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Mehr als eine Million Flüchtlinge in der Sahara gestorben?

Experten gehen von deutlich mehr Toten in der Wüste als im Mittelmeer aus - 09.02.2016 14:45 Uhr

Die Sahara erstreckt sich in Mali in kilometerlangen Sanddünen. Unbemerkt von Medien und Weltöffentlichkeit spielt sich in der Sahara möglicherweise eine Tragödie ab, die unzählige tote Flüchtlinge zur Folge hat.

Die Sahara erstreckt sich in Mali in kilometerlangen Sanddünen. Unbemerkt von Medien und Weltöffentlichkeit spielt sich in der Sahara möglicherweise eine Tragödie ab, die unzählige tote Flüchtlinge zur Folge hat. © dpa


Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit spielt sich in der Sahara und der Sahelzone mutmaßlich eine humanitäre Katastrophe ab. Die Flüchtlingskrise hat nach Einschätzung des Entwicklungsministeriums und namhafter Experten zu einem Boom der organisierten Kriminalität in Nordafrika und der Türkei geführt, der mutmaßlich weit mehr Flüchtlinge und Migranten das Leben gekostet hat als bisher bekannt.

"Nach vorsichtigen Schätzungen sind über eine Million Menschen in der Sahara ums Leben gekommen", sagt Entwicklungsstaatssekretär Thomas Silberhorn (CSU), fügt aber hinzu, dass es sehr schwierig sei, solche Zahlen zu verifizieren. "Wir können aber sicher davon ausgehen, dass sehr viel mehr Menschen auf dem Weg durch die Sahara gestorben sind als im Mittelmeer."

"Angesichts der entlegenen Region glauben wir, dass viele Todesfälle in der Sahara nicht entdeckt werden", sagt dazu Daniel Szabo, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf. Die Zahl von einer Million hält die IOM allerdings für stark überhöht.

Ausgesetzte Flüchtlinge verdursten

Zur Lage in der Sahara und der Sahelzone gibt es kaum verlässliche Erkenntnisse, auch westliche Medien sind dort quasi nicht präsent. Nach Berichten afrikanischer Flüchtlinge in Europa werden offenbar viele Migranten von Menschenhändlern in der Wüste ausgesetzt und verdursten, andere sterben womöglich bei Kämpfen rivalisierender Banden und Milizen.

Ein alarmierendes Bild der Lage zeichnet eine im Dezember erschienene Studie des südafrikanischen Institute for Security Studies (ISS) im südafrikanischen Pretoria und der in Genf ansässigen Global Initiative against Transnational Organized Crime, einem internationalen Netzwerk von Fachleuten gegen das organisierte Verbrechen.

Die Autoren Tuesday Reitano und Peter Tinti gehen nach Gesprächen mit Regierungsvertretern, Beamten, Militärs, Geheimdienstlern und Flüchtlingen rund ums Mittelmeer davon aus, dass die Krise zu einem Boom des organisierten Verbrechens geführt hat. Die kriminelle Hochkonjunktur wiederum trägt zu einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen bei.

Zu den maßgeblichen Faktoren zählen die zwei Fachleute sowohl den Zusammenbruch der Staatsordnung in Libyen als auch die italienische Rettungsaktion "Mare Nostrum" im Mittelmeer, die Aufwand und Kosten der Schmuggler erheblich reduzierte, weil Flüchtlinge in Seenot nun bereits in Küstennähe gerettet wurden. Das erhöhte wiederum den Anreiz, aktiv Migranten für die Schleusung nach Europa zu werben.

Als die italienische Regierung "Mare Nostrum" 2014 einstellte, waren die Schmuggelnetzwerke bereits so groß und profitabel geworden, dass sie ohne große Probleme weitermachen konnten. "Um die künstlich erhöhte Nachfrage aufrecht erhalten zu können, rekrutieren die Schmugglergruppen aktiv Migranten entlang der Hauptfluchtrouten und in den Herkunftsländern südlich der Sahara", heißt es in dem Papier.

Hoffnungslosigkeit in den Heimatländern

Reitano und Tinti machen eine Beispielrechnung für den Menschenhandel in Ägypten auf: Demnach bedeutet jeder Transport von 50 Flüchtlingen für die Bosse der Schmuggelnetzwerke am Nil einen Profit von geschätzt 62.000 Dollar.
Mutmaßlich wissen viele Migranten vorher um die Gefahren und nehmen die Reise dennoch auf sich - ein Indiz der Hoffnungslosigkeit in den Heimatländern. "Der Migrationsdruck aus Afrika auf Europa ist sehr viel größer als wir bisher wahrnehmen", sagt Staatssekretär Silberhorn.

Der CSU-Politiker plädiert dafür, den kriminellen Netzwerken ihr Geschäftsmodell zu nehmen, indem legale Einwanderungsmöglichkeiten geschaffen werden. "Das soll nicht bedeuten, dass wir die Zuwanderung weiter erhöhen, im Gegenteil", sagt Silberhorn. "Aber wenn man diese Schlepperstrukturen austrocknen will, muss man die Arbeitsmigration schon in den Herkunftsländern managen und nicht erst bei uns. Es darf nicht der Schlepper und Schleuser der einzige Anbieter auf dem Markt sein."

Das setze freilich voraus, dass man die EU-Außengrenzen vollständig kontrollieren könne. Silberhorn verweist darauf, dass neunzig Prozent der Flüchtlinge in den Entwicklungsländern aufgenommen werden, nicht in den Industriestaaten. "Wir können nicht alle bei uns aufnehmen. Es ist daher Teil unserer ethischen Verantwortung, dort zu helfen, wo die Not am größten ist."

Doch auf absehbare Zeit bleibt für die deutsche Politik insgesamt wie für die CSU mit ihrem Ruf nach einer nationalen Obergrenze ein sehr beunruhigender Trend: Menschenhändler haben die Flüchtlingskrise zwar angeheizt - aber nicht verursacht. Quasi alle Fachleute sind sich einig, dass die weltweite Migration noch zunehmen wird.

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dpa

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