Mittwoch, 27.03.2019

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"Roboter-Journalismus": Automatisierte Meldungen nehmen zu

Experten betonen gesellschaftliche Aufgabe der Journalisten - 11.03.2019 18:45 Uhr

Cyborgs, die eigenständig Texte verfassen: Die Realität des heute bereits existierenden Roboterjournalismus sieht anders aus. © dpa/Sven Hoppe


Wer sich in der Branche umhört, merkt dabei schnell, dass die Sorge bei weitem nicht allein aus den sinkenden Auflagenzahlen und schwindenden Anzeigenerlösen resultiert. Das Schreckgespenst heißt vielmehr "Roboterjournalismus". Verknüpft wird der Begriff mit dem Bild eines menschenähnlichen Cyborgs, der am Computer sitzt und einen Text nach dem anderen verfasst. Ein Bild, das so falsch wie einprägsam ist. Die Befürworter des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz in Redaktionen werden deshalb nicht müde zu betonen, dass maschinell erzeugte Texte den Redakteur von zeitaufwändigen Routinearbeiten befreien soll, um mehr Raum für Kreativität zu schaffen.

Schon heute sind automatisch erstellte Texte an vielen Stellen zu finden, ohne dass Leser oder Internet-User ahnen, dass hier eine Maschine und kein Mensch am Werk war. Der Chef der Bloomberg News, John Micklethwait, sorgte im vergangenen Januar bei der Digitalkonferenz "Digital Life Design (DLD)" für Raunen im Saal, als er verkündete, dass 30 Prozent der Inhalte des Wirtschaftsnachrichtendiensts mit Hilfe künstlicher Intelligenz erzeugt werden.

Automatisierung macht Sinn

Micklethwait hat später in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung seine Aussage mit den Worten relativiert, dass "30 Prozent unserer Inhalte Elemente von Automatisierung enthalten". Was aber nach seinen Worten nichts daran ändere, dass man den bereits eingeschlagenen Weg weiter konsequent verfolgen werde.

Nicht nur für John Micklethwait macht die Verarbeitung von strukturierten Daten durch Computer für journalistische Zwecke absolut Sinn. Er ist der Überzeugung, dass beispielsweise die Analyse von Firmen-Quartalsberichten Maschinen deutlich schneller erledigen, als dies ein Redakteur jemals schaffen könnte. Welche Kennzahlen haben sich wie verändert? Wie weit klaffen Prognosen und Ergebnisse auseinander? Gibt es Veränderungen im Produktportfolio? Liegt ausreichendes Datenmaterial vor, kann mit Hilfe von Algorithmen blitzschnell eine erste Meldung verfasst und veröffentlicht werden.

Die Historie des "Roboter-Journalismus" reicht dabei gerade mal fünf Jahre zurück. Im März 2014 produzierte nach einem leichten Erdbeben in Kalifornien der sogenannte "Quakebot" bereits drei Minuten später die erste Textmeldung für die Los Angeles Times. Diese wurde dann vom Redakteur nur noch freigegeben.

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"Textengine" liefert verblüffende Qualität

Seitdem hat sich viel getan. Das automatische Erzeugen von Wettermeldungen oder Börsennachrichten gilt heute schon als fast trivial. So haben beim Wetter die Computerprogramme Zugriff auf die Daten der vergangenen Tage und Jahre, verknüpfen diese mit Vorhersagen, packen vorüberziehende Hochs und Tiefs dazu und streuen die Windrichtung ein: Fertig ist der Wetterbericht, der sogar noch für (fast) jeden Ort der Welt individualisiert ausgegeben werden kann. Für die Vordenker der Branche markieren diese Beispiele jedoch nur den Anfang einer deutlich weitreichenderen Entwicklung.

So erstellen bereits heute eine ganze Reihe von Sportportalen die Vorschauen und Spielberichte von Fußballspielen mit Hilfe einer "Textengine". Diese "Texterstellungsmaschine" liefert schon heute verblüffende Qualität. Stellt man einen vom Menschen geschriebenen Text neben den maschinenengeschriebenen Text, so sind kaum Unterschiede feststellbar. Im Gegenteil, bei Spielernamen, Zwischenständen, Ergebnissen und der Korrelation mit den vergangenen sowie den in der Zukunft liegenden Ereignissen, macht die Maschine deutlich weniger Fehler als der Mensch – solange die Datensätze gut gepflegt werden.

Auch das Amateurfußballportal von nordbayern.de, dem gemeinsamen Online-Dienst von Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, experimentiert seit geraumer Zeit mit automatisch generierten Texten. "Wir nutzen diese Möglichkeit vor allem bei den Vorberichten", sagt Bastian Eberle, Leiter des Amateurfußballportals. Jeder Text wird allerdings noch von einem Redakteur aus seinem Team nachbearbeitet.

Reichlich Potenzial

"Bei Spielberichten beschränken wir uns auf die tieferen Ligen, in denen wir keine eigenen Berichterstatter haben", gibt Eberle unumwunden zu. "Einen Bericht von einem Spiel, das niemand gesehen hat, schreibt die Maschine anhand der Statistik nicht schlechter als ein Mensch", sagt der Amateurfußball-Experte. Vorausgesetzt die Datenbasis passt. "Je besser die Datenqualität, desto besser sind auch die Texte", so seine bisherige Erfahrung. Gerade deshalb sieht Eberle im "Roboter-Journalismus" noch viel Potenzial für die Zukunft.

Deutlich skeptischer äußert sich kicker-Chefredakteur Alexander Wagner. Als Verantwortlicher für die digitalen Inhalte des Fußballmagazins hat er zwar Zugriff auf den unvorstellbar großen Datenschatz, der beim kicker gehütet wird, aber dennoch zweifelt er am "Sinn der automatisierten Texterstellung". Die Aufgabe des Sportjournalisten sei es, ein "Fußballspiel einzuordnen und zu bewerten", so Wagner. "Wir können doch unseren Lesern nicht vorgaukeln, dass wir im Stadion waren, wenn wir es gar nicht sind", lautet sein Credo.

"Wenn automatisierten Texten die Zukunft gehört, dann ist die Berichterstattung durch Sportjournalisten irgendwann überflüssig", gibt Wagner zu bedenken. Alles was außerhalb der Interpretation von Daten abläuft, entziehe sich so fortan dem Leser. Dieser "Mehrwert" zeichne aber die Berichterstattung durch Redakteure gerade aus, ist sich Wagner sicher.

"Personalisierte Inhalte"

Ein Argument, das die Entwickler der Textgeneratoren immer wieder zu hören bekommen. Den Begriff "Mehrwert" definiert man dort jedoch eher in die Richtung "personalisierte Inhalte". Konkret sollen zukünftig verstärkt Texte so angepasst werden, dass diese auf die individuelle Lebenssituation des Nutzers zugeschnitten sind. Ein Reisebericht etwa kann von der Maschine in verschiedenen Versionen angeboten werden, sodass die 30-jährige alleinerziehende Mutter einen andere Variante erhält, als der 20-jährige Single oder das ältere Ehepaar ohne Kinder. Die Grundinformationen für den Artikel sind aber in allen Fällen identisch.

Für Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Münchner Hochschule für Philosophie, beginnt spätestens hier eine Grauzone, die es kritisch zu beobachten gilt. "Prinzipiell ist es ethisch eher unproblematisch, wenn Journalisten von Routinearbeiten befreit werden", so seine grundsätzliche Haltung zum "Roboter-Journalismus". Allerdings haben aus seiner Sicht die Menschen ein Recht darauf "zu erfahren, ob sie von den Folgen eines eigenständigen Computer-Handelns betroffen sind". Filipovic plädiert deshalb für eine entsprechende Kennzeichnungspflicht von automatisch erstellten Texten.

"Kreativität geht verloren"

Er sieht aber noch einige weitere Kritikpunkte. Beispielsweise, dass beim Transkribieren eines aufgezeichneten Interviews durch eine Maschine "wahrscheinlich auch Kreativität verloren geht". Schließlich mache sich der Redakteur beim Abtippen schon seine Gedanken und gebe dem Ganzen eine erste Struktur.

"Richtig problematisch wird es ohne Zweifel bei der Personalisierung", ergänzt Alexander Filipovic. Weniger, wenn es um Reiseberichte geht, aber auf jeden Fall dann, wenn (politische) Nachrichten ausgeliefert werden. "Stellen Sie sich vor, es bekommt jeder nur noch das zu lesen, zu sehen oder zu hören, was in sein Weltbild passt."

Einordnen und reflektieren

Ein Szenario, das den Medienethiker schaudern lässt. Wenn Sachverhalte je nach Nutzerprofil ausgespielt werden und die linke Studentin, der ökologisch angehauchte Familienvater oder der wertkonservative Rentner die ihm zupasskommende Nachricht erhält, dann "existiert nur noch die vertikale Sichtweise und wir verlieren den horizontalen Blick", so Alexander Filipovic.

Ihm ist wichtig, dass bei aller Diskussion um die automatische Texterstellung eines nicht vergessen wird: "Die Aufgabe des Journalismus besteht heute darin, dass man das alles einordnet, aufnimmt, reflektiert und verantwortungsvoll einbaut in die tägliche Berichterstattung. Nur so kann der Journalismus seiner gesellschaftlichen Aufgabe noch gerecht werden." 

MATTHIAS OBERTH

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