir die Öffentlichkeit der Zukunft nicht vor.

Globale Regeln fürs Internet finden

Wenn solche rauen Töne auch bei uns Schule machen, melden Sie sich dann zu Wort?

Marx: Auf jeden Fall, das tun wir schon jetzt. Wir sagen: Verbal bitte mal abrüsten! In jeder politischen Auseinandersetzung muss es fair zugehen. Man darf nicht den Stil von Scharfmachern und Fundamentalisten übernehmen. Man kann auch Erfolg haben mit Sachlichkeit und Respekt.

Wie politisch darf Kirche sein? Da gab es ja Kontroversen vor allem mit der Partei, die das C im Namen trägt ...

Marx: Die Kirche muss sich ins politische Feld hineinbegeben. Sonst wäre sie eine reine Kirche des Seelenheils. Gott ist Mensch geworden und in Jesus der Bruder aller Menschen. Da geht uns das Leben aller Menschen etwas an. Da sind die Frage der Gerechtigkeit, die Frage nach der Überwindung der Armut, der Schutz des Lebens – alles Themen, die wir nicht auslassen können. Hier zeigen wir Linien auf und ethische Prinzipien.

Braucht es mehr Regeln fürs Internet?

Marx: Ich sehe verschiedene Ebenen der Verantwortung. Schauen wir uns die digitale Revolution an. Das ist ja mehr als eine nur technische Entwicklung. Theoretisch ist für jeden Menschen alles Wissen der Welt überall abrufbar – und jeder Mensch ist präsent im Netz, über seinen Tod hinaus. Das lässt sich national kaum steuern, also muss man globale Regeln finden. Es muss aber auch Selbstverpflichtungen geben – etwa von Unternehmen, wie wir es bei ethischen Standards im Umweltbereich erleben.

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Und auch der Nutzer selbst hat eine Verantwortung: Was postet er und vor allem wie bewertet er Inhalte? Wir sind in einer neuen Informationswirklichkeit, in einem neuen globalen, digitalen Raum. Da braucht es globale Übereinkünfte. Wenn ich das so sage, dann antworten mir viele: Herr Kardinal, träumen Sie weiter! Aber es herrscht Handlungsbedarf, sonst droht eine Entwicklung, die nicht dazu führt, dass die Welt besser wird. Die Bemühungen um die Begrenzung des Klimawandels zeigen das.

Wie verändert die Digitalisierung den Menschen?

Marx: Ein Thema ist mir wichtig: Was wird sich in der Arbeitswelt verändern? Das ist noch gar nicht zu Ende gedacht. Ich sehe die Gefahr, dass das Normal-Arbeitsverhältnis als Anker der Stabilität in unserer Gesellschaft unter Druck kommt. Wird jeder sein eigener Unternehmer mit Laptop zu Hause und arbeitet von dort? Vielleicht als billig bezahlter Subunternehmer von Arbeitgebern, die sich weltweit Personal aussuchen können? Was hätte das für Folgen? Gibt es neue Spaltungen? Wer sind die Gewinner und Verlierer? Das andere Thema ist: Wie geht man um mit der grenzenlosen Fülle von Informationen?

Klingt nach einem gemeinsamen Wort der Kirchen zur Digitalisierung und ihren Folgen . . .

Marx: Ich glaube, wir sollten die Experten ermutigen, darüber weiter nachzudenken.

2017 steht im Zeichen des Reformationsjubiläums. Stiehlt Ihnen Luther heuer die Schau?

Marx: Ganz im Gegenteil, mich freut, dass wir das Reformationsgedenken nicht gegeneinander veranstalten – das ist ja zum ersten Mal in 500 Jahren Geschichte so. Wir stellen gemeinsam Christus in die Mitte. Es geht ja nicht nur um einen Blick zurück. Mein Interesse ist, dass wir in die Zukunft schauen: Welchen Beitrag leistet der christliche Glaube für unser Leben? Wie können wir heute Christus verkünden?

Was ist für Sie die zentrale Botschaft von Luther heute? Was bleibt?

Marx: Er war einer, der einen ganz neuen, frischen Blick auf das Neue Testament geworfen hat, ein leidenschaftlicher Exeget. Luther hat wie kaum ein anderer gezeigt, dass wir uns nicht aus eigener Kraft erlösen können, dass wir die Liebe Gottes nicht kaufen können, sondern dass sie uns geschenkt wird. Er wollte Christus in den Mittelpunkt stellen, das ist das Entscheidende.

Wenn ein Unternehmensberater die Lage der beiden großen Kirchen analysieren würde, sähe er zwei Konzerne mit schwindender Marktmacht, annähernd gleicher Ausrichtung und heftig umkämpftem Markt – und würde wohl zur Fusion raten, um Synergieeffekte besser zu nutzen und gemeinsam stärker aufzutreten. Sie würden so einen Berater wohl rauswerfen, oder?

Marx: Wohl schon deswegen, weil Fusionen nicht per se erfolgreich sind. Viele Firmenzusammenschlüsse der letzten Jahre waren erfolglos. Eine Fusion allein ist kein Konzept. Zu den Kirchen: Es kann keine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners geben. Vielfalt und Unterschiede einfach einzuebnen hat keinen Sinn. Es gibt noch manches, was uns trennt und es uns nicht ermöglicht, gemeinsam die Eucharistie zu feiern – gleichzeitig bereichern uns unsere unterschiedlichen katholischen und evangelischen Traditionen. Auch eine sichtbar eine Kirche der Zukunft würde ja nicht bedeuten, diese Traditionen aufzugeben. Ich hoffe schon, dass ich diese Einheit der Kirche noch erlebe. Vielfalt als Bereicherung, das ist auch ein wichtiges Signal an unsere moderne pluralistische Gesellschaft: Schaut, da arbeiten zwei eng zusammen, die lassen sich nicht spalten, die kommen wunderbar miteinander aus, obwohl sie auch verschieden sind.

Blicken Sie mal voraus: Wie wird das 600. Jubiläum der Reformation von den beiden Kirchen gefeiert? Noch getrennt?

Marx: Ich hoffe, dass wir das als vereinte Kirche feiern. Wir haben schon viel erreicht auf dem Weg der sich immer mehr annähernden Freundschaft. Das ist für mich sowieso ein zentraler Begriff: Freundschaft! Christen in unserem Land haben eine Geschichte der Feindschaft und auch der gegenseitigen Verletzungen hinter sich. Diese Zeiten sollten endgültig vorbei sein! 

Alexander Jungkunz

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