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Mafiosi in Nürnberg: Die Spur führt in die Gastronomie

Seit Jahrzehnten ist Mittelfranken ein Tummelplatz diverser Familien-Clans - 12.01.2018 05:57 Uhr

Der Fall von Giorgio Basile (rechts) hat auch in Franken hohe Wellen geschlagen. © dpa/LKA


Der freundliche Giuseppe, der in der Pizzeria seines Onkels im Nürnberger Land aushilft, hat ein Geheimnis. Sein Deutsch ist miserabel, aber wenn er den Gästen die landestypischen Köstlichkeiten anpreist, folgen sie gerne seinen Empfehlungen.

Doch Giuseppe ist kein Kellner. Er ist ein Killer. Und aus seiner Heimat in Kalabrien ist er Hals über Kopf geflüchtet, weil er einen Auftragsmord begangen hatte, ganz klassisch, mit dem Messer. Er gehörte zur ’Ndrangheta.

Diese Geschichte erzählen altgediente Kriminaler gerne, wenn sie von den Anfängen der Mafia in Franken in den 1970er Jahren berichten. Freilich, nicht jede Pizzeria war damals ein Versteck für Mafiosi auf der Flucht. Aber noch immer ist der Bezug zwischen den Banden und der Gastronomie überdeutlich. Das zeigen auch die Antworten des Innenministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktionschefin im Landtag, Katharina Schulze. Das Mafia-Thema ist seit der Festnahme von über 160 vermeintlichen Mitgliedern wieder in aller Munde.

Neue Generation hat das Ruder übernommen

So heißt es in der Stellungnahme, dass mutmaßliche Mitglieder von Camorra und ’Ndrangheta in der Gastronomie aktiv sind und dort auch investieren. Weitere Belege für diesen Zusammenhang bieten die Vernehmungsakten des ’Ndrangheta-Serienkillers Giorgio Basile (57), der heute unter falschem Namen im Zeugenschutzprogramm in Italien lebt. Auch er hatte sich mehrfach bei Freunden in Nürnberg vor der Polizei versteckt - und am Tresen gearbeitet. Etliche führende Mitglieder der Nürnberger Clans landeten bei einer konzertierten Aktion zwischen Nürnberger Kriminalpolizei, Landeskriminalamt, Bundeskriminalamt und italienischen Behörden vor gut 20 Jahren in Haft.

Doch längst hat eine neue Generation das Ruder übernommen, bestätigen Fahnder, die sich auf die internationale organisierte Kriminalität spezialisiert haben. Und Organisationen wie die großen Mafia-Clans sind längst keine rein italienische Angelegenheit mehr. Eng ist die Kooperation mit Albanern und Russen, besonders die Nürnberger Mafia-Familien hatten sich schon in den 1990er Jahren bemüht, ihre Fühler bis nach Moskau auszustrecken.

Die Geschäfte ändern sich

Dabei, so Insider, gehen sie heute weit vorsichtiger vor als noch vor wenigen Jahren. Denn das Geschäft hat sich grundlegend gewandelt. Wenn Basile vor über 20 Jahren noch mit dicken Geldbündeln unterwegs war, als er Kokain von Rotterdam nach Nürnberg brachte, so sind es heute Direktüberweisungen über einschlägige Firmen. Und das natürlich portioniert, um nicht wegen Geldwäsche aufzufallen.

Kokain ist noch immer eines der großen Geschäftsfelder der Mafia-Clans in Deutschland. Aber wie sieht es mit Geldwäsche im großen Stil aus? Mit Hinweis auf die komplizierten Verfahren, die vielen beteiligten Menschen diverser Nationalitäten gibt es oft schlichtweg keine Analysen, ob tatsächlich mafiöse Organisationen am Werk sind, räumt das Innenministerium ein. Der Aufwand wäre zu groß, dies zu analysieren.

Fachleute fehlen

Katharina Schulze, Fraktionschefin der Grünen im Landtag, die auch die umfangreichen Anfragen zu den Mafia-Aktivitäten im Freistaat gestellt hatte, mag das nicht hinnehmen. Sie fordert ein entschiedenes Vorgehen gegen Geldwäsche und einen besseren Austausch von Informationen unter den beteiligten Sicherheitsbehörden.

Und sie wundert sich über die "geringe Zahl von Ermittlungsverfahren", bei denen klar ist, dass es um mafiöse Strukturen geht. Abhilfe könnte es, so meint Schulze, mit einer Aufstockung der Stellen geben, damit die Polizei stärker in die Analyse der organisierten Kriminalität einsteigen kann: "Nur so bekommt man das Mafia-Problem in den Griff." 

Lorenz Bomhard Ressortleiter Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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