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Tote im Mittelmeer: Nürnberger Retter übt Kritik an Seehofer

Der Kapitän Klaus Stadler kämpft gegen Blockaden und Vorwürfe - 17.07.2018 15:22 Uhr

Viele hoffen vergeblich: Rund 600 Menschen sollen allein im Juni im Mittelmeer ertrunken sein. © Santi Palacios/AP/dpa


Wie sieht die aktuelle Lage der privaten Seenotretter im Mittelmeer aus?

Klaus Stadler: Die Schiffe von Sea-Eye, Lifeline und Seawatch liegen in Malta. Das Verfahren gegen Lifeline wird am 23. August fortgesetzt, und wir müssen davon ausgehen, dass wir alle nicht rausfahren können, so lange das Verfahren läuft. Obwohl es keine Anklage und keinen Verwaltungsakt gegen unser Schiff, die "Seefuchs", gibt. Die Situation ist nicht abzuschätzen. Mit der Folge, dass im zentralen Mittelmeer aktuell keine privaten Rettungsschiffe sind.

Der Kapitän der "Lifeline" hat vorgerechnet, dass wegen der Festsetzung der Schiffe auf Malta 277 Menschen ertrunken sind.

Seenotretter Klaus Stadler auf seinem Schiff. © privat


Stadler: Eine offiziell belegte Zahl der International Organization of Migration (IOM): Es sind rund 600 Menschen im Juni ertrunken, das ist die höchste Juni-Zahl seit den Aufzeichnungen der IOM. Und das steht in ursächlicher Verbindung damit, dass keine privaten Rettungsschiffe mehr präsent sind, infolge der Hafenblockaden vor allem von Italien und Malta. Inzwischen sind aber spanische Rettungsschiffe unterwegs.

Italien hat jetzt auch wieder ein Schiff in Sizilien einfahren lassen, nachdem eine Verteilung der 450 Flüchtlinge auf mehrere EU-Länder zugesichert wurde.

Stadler: Die Art, wie da um 50-Personen-Gruppen verhandelt wird, ist absurd. Das eigentliche Thema, eine klare europäische Regelung, wird nicht konsequent diskutiert, stattdessen beschäftigt man sich mit einer tagesaktuellen Lösung. Soll jetzt nach jeder Rettungsfahrt so ein Geschachere losgehen?

Lifeline-Kapitän Reisch hat Bundesinnenminister Seehofer vorgeworfen, dass er Menschen ertrinken lassen und Retter vor Gericht stellen wolle, daher sei er ein Mittäter.

Stadler: Da verweise ich auf den offenen Brief von Renate Schmidt. Das Zunehmen der Todesfälle im Mittelmeer hängt zusammen mit dem Zurückhalten der Rettungsschiffe. Und zu dieser Entwicklung hat Seehofer mit seiner Politik auch einen Beitrag geleistet. Wenn Menschen ertrinken, weil kein Retter rausfahren darf, kann man schon über "Mittäterschaft" reden.

Nicht nur Flüchtlinge hoffen auf Seenotretter, auch die Schlepper kalkulieren sie mit ein. Gibt es Kontakte zwischen Rettern und Schleppern? Bekommen Sie Tipps, wo man Ihre Hilfe brauchen könnte?

Stadler: Nein, es gibt von den privaten Hilfsorganisationen zu den Schleppern keinen Kontakt, da ist mir nichts bekannt. Wir sind aber, ohne dass wir es wollen, Teil des Geschäftsmodells der Schlepper. Die wissen, dass da draußen Schiffe sind, da sind private Retter, Frontex, europäische Hilfsprogramme und Handelsschiffe. Die alle sind im Kalkül der Schlepper enthalten. Wir könnten uns nicht dagegen wehren, Teil des Geschäftssystems zu sein – außer, indem wir die Menschen ertrinken lassen.

Gibt es Situationen indirekter Kooperationen mit Schleppern? Zum Beispiel, dass Sie ein Schlepperboot beim Auslaufen beobachten und dem folgen, um im Notfall einzugreifen?

Stadler: Es ist so: Alle privaten Retter fahren spätestens seit Frühjahr letzten Jahres nicht näher an die Küste heran als bis zur 24-Meilen-Zone, das sind rund 45 Kilometer Abstand zu Libyen. Da halten wir uns einsatzbereit und fahren parallel zur Küstenlinie Patrouille. Bislang ist es aber nur in einem Bruchteil der Fälle so gewesen, dass wir ohne einen Auftrag des italienischen Rettungszentrums MRCC Rom zu einem Flüchtlingsboot fahren. Das wird unterstützt durch europäische Militärmissionen, die überfliegen das Gebiet und machen viel schneller eine Sichtung als wir das tun.

Die Sorge, dass Retter und Schlepper mitunter zusammenarbeiten, entbehrt also jeder Grundlage?

Stadler: Der Vorwurf hält sich hartnäckig. Es wird auch immer wieder erzählt, dass die Schlepper den Rettern mit Lampen Lichtzeichen am Strand machen. Die Menschen, die das denken, die glauben auch noch, dass die Erde eine Scheibe ist. Wer vom Ufer aus mit einer Körpergröße von 1,80 Meter rausguckt, kann maximal zehn Kilometer weit sehen. Das ist ein Teil der Kriminalisierungsvorwürfe, die immer wieder auftauchen. Selbst in wohlwollenden Berichten. Es wird immer wieder transportiert und ist in den Köpfen drin.

Wie geht es jetzt bei Sea-Eye weiter? Geht es überhaupt weiter?

Stadler: Wir hatten vor einer Woche ein Crew-Training in Regensburg, wo sich knapp 40 Menschen haben ausbilden lassen für den Einsatz. Das ist wie bei der freiwilligen Feuerwehr: Die achtet auch immer darauf, dass die Leute und Geräte einsatzfähig sind, selbst wenn sie nicht jeden Tag rausfahren. Außerdem sammeln wir Spenden für ein neues Schiff, dass für unsere Einsätze besser geeignet ist. Wir müssen ja auch damit rechnen, dass die Fahrten mit Flüchtlingen an Bord künftig länger dauern können, bis ein Hafen gefunden ist. 

Erik Stecher

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