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Kommentar: Was der Petry-Austritt über die AfD verrät

Die neue Rechte sitzt in einer Mischung aus Wagenburg und Schützengraben - 27.09.2017 08:43 Uhr

Wir sind dann mal raus: Frauke Petry und Marcus Pretzell haben ihren Abschied aus der AfD verkündet. © dpa


So also geht es zu in jener Partei, die allen anderen mangelnde Transparenz oder zu wenig Demokratie unterstellt: In der AfD gibt es Grabenkämpfe, die bis zum Wahltag unter die Decke gekehrt wurden - und dann, also erst nach dem eingefahrenen Erfolg, doch öffentlich werden. Das ist natürlich alles andere als transparent, das grenzt an Wählertäuschung.

Denn, dass etwa die vorübergehende Vorzeigefrau der AfD, Frauke Petry, am Tag nach der Wahl erst die Fraktion verlässt und 24 Stunden später ihren Austritt aus der Partei ankündigt - das hätte manche AfD-Wähler wohl schon interessiert. Petry vollzieht diesen Schritt mit ihrem Mann Marcus Pretzell, bisher Landes- und Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen. Nun ist Pretzells Ruf nicht der beste, seine Vita voll von dubiosen, teils justitiablen Vorgängen. Mit Petry bildet er ein aufs Engste verbundenes, ja verschworenes Team, das oft losgelöst vom Rest der AfD agierte. Auch nationalistische Töne waren von beiden zu hören.

Sie taugen also eher nicht zu Helden oder Märtyrern, zu denen sie sich nun womöglich zu stilisieren versuchen. Und angesichts der bei der Wahl erfolgreichen AfD-Doppelspitze Alice Weidel und Alexander Gauland wäre für Petry womöglich kein Platz zur Profilierung gewesen. Der Austritt ist so auch die logische Fortsetzung ihres Egotrips.

Geht es ihr wie Bernd Lucke?

Die spannende Frage ist: Geht es Petry nun ähnlich wie dem auch von ihr kaltgestellten AfD-Gründer Bernd Lucke, der redlich, aber ohne Resonanz die Kleinstpartei Alfa führt? Oder zieht sie weitere Funktionäre auf ihre Seite und zu einer neuen, konservativen Gruppierung, die sich nicht so (rechts)radikal, so völkisch präsentiert wie die aktuelle AfD-Spitze? In diese Richtung deuten jedenfalls weitere Abspaltungstendenzen: In Mecklenburg-Vorpommern verließen, ebenfalls am Tag nach der Wahl, vier eher moderate Landtagsabgeordnete die nicht nur ihrer Ansicht nach zu radikale Landtagsfraktion. Innerhalb der AfD eckt jene "Alternative Mitte" meist an, die Kritik an den nationalistischen Tönen eines Björn Höcke oder an den Provokationen Gaulands übt.

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Petrys Austritt klärt daher durchaus Fronten: Immer sichtbarer wird die krawallige, laute, wütende Seite der AfD - jene Seite, mit der die Partei ihren Coup vom Sonntag landete. Nicht allen ihrer Wähler wird das gefallen. Manchen aus dem braunen Eck durchaus - aber viele stimmten für die AfD, weil sie vor allem nicht (mehr) für die Union oder die SPD stimmen wollten.

Krawall statt Sachpolitik

Ob sie auf Dauer eine Partei schätzen, die eine Regierung "jagen" will? Die nicht einmal Konzepte etwa für die Rentenpolitik oder andere zentrale Themen hat? So eine Frontal-Opposition peilt die die Gauland-Weidel-AfD momentan an. Und deren Tonlage ist im Vergleich zu anderen AfD-Funktionären noch vergleichsweise zurückhaltend: Der Kreisverband Salzgitter ließ auf seiner Facebook-Seite einen Eintrag zu, in dem es mit Blick auf den Wahlerfolg hieß: "Die nächste Phase im Krieg gegen dieses widerwärtigste System, das je auf deutschem Boden existierte, nimmt nun ihren Anfang."

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Gemeint ist wohlgemerkt nicht das Naziregime, sondern die liberale, weltoffene, in Europa verankerte Bundesrepublik. Ihr sagen, in salonfähigerem Ton, auch jene AfD-Vordenker den Kampf an, die sich als die rechten Nachfolger der 68er und auf einem ähnlichen Marsch durch die Instanzen sehen. Sie wollen - nun ausgestattet mit Posten, Geld und Abgeordneten, die ihre Thesen verkünden - die Rückabwicklung der Republik. Um in der AfD-Jagd-Rhetorik zu bleiben: Sie sitzen in einer Mischung aus Wagenburg und Schützengraben. Die große Mehrheit der Freunde der offenen Gesellschaft muss genau und gelassen beobachten, was diese neue Rechte da tut und plant. 

Alexander Jungkunz NN-Chefredaktion E-Mail

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