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"Neger" als Schimpfwort kostet 1800 Euro

68-jähriger Altdorfer verurteilt: "Ist doch keine Beleidigung!" - 28.02.2014 13:36 Uhr

Auslö­ser für das Wortgefecht im letzten Sommer waren die Kinder des Be­schimpften: Sie hatten am Altdorfer Marktplatz bei den Wasserspielen he­rumgetollt. Mit lauter Stimme und lebhaf­ten Gesten schilderte der Angeklag­te vor dem Hersbrucker Amtsgericht Richterin Anja Grammel, was sich an jenem Nachmittag ereignet hatte.

Um seine Geschichte zu untermau­ern, sprang er von seinem Stuhl auf und spielte der verwunderten Vorsit­zenden den Konflikt noch einmal vor: An einem sonnigen Tag im Juli saß der beschuldigte Pensionist mit zwei Bekannten am Altdorfer Marktplatz auf einer Bank bei den Wasserspie­len, als der US-stämmige Familien­vater mit Frau und Kindern auf dem Fahrrad angefahren kam. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits zwei weitere Mütter vor Ort, deren Kinder ebenfalls am Wasser spielten. Ihnen schloss sich der Nachwuchs des dun­kelhäutigen Opfers an.

Hitlergruß gezeigt?

Dadurch fühlte sich der Angeklag­te belästigt. Seiner Aussage nach wies er die Kleinen freundlich darauf hin, dass „hier eine Ruhebank ist“ und „wenn sie spielen möchten, sollen sie ins Freibad gehen“. Dann sei der Vater sofort auf ihn losgestürmt, habe ihn mit dem Handy fotografiert, auf Eng­lisch als Nazi bezeichnet und den Hit­lergruß gemacht. Die ihm vorgeworfe­nen Beleidigungen seien nie gefallen, er habe lediglich seinen Bekannten neben ihm auf der Bank „Arschloch“ genannt. Der habe nämlich ständig an seinem Arm gezupft und auf ihn eingeredet, dass er ruhig bleiben soll. Er selbst sei aber weder aufbrausend noch beleidigend geworden. „Bei ih­rem lebhaften Temperament kann ich mir das gar nicht so recht vorstellen, dass sie so ruhig geblieben sein wol­len,“ zweifelte Richterin Grammel.

Bestätigen sollten diese Aussa­ge die zwei Bekannten des Beschul­digten, die gemeinsam mit ihm auf der Bank gesessen hatten. Der erste, ein 68-jähriger Rentner, hatte jedoch Probleme mit seinem Gedächtnis: Zwar konnte er sich daran erinnern, dass die Kinder mit Eis in der Hand zu dem Brunnen kamen, sonst wuss­te er jedoch nichts mehr. Dem Ge­richt schien das nicht sehr glaub­haft. „Ich glaube ihnen kein Wort! Seien sie froh, wenn die Staatsan­waltschaft kein Verfahren gegen sie einleitet.“

Bei dem zweiten Zeugen hatte das Gericht mehr Glück. Seine Darstel­lung unterschied sich in wesentlichen Punkten von der des Angeklagten: So sei der Beschuldigte den Kindern des US-Amerikaners gegenüber gleich von Anfang an laut und aggressiv ge­wesen. „Es waren ja auch vorher schon Kinder am Wasser und haben dort ge­spielt. Hat sich der Angeklagte ihnen gegenüber auch so verhalten?“, frag­te die Richterin nach. Die Antwort: „Nein.“

Fotos gemacht

Er selbst habe den in Rage gekom­menen Pensionisten beruhigen wol­len. Erst nach den ersten Schimpfa­tacken sei der US-Amerikaner zu der Bank gekommen und habe sich – zum Teil auf Englisch – einen Schlagab­tausch mit dem Angeklagten gelie­fert. Die Bezeichnung Nazi oder den faschistischen Gruß habe der Zeuge nicht gesehen. Lediglich Hitler habe er aus der Flut englischer Wörter he­raushören können. Dies jedoch erst, nachdem der Beschuldigte den Fami­lienvater lauthals als „Scheiß Ameri­kaner“ und „Neger“ beschimpft hatte. Der habe daraufhin Fotos des ehema­ligen Beamten gemacht und sei dann mit seiner Familie weggeradelt, um die Polizei zu verständigen.

Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zogen sich auf Bitten des Anwalts des Angeklagten zu einer Be­sprechung zurück. Als sie zurück in den Verhandlungssaal kamen, ver­kündete Richterin Anja Grammel das Urteil: Die Verteidigung zog den Ein­spruch gegen den erlassenen Strafbe­fehl vom November 2013 zurück. Da­durch wurde der Angeklagte zu 60 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt.

Sich selbst sah der Verurteilte nicht als Täter: „Das stimmt doch alles gar nicht! Und Neger ist doch keine Belei­digung. „Zehn kleine Negerlein“ heißt ja immerhin auch ein Lied.“ Anja Grammel gab dem uneinsich­tigen Pensionisten noch einen Rat mit auf den Weg: „Nur weil es ein Lied gibt, das diesen Titel trägt, heißt es nicht, dass das Wort keine Beleidi­gung ist.“
  

doh

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