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Darmwinde und Navi-Damen: Egersdörfer in Altdorf

Im Brauhaus Altdorf grantelte ein besonderer Ehrengast auf der Bühne - 06.12.2017 13:50 Uhr

Matthias Egersdörfer thematisiert die Folgen seines chinesischen Mittagsmahls als Einstieg ins Programm. Rechts „Heinrich Filsner an der Tuba“, wie der Komiker den Kollegen bei jeder Musik-Einlage ernsthaft vorstellt. © Gisa Spandler


Ersteres ist eher im zweiten Teil der Fall, zum Aufwärmen beschäftigt sich der "Egers" zunächst mit den Tücken des Alltags. Ein Warm up ist aber eigentlich nicht nötig. Der Komiker kommt auf die Bühne und ist in seiner naiv-hinterfotzigen Art mit den berechnenden Pausen, der derben Ausdrucksweise und der kauzigen Mimik sofort mitten im Bühnenprogramm, das Publikum treu an seiner Seite. Und er enttäuscht es nicht.

Zunächst geht es um das chinesische Essen, das er mittags zu sich genommen und das ihm dank der gebackenen Bananen ein gewisses Völlegefühl verschafft hat: "Bitte erwarten Sie heute nicht zu viel von mir", warnt er die Zuhörer schon mal vor. Doch das ist natürlich nur Bluff.

Er wechselt virtuos zwischen seinen Problemen im Alltag, seinen Ausflügen ins Absurde und seinen – wirklich unnachahmlich schlagfertigen Kontakten mit dem Publikum. Das macht ihm keiner nach, wie er sich auf die beiläufigsten Begebenheiten, jeden Husterer in den Sitzreihen einlässt, sich auf den ein oder anderen einschießt, und obwohl die Gag-Salven, wie alles bei ihm, eher gemächlich rausgehauen werden, fällt ihm zu jeder Situation im Zuschauerraum etwas Passendes ein.

Nah an Publikumsbeschimpfung

Dass er sich dabei verdammt nah an der Publikumsbeschimpfung bewegt, wenn er etwa nach einer missglückten Kommunikation mit der Besucherin – natürlich im breitesten Fränkisch – bemerkt: "Do hätt mer mit dem Veranstalter ausmachen müssen, dass die Depperla weiter hintn hockn", stört keinen. Als er von seiner chinesischen Mahlzeit und dem folgenden Unwohlsein berichtet, mault er natürlich die Fotografin an, die ihn just in dem Moment ablichtet, als er sich den stattlichen Bauch hält. Die Zuschauerin, die sich für die ominösen gebackenen Bananen begeistert, bekommt ebenso ihr Fett ab wie die, die versehentlich laut hörbar ein Glas zerschlägt: "Bauchfotografinnen, Glaszerschmeißerinnen und solche, die auf gebackene Bananen stehen – das ist mein Publikum!"

Begleitet wird er von Herrn Filsner, der ihm an einem Wintertag als Haarkugel vor die Tür gelegt wurde und im März dann "geschlüpft" ist, auf der Tuba. Herrn Filsner muss man sehr bewundern, nicht über seine rudimentären Tuba-Kenntnisse, sondern darüber, dass er die volle Länge des Auftritts an Egersdörfers Seite stoisch (aus)sitzt, kein Wort sagt, keine Miene verzieht, höchstens mit Egersdörfer vielsagende Blicke tauscht, die allein schon Gelächter provozieren.

Begeistert von der Navi-Lady

Und so arbeitet er sich durch die Themen, und man wird das Gefühl nicht los, dass ihm die gerade erst so einfallen. Er, der ewig Unzufriedene und schlecht Gelaunte, schwärmt gar sehr von der weiblichen Stimme seines Navi-Geräts. Die besondere Komik entsteht dadurch, dass er vorgibt, nicht zu checken, dass es sich um einen Automaten handelt. Egal, in welch desolatem Zustand er ins Auto steigt, sie sei immer professionell und lasse sich nichts anmerken: "Die Frau ist auf Zack!" Mit Unflätigkeiten versucht er sie herauszufordern, aber: "Es passiert gar nix", und das Publikum biegt sich vor Lachen.

Nächstes Thema: Langeweile in der Kindheit. Wer hier kein Mitleid mit dem kleinen Matthias hat, der von den Eltern zu den sterbenslangweiligen Einladungen bei Lenkowskis mitgeschleppt wird, wo jeder Zentimeter des spießigen Ambientes den "Odem der Langeweile" atmet, dem fehlt jede Empathie.

Gewagt und gelungen ist dann die Brücke, die er von den Eltern zum Publikum schlägt. Die hätten dem tiefst Verzweifelten doch tatsächlich als Rezept gegen die Langeweile vorgeschlagen, seine Märchenplatten anzuhören oder sein Fahrrad zu putzen. "Von solchen Leuten ist nichts zu erwarten", resümiert er und konstatiert, die würden sich auch an einem schönen Samstagabend in einen engen Keller hocken, hintereinander, und hätten nichts Besseres zu tun, als einem zuzuhören, der vorne auf der Bühne im roten Hemd ein "Gschmarri" erzählt.

Nach der Pause geht es zunächst ums höfliche Grüßen und um 7er Dübel, bevor er sich in epischer Breite den menschlichen Verdauungsorganen und ihrer Wirkungsweise widmet, beispielhaft an einem exzessiven Fressanfall, den er erlitt, und seinen unappetitlichen Folgen – offensichtlich eines seiner Lieblingsthemen.

Dabei bot sich der kleine Exkurs zum Thema Liebesleben an, bei dem er ausführte, wie ungemein tragisch sich heftige Darmwinde auf das erste Schäferstündchen mit der Angebeteten auswirken können. Doch Unappetitlichkeit hin oder her, hier ist er in seinem Element, und das Publikum pfeift begreiflicherweise auf politische Korrektheit und weiche Themen, und geht ohne zu zögern mit ihm den im wahrsten Sinn des Wortes brüllend komischen Weg bis zum bitteren Ende, wenn er die Unbilden einer überforderten Peristaltik in allen Einzelheiten beschreibt.

Comedian oder Kabarettist?

Man kann nun darüber streiten, ob der Matthias Egersdörfer ein Comedian oder doch ein Kabarettist ist. Das ist Auslegungssache. Auf jeden Fall ist er ein begnadeter Unterhalter, dem nichts Menschliches fremd ist, der seinen fränkischen Dialekt und die dazu passende Mumpfel-Mentalität kultiviert und den Erfolg seiner Bühnenprogramme zu einem hohen Anteil seiner unglaublichen Spontanität verdankt. Das Publikum dankte ihm sehr dafür. 

Gisa Spandler

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