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Zukunft nur mit Russland

Historikerin: Ukrainische Geschichte lässt Hinwendung zum Westen schwer zu - 07.03.2014

„Es wird sicher nicht gelingen, die Ukraine vollständig auf die westliche Seite zu ziehen. Und viele dort wollen das ja auch gar nicht“, sagt Professor Julia Obertreis, Expertin für osteuropäische Geschichte an der Uni Erlangen. Zu eng verzahnt ist seit langer Zeit das Schicksal des Landes mit dem des russischen Nachbarn.

Als Kuriosität der Sowjetgeschichte wird derzeit gerne erzählt, dass Nikita Chruschtschow 1954 die damals russische Krim an die Sowjetrepublik Ukraine verschenkte. Launenhaftigkeit gehörte zwar zum Wesen des KPdSU-Chefs, aber das Krim-Geschenk versteht man besser, wenn man weiß, dass es eines zum 300. Jubiläum des Vertrags von Perejaslaw war. Einem wichtigen Datum aus der Zeit des Kosakenstaat, der als Ursprung der Nation begriffen wird.

Geografische Spaltung

Der Kosakenführer Bogdan Chmelnizki übergab damals nach heftigen Kämpfen gegen die Herrschaft Polen-Litauens seine Herrschaftsteile des ukrainischen Gebiets per Treueeid in russisches Protektorat. Als „russisch-ukrainische Wiedervereinigung“ ist der Vorgang ins kollektive russische und sowjetische Bewusstsein eingegangen. Aber auch die jetzt wieder latent spürbar werdende Teilung in eine vom Dnjepr getrennte rechtsufrige (Westen) und linksufrige (Osten) Ukraine war die Folge. Ein stärker auf sich bezogenes Nationalgefühl bildete sich ab Mitte des 19.Jahrhunderts eher im Westteil aus, gestützt vor allem auf Sprache und Kultur.

Bedauert den Rückfall in alte Rhetorik: Professor Julia Obertreis. © oh


Obertreis: „Im russischen Reich hat man das Ukrainische stets als Bauernsprache beziehungsweise als Dialekt des Russischen verstanden. Ab 1863 wurde es an Schulen, in Theatern und in der Literatur sogar verboten.“ Das lässt ansatzweise verstehen, warum die neue ukrainische Regierung nach dem Sturz Janukowitschs auf die zweifelhafte Idee kam, ihrerseits Russisch als zweite Amtssprache abzuschaffen. Ein Beschluss, der dann aber doch nicht umgesetzt wurde.

Was der Erlanger Historikerin derzeit die größten Sorgen bereitet, ist der Rückfall in die Rhetorik und Propaganda der Zeit des Kalten Krieges — auf beiden Seiten. Putins Argument, militärisch intervenieren zu müssen, um der russischen Bevölkerung auf der Krim Schutz zu bieten, ist so vorgeschoben, wie es in ähnlichen Situationen schon zur Zarenzeit war. Tatsächlich geht es Russland um etwas anderes. Es möchte das immer weitere Vordringen des EU-Gebiets stoppen.

Nach Polen, den baltischen Staaten, den ehemaligen „Satellitenstaaten“ in Südost- und Ostmitteleuropa wäre ein Einflussverlust in der Ukraine für Putin nur schwer zu ertragen. Also werden die vom Westen im Wesentlichen als demokratische Kräfte gesehenen Maidan-Umstürzler in Moskaus Rhetorik pauschal als „Faschisten“ gebrandmarkt. Ein politisches Grundschema, das auch noch aus der Sowjetzeit stammt. „Nach Stalins Tod ist ein regelrechter Kult entstanden, in dem die im Zweiten Weltkrieg siegreichen russischen Helden den aus dem Westen kommenden Faschisten gegenübergestellt werden.“ Ein Muster, das der in der Tat zweifelhaften rechtsextremen Gruppen, die am Maidan in Kiew und in der neuen Regierung mitmischen, eigentlich gar nicht bedarf.

Alte Traumata wirken

Wie bei vielen Revolutionen, meint Julia Obertreis, sei in der Ukraine derzeit völlig unklar, mit welchem politischen Programm es weitergehen soll: „Es gab erst mal nur ein Ziel: die Abschaffung der alten Regierung.“ Das macht inzwischen auch den Westen eher unsicher. Die klarste Unterstützung erhält die Übergangsregierung momentan von Polen, den baltischen Staaten und aus Tschechien — „von Ländern, die alle selbst Invasionserfahrung mit den Russen gemacht haben“. Alte Traumata wirken.

Als sehr plausibel und erstrebenswert hält die Historikerin Julia Obertreis die Idee, „die Ukraine künftig als so etwas wie eine Brücke zwischen dem Westen und Russland zu verstehen“. Wichtige Voraussetzung dafür wäre neben der Aufgabe von EU-Beitrittsplänen, dass durch die Neuwahlen eine Regierung zustande kommt, „die auch für Russland akzeptabel ist“. Denn das ist wohl die zentrale Lehre der komplizierten russisch-ukrainischen Geschichte: „Die Ukraine kann nicht in Feindschaft zu Russland leben.“ 

VON HANS-PETER KASTENHUBER

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