Montag, 19.11.2018

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Grassierende Grippe: Gerangel um den Vierfach-Impfstoff

Zahl der Neuerkrankungen weiter sehr hoch - Höhepunkt noch nicht überschritten - 19.03.2018 12:28 Uhr

Impfen schützt gegen Grippe, allerdings sperren sich viele gesetzliche Kassen noch gegen den besseren Vierfach-Impfstoff und bezahlen nur bislang gängige trivalente Influenza-Vakzine. © Fredrik von Erichsen/dpa


Im Nürnberger Land gab es in der vergangenen Woche 188 gemeldete Neuerkrankungen, ein Spitzenwert in diesem Winter. "Es gibt aber eine hohe Dunkelziffer", sagt Dr. Hans-Peter Kubin, Chef des Gesundheitsamts in Lauf. Nach seiner Einschätzung liegt die Zahl der täglich neu mit dem Grippevirus infizierten Menschen im Landkreis um ein Vielfaches über der gemeldeten Zahl. 

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Dabei hätte man mit dem richtigen Impfstoff besser vorsorgen können. Wohlgemerkt: mit dem richtigen, sprich einem relativ neuen Produkt, das im Gegensatz zum herkömmlichen, nicht nur gegen drei, sondern gegen vier verschiedene Virenstämme hilft. Derzeit wundern sich viele Menschen, dass sie trotz einer Grippeimpfung erkrankten. Die allermeisten von ihnen wurden mit dem herkömmlichen Dreifach-Impfstoff behandelt, der für die gesetzlichen Krankenkassen das bevorzugte Medikament darstellt, obwohl der Vierfach-Impfstoff nur unwesentlich teurer ist, dabei aber einen viel besseren Schutz bietet.

Es gibt deutliche Preisunterschiede 

23 Euro kostet die einzelne 0,5 Milliliter-Einheit der Vierfach-Impfung in der Apotheke, 22,74 Euro der Dreifach-Stoff. Allerdings: In ihren Praxen haben die Ärzte Zehnerpackungen der Impfstoffe. Und da gibt es deutliche Preisunterschiede. Der Vierfach-Impfstoff kostet in der Mehrfachpackung 130,09 Euro, der Dreifach-Impfstoff 72,64, eine Folge der exklusiven Rabattverträge, die die gesetzlichen Krankenkassen abgeschlossen haben. Diese umfassen ausschließlich trivalente Influenza-Vakzine sprich: den Dreifachimpfstoff.

Entscheidender Stamm fehlt "Der neue Impfstoff ist aber deutlich besser", betont der Altdorfer Allgemeinmediziner Sven Heidenreich, der in seiner Praxis in den vergangenen Tagen und Wochen 50 Grippe-Patienten behandelte. 47 davon waren nicht geimpft, drei allerdings waren mit dem Standard-Impfstoff behandelt worden, der gegen drei Grippe-Stämme schützt.

Heidenreich hat keinen einzigen Patienten, der nach einer Impfung mit dem Vierfach-Impfstoff erkrankte. Er empfiehlt deshalb die Zuzahlung für das neue Medikament. Das ist bei einer Infektion bestens angelegtes Geld, weil der Dreifachimpfung ein entscheidender Influenzastamm fehlt, der für zahlreiche, teils schwerwiegende Erkrankungen verantwortlich ist. Im Unterschied zur Dreifach- richtet sich die Vierfach-Impfung auch gegen die sogenannte Yamagata-Linie der Influenza-B-Erreger. Sie macht laut Robert-Koch-Institut etwa 75 Prozent aller Grippefälle aus.

Vierfach-Impfstoff versus Standard-Medikament 

Sven Heidenreich geht davon aus, dass die Grippewelle weitaus geringere Ausmaße angenommen hätte, wenn mehr Menschen geimpft wären und dabei konsequent mit dem neuen Impfstoff gearbeitet worden wäre. Weil seit Januar auch der wissenschaftliche Nachweis vorliegt, dass der Vierfach-Impfstoff dem Standard-Medikament deutlich überlegen ist, hofft der Arzt auf ein Umdenken bei den Kassen. "Die wissen nicht, wohin mit den erhobenen Zusatzbeiträgen", ärgert er sich. Das Geld sei da, finanziert werden von den Kassen aber alle möglichen aus Sicht des Allgemeinmediziners dubiose Veranstaltungen etwa im Bereich der Homöopathie.

Aber bei so wichtigen Themen wie der Grippe-Prävention würden die Verantwortlichen sich sperren, wenn es darum gehe, das wirksamste Medikament einzusetzen. Dabei sind durch eine vierfache Grippeimpfung laut Ständiger Impfkommission in Deutschland jährlich Zehntausende Erkrankungen vermeidbar. Die Stellungnahme der AOK dazu bleibt zurückhaltend: "In medizinisch begründeten Fällen kann der Arzt den Vierfachimpfstoff auf Kassenrezept verordnen." Und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV bleibt ebenfalls zögerlich: Zunächst müsse sich der gemeinsame Bundesausschuss mit der geänderten Lage befassen. Dann müsse dessen Beschluss vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden.

Heidenreich ärgert sich maßlos über die nach seiner Überzeugung kurzsichtige Politik der Krankenkassen, die auf einen weniger wirksamen Impfstoff setzen, "dabei aber nicht die Folgekosten sehen, die durch die zahlreichen Erkrankungen entstehen und auch nicht die Konsequenzen für die Krankenhäuser im Auge haben, deren Bettenkapazitäten wegen der hohen Zahl an Grippefällen ausgelastet sind".

Impfung nur noch für Risikopatienten

Christoph Köhler, Inhaber der Linden-Apotheke in Winkelhaid, ist Pressesprecher des Bayerischen Apotheker-Verbands. Weil er berufsmäßig mit vielen erkrankten Personen Kontakt hat, lässt er sich regelmäßig gegen Influenza impfen, seit es den Vierfach-Impfstoff gibt, auch mit diesem Medikament. Für den jetzigen Zeitpunkt jedoch würde er eine Impfung nur noch für Risikopatienten empfehlen.

Gesundheitsamtsleiter Kubin würde es begrüßen, wenn eine Grippeimpfung für jeden empfohlen würde. Er ist dabei zuversichtlich, dass die Krankenkassen sich bis zur nächsten Saison auf eine Kostenübernahme für einen Vierfachimpfstoff verständigen werden.  Obwohl die Krankenhäuser voll sind mit Grippepatienten und auch in dieser Woche noch einmal 113 Neuerkrankungen im Nürnberger Land gemeldet wurden, ist die Situation noch weit entfernt von der Epidemie, die 2009 ausbrach. Damals schwappte eine Grippewelle von Mittelamerika nach Europa.

Aktuelle Zahlen weit hinter der Pandemie von 2009 

Im Landkreis Nürnberger Land waren seinerzeit mehr als doppelt so viele Menschen an Influenza erkrankt als jetzt. In den heute zur Verfügung stehenden Impfstoffen, sowohl im Dreifach- wie im Vierfachimpfstoff, sind deshalb die Antikörper gegen den Erreger dieser sogenannten mexikanischen Grippe enthalten. Auch wenn die aktuellen Zahlen weit hinter denen der Pandemie von 2009 zurückliegen, registrieren die Fachleute derzeit doch deutlich mehr Grippe-Erkrankungen als in "normalen" Jahren. Für Apotheker Dr. Ralf Schabik aus Altdorf liegt die Ursache dafür in den angegriffenen Immun-Systemen der Menschen.

Auf einen kühlen und verregneten Sommer folgte ein Winter mit so wenig Sonnenstunden wie schon lange nicht mehr. Das wirkte sich direkt auf die Immun-Abwehr vieler Leute aus. Schabik lässt sich wie sein Kollege Köhler jedes Jahr mit dem Vierfach-Impfstoff gegen Influenza impfen. "Ohne Impfschutz ist mir das Risiko einfach zu groß", sagt er. 

Alex Blinten

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