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Jugendhilfe: Was das Nürnberger Land ausgibt

Es gibt zwar weniger Flüchtlinge, aber mehr seelisch kranke Kinder - 18.02.2018 18:16 Uhr

Immer wenn Familien in Not geraten, schreitet das Jugendamt ein. Warum der Landkreis Nürnberger Land für die Jugendhilfe weniger ausgibt als im Vorjahr. © Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa


In diesem Jahr gibt der Landkreis Nürnberger Land für die Jugendhilfe rund 17,8 Millionen Euro aus – 2,1 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Dieser Rückgang liegt vor allem an der sinkenden Zahl der jungen Asylbewerber. Dass sich die Kosten trotzdem weiter auf einem hohen Niveau bewegen, liegt unter anderem an den steigenden Ausgaben für Inklusion und Kinderbetreuung.

Die Grafik zeigt die Ausgabenentwicklung im Bereich ambulante Eingliederungshilfe (vor allem Schulbetreuung von Kindern mit Behinderung). Für 2018 sind 1,35 Millionen Euro eingeplant. © Landratsamt


2017 hatten die Ausgaben für die Jugendhilfe mit 19,9 Millionen Euro eine Rekordhöhe erreicht. Vor allem die Heimunterbringung der vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die im Landrats­amt kurz UMA genannt werden, hatten für einen rasanten Kostenanstieg gesorgt. Dass die Ausgaben nun sinken – 2017 waren es 5,65 Millionen Euro, für 2018 sind noch 2,84 Millionen Euro eingeplant – liegt vor allem an der sinkenden Zahl der minderjährigen Flüchtlinge im Landkreis.

Zum einen kommen keine neuen mehr nach, zum anderen werden die hier lebenden UMA schlicht erwachsen, erklärte Jugendamtsleiter Udo Rösel bei der Haushaltsvorstellung seiner Abteilung im Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Lebten 2015 noch 189 UMA im Landkreis, waren es zum 1. Januar 2018 noch 141 – Tendenz weiter sinkend.

Sobald ein UMA das 18. Lebensjahr erreicht, muss er aus dem Heim in eine Asylunterkunft oder eine eigene Wohnung umziehen. Im Nürnberger Land wird dann geprüft, ob der junge Erwachsene alleine zurecht kommt oder ob er noch für ein paar Monate Unterstützung im Alltag und in der Schule benötigt. Rösel rechnet 2018 mit 56 jungen erwachsenen Flüchtlingen, die solche Hilfen brauchen. Das kostet dem Landkreis 1,035 Millionen Euro oder 18 482 Euro pro Kopf. Damit rangiert das Nürnberger Land im mittelfränkischen Vergleich (Durchschnitt: 25.000 Euro pro Kopf) im Mittelfeld.

Auch die Einnahmen des Landkreises sinken

Doch mit dem Rückgang der UMA sinken auch die Einnahmen des Landkreises im Bereich Jugendhilfe – von 7,6 Millionen Euro 2017 auf aktuell 4,9 Millionen Euro. Denn die Kosten für die minderjährigen Flüchtlinge wurden zu 100 Prozent vom Bund zurückerstattet. Dass der Anteil an den Gesamtkosten für die Jugendhilfe, die der Landkreis aus eigener Tasche finanzieren muss, um eine halbe Million auf 12,8 Millionen Euro steigt, hat aber andere Gründe.

Einer davon ist die Kostenentwicklung der ambulanten  Eingliederungshilfe. Konkret geht es dabei um Schulbegleiter, die Kinder mit einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung in der Regelschule unterstützen. Vor allem die seelischen Erkrankungen hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen, erklärte Rösel. Immer mehr Kinder litten an einer Psychose, Neurose oder Persönlichkeitsstörung.

Jährliche Kosten für ein betreutes Kind

Seit der Einführung der ambulanten Eingliederungshilfen 2012 sind die Fallzahlen und damit die Ausgaben jährlich gestiegen. 2017 waren es 64 Fälle – 17 mehr als im Vorjahr. 2018 rechnet Rösel mit einem weiteren Anstieg und hat deshalb den Kostenansatz um rund 300.000 Euro auf 1,35 Millionen Euro erhöht. Jedes betreute Kind kostet im Jahr rund 20.000 Euro. Er gehe davon aus, dass die Ausgaben sich auch künftig nach oben entwickeln werden, sagte Rösel. Denn die Schulbegleitung ist meist von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss nötig. Und jedes Jahr kommen neue Fälle hinzu.

Einen beunruhigenden Trend hat Rösel auch im Bereich der Kinderbetreuung ausgemacht. Offenbar stünden immer mehr Eltern beruflich so unter Druck, dass sie bereits zwei oder drei Monate alte Säuglinge in die Tagespflege geben. Im vergangenen Jahr unterstützte der Landkreis 99 solcher Fälle. Da Krippen erst Babys ab sechs Monaten aufnehmen, werden jüngere Säuglinge meist durch private Tagesmütter betreut. Eine komplexe und teure Angelegenheit, wie Rösel betonte.

Tagespflegeplätze für Säuglinge etablieren 

Die Landkreisverwaltung versuche deshalb, Gemeinden zu motivieren, Tagespflegeplätze für Säuglinge sowie eine Betreuung außerhalb der üblichen Öffnungszeiten zu etablieren, für die es auch Zuschüsse vom Staat gäbe. Insgesamt bezuschusst der Landkreis 980 Kinder, die eine Kita, einen Kindergarten oder einen Hort besuchen, mit insgesamt 1,1 Millionen Euro.

Positiver bewertet Rösel die Entwicklung bei der Heimerziehung. 68 Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis leben aktuell im Heim. Die hohe Zahl von 74 Fällen 2016 sei offenbar "ein Ausreißer" gewesen. Dass der Ansatz 2018 um etwa 100.000 Euro auf 2,6 Millionen Euro sinkt, erklärt Rösel damit, dass die Belegtage – also die Tage, die ein Kind im Heim verbringt – gesunken sind.

Kinder lieber in Pflegefamilien unterbringen 

Da die Heimerziehung die teuerste Form der Unterbringung ist, versuche das Jugendamt verstärkt, Kinder lieber in Pflegefamilien unterzubringen, so der Jugendamts­chef. Aktuell leben 224 Kinder und Jugendliche im Landkreis bei einer Pflegefamilie, darunter 23 Flüchtlinge. Hierfür sind 2,6 Millionen Euro im Haushalt eingeplant (2017:2,551 Mio.).

Die Ausgaben für die stationäre Eingliederungshilfe, also die Unterbringung von aktuell 50 behinderten Kindern im Heim, sinken leicht von 2,21 Millionen auf 2,205 Millionen Euro. Einen leichten Anstieg um 25.000 auf 295.000 Euro gibt es im Bereich der teilstationären Eingliederungshilfe. Dabei handelt es sich um die Betreuung von aktuell 19 Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in einer heilpädagogischen Tagesstätte, die ihnen vor allem eine geregelte Tagesstruktur geben soll.

Die Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung sind leicht rückläufig. 682 Verdachtsfälle (2016:741) gingen 2017 beim Jugendamt ein. 66 Kinder (2017:76) wurden daraufhin kurz- oder langfristig aus der Familie genommen. 2017 kostete dies 324.000 Euro, für 2018 sind 384.000 Euro eingeplant. 

Tina Braun

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