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Samstag, 22.09.2018

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Altdorfer Wallensteinfestspiele: "Krieg nicht vorbei"

Verantwortliche informierten über Event vom 23. Juni bis 22. Juli - 08.06.2018 14:04 Uhr

In einer Probe zu Schillers Wallenstein duellieren sich Wallenstein (Udo Gerstacker, links) und von Questenberg (Wolfgang Völkl), der Gesandte des Kaisers. © Christian Geist


400 Jahre können wir nicht feiern. Wir können nur daran erinnern", sagte Landrat Armin Kroder eingangs der Pressekonferenz am Mittwochabend im Betsaal des Wichernhauses. Natürlich blickt die Öffentlichkeit 400 Jahre nach Kriegsbeginn besonders aufmerksam auf die fünf Wochen dauernden Festspiele. Auch wenn die Jahreszahl den Inhalt der alle drei Jahre stattfindenden Kulturveranstaltung nicht beeinflusst – das Thema wirkt aktueller denn je.

"Wir brauchen dieses Festspiel aus kulturellen und politischen Gründen", sagte Hans-Peter Schmidt, Vorsitzender des Stiftungsrats der Nürnberger Versicherung, und verwies auf den Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren seinen Anfang nahm. "Und er ist längst nicht vorbei. Er hat mit dem Westfälischen Frieden nicht aufgehört. Unsere Welt bekriegt sich noch heute."

Er nannte einerseits die Zahl von 60 Millionen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind. Andererseits sprach er von einer Zeit ohne Gleichen, die Deutschland und Europa erleben: mit Frieden, Freiheit und Wohlstand. Bezogen auf die Festspiele zog er den Schluss: "Wir werden keinen Krieg verhindern, aber wir können die Menschen geschichtsbewusster machen."

Ergebnisse aus der Forschung

Außerdem ging Schmidt auf das Wallenstein-Symposium ein, als sich im vergangenen Jahr 40 Historiker aus dem In- und Ausland mit Wallenstein auseinandergesetzt hatten. Der daraus entstandende Sammelband "Mensch.Mythos.Memoria." wird am ersten Festspielwochenende der Öffentlichkeit präsentiert.

"Wallenstein ist von den katholischen Hofschranzen schlecht gemacht worden", meinte Schmidt und nannte es ein Ergebnis der Forschung, dass Wallenstein keineswegs ein blutrünstiger Kriegstreiber gewesen sei, sondern ein Kriegsunternehmer.

Abschließend wetterte Schmidt noch gegen das "ekelhafte Regietheater, das es so nur in Deutschland gebe", wo sich Regisseure an Stücke wagten, denen sie nicht gewachsen seien. Als Gegenbeispiel nannte er freilich das Werk von Regisseur Michael Abendroth und bezeichnete dieses als "Schiller in Reinkultur".

Abendroth nahm das Kompliment gerne an, machte jedoch keinen Hehl daraus, dass sich das Pressegespräch bis zu diesem Zeitpunkt zu sehr um Geschichte gedreht hatte. "Bei allem Respekt für das Symposium – wir machen hier Theater, darum sind wir hier."

Anerkennung für Schiller

Dann sprach er über die Schwierigkeit, ein Stück wie Wallensteins Schiller auf zwei Stunden zu reduzieren. Ob es ihm gelungen ist? "Sonst würde ich mich nicht seit 30 Jahren damit auseinadersetzen", sagte er und sprach seine Anerkennung für Schillers Arbeit aus. Zehn Jahre habe Schiller genau recherchiert, um mit den Mitteln des Theaters zum Frieden zu mahnen. "Denn hört der Krieg im Kriege nicht schon auf, woher soll Friede kommen?", zitierte Abendroth den deutschen Dramatiker.

Für den Festspielverein erläuterte stellvertretende Vorsitzende Karin Völkl die drei Säulen der fünften Altdorfer Jahreszeit: das seit 1894 nahezu unveränderte Volksstück "Wallenstein in Altdorf", die speziell für Altdorf bearbeitete Version von Schillers Klassiker "Wallenstein" sowie das Lagerleben samt kulturellem Rahmenprogramm mit lokalen wie internationalen Künstlern.

"Die Wallenstein-Festspiele sind eines der größten kulturellen Ereignisse im Landkreis Nürnberger Land", meinte Völkl – komplett gestemmt von Ehrenamtlichen. "Außer in der Regie, da gönnen wir uns Profis." Ferner verwies die Stadträtin auf die große Integrationskraft der Spiele. "Ob CSU oder SPD, ob alt oder jung, ob katholisch oder evangelisch: Während der Festspiele sind wir alle Wallensteiner."

Das ehrenamtliche Engagement würdigte auch Kroder und nannte die Zahl von 1000 Personen, die sich an den Festspielen beteiligen: Laien zwar, aber mit großem Einsatz. "Wir machen da kein Kasperltheater. Wir haben einen wirklich hohen Anspruch an Kunst und Kultur", sagte der Landrat und nannte die Spiele ein herausragendes Ereignis innerhalb der Metropolregion. Er wünschte nicht nur sichere und ausverkaufte Festspiele, sondern allen Darstellern, dass sie am Ende der fünf Wochen zufrieden auf ihre Leistungen zurückblicken können.

Sicherheit dank Stadttor?

Für die beiden Stücke rechnen die Veranstalter mit rund 10.000 verkauften Tickets. Die große Unbekannte stellen aber die zigtausend Besucher des Lagerlebens. 2015 hätten allein 10.000 Menschen die Lange Nacht und den Gauklersonntag besucht. Die Auslastung des Marktplatzes damals bewertet der Festspielverein als grenzwertig: Im historischen Feldlager war kaum ein Durchkommen, die Besucher der Samstagabend-Vorstellung wurden über Umwege zum Marktplatz geführt, der Fackelzug musste ohne Fackeln auskommen.

Drängen sich zu viele Menschen auf zu wenig Raum, sprechen Experten vom Overcrowding. Um dies zu verhindern, sieht das Sicherheitskonzept der Festspiele einen Quadratmeter pro Gast als Minimum vor. Sollten in der Langen Nacht zu viele Menschen Richtung Marktplatz strömen, kann der Festspielverein nach Absprache mit Sicherheitsdienst, Polizei und Rettungskräften den Zugang sperren beziehungsweise keine weiteren Bändchen (zum Preis von drei Euro) mehr verkaufen.

An allen anderen Tagen ist das Feldlager frei zugänglich. Die vielen Zugänge zum Marktplatz sind laut Völkl nur an der Langen Nacht am Samstag, 7. Juli, zu kontrollieren. Weitere Tage könne man den Ehrenamtlichen nicht zumuten und einen zusätzlichen Sicherheitsdienst könne man sich nicht leisten. Taschenkontrollen und Zäune wird es bei den Festspielen trotz allem Streben nach Sicherheit also ebenso wenig geben wie Betonpoller.

Die Frage nach Fahrzeugblockaden, die seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt bei vielen Großveranstaltungen zu sehen sind, quittierten ein Darsteller und Bürgermeister Erich Odörfer bei der Pressekonferenz kurz und knapp: "Wir haben Stadttore."

Einen Monat wird gespielt

Die Wallenstein-Festspiele beginnen mit der Premiere von Schillers Wallenstein am Samstag, 23. Juni, und enden mit der letzten Aufführung von "Wallenstein in Altdorf" am Sonntag, 22. Juli. Alle 17 Aufführungen finden im Universitätshof statt. Karten gibt es unter anderem in den Geschäftsstellen des Boten in Feucht und Altdorf sowie im Internet . Dort gibt es auch weitere Informationen zum Lagerleben und zum kulturellen Rahmenprogramm. 

Christian Geist

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