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Reichsparteitagsgelände ist Stein gewordener Größenwahn

Führung des Altdorfer Alpenvereins in Nürnberg – Größtes Stadion der Welt sollte entstehen - 10.06.2013 22:12 Uhr

Die dem römischen Colosseum nachempfundene Kongresshalle sollte einmal Platz für 50.000 Menschen bieten. Nach dem Kriegsbeginn wurde hier aber nicht weiter gebaut. © Archiv


Die erste Station der Führung war das Luitpoldareal (Luitpoldhain), ei­ne riesige Parkanlagemit einem Krie­gerdenkmal, in der eine der zentralen Veranstaltungen des Reichsparteita­ges abgehalten wurde. Dieses Denk­mal diente den Nazis vor allem zur Weihe ihrer Fahnen und Standar­ten. Es wurde in die 1933 beginnende Umgestaltung des Luitpoldareals mit Aufmarschfeld, Tribünen und Gra­nitplattenweg einbezogen. Nach dem Krieg wurde dieses Gelände von der Stadt Nürnberg in einen Erholungs­park umgestaltet, in dem nun alljähr­lich „Rock im Park“ und „Open-Air-Klassik“ stattfinden.

Zu Fuß ging es dann über die Bay­ernstraße weiter zum Torso der 1935 begonnenen Kongresshalle. Das dem Kolosseum von Rom nachempfunde­ne Gebäude sollte als Kongresszent­rum Platz für 50.000 Menschen bieten und die größte Halle der Welt werden. Der monumentale Ziegelbau wurde mit Granit- und Marmorplatten ver­kleidet, hatte eine Grundfläche von 265 x 275 m und eine Höhe von 68,5 m. Geplant war auch ein freitragen­des Dach. Durch den Kriegsausbruch wurde die Kongresshalle aber nicht fertiggestellt. Seit 2001 beherbergt sie nundas Dokumentations-Zentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg.

Mit dem Bus ging es dann den Dut­zendteich entlang zur nahen 1939 fer­tiggestellten Großen Straße. Diese zwei Kilometer lange und 60 Meter breite Aufmarschstraße sollte das Gelände zwischen der Luitpoldarena (Luitpoldhain) unddeman ihremsüd­lichen Ende gelegenen Märzfeld ver­binden. Die Große Straßewurde pers­pektivisch auch so angelegt, dass ihre Achsrichtung zur deutlich sichtbaren Nürnberger Kaiserburg weist. Nach dem Krieg wurde sie bis 1968 von der US-Luftwaffe als Rollfeld benutzt, später als Parkplatz für die Besucher der Messe und des Club-Stadions. Jürgen Reinhardt erinnerte auch daran, dass dieses Gelände bereits vor 1933 für die Freizeitgestaltung der Nürnberger Bevölkerung wichtig war, denn dort befanden sich die Anlagen (Badeanstalt, Promenade, Gaststät­ten) rund um den Dutzendteich und seit 1912 auch der Nürnberger Tier­garten, Süddeutschlands damals be­deutendster Zoo. Er stand aber den Planungen für das Reichsparteitags­gelände im Weg und wurde 1939 auf das Gelände am Schmausenbuck ver­legt.

Tribünen gesprengt

Auf demmit 24 bis zu 38 Meter ho­hen Türmen und vielen Tribünen ver­sehene Märzfeld am Ende der Großen Straße sollten die Schaumanöver der Wehrmacht stattfinden. Dieses Gelän­de mit einer Größe von 80 Fußballfel­dern war als die größte Manöverarena der Welt geplant, wurde aber eben­falls nicht fertiggestellt. 1966 und 1967 wurden die Türme und Tribü­nen gesprengt, um Platz für die Wohn­bebauung des Nürnberger Stadtteiles Langwasser zu schaffen. Im Stile der Gigantomanie war auch das von Al­bert Speer entworfene Deutsche Sta­dion geplant, an dessen Baubeginn heute nur noch ein riesiger Grund­stein erinnert.

Mit 540 m Länge, 445 Meter Breite und einer Höhe von 82 Metern (zum Vergleich: die beiden Türme der Lo­renzkirche sind 81 m hoch) wäre es das größte Stadion der Welt gewor­den. 405.000 Zuschauer sollten darin Platz finden. Ausgeführt wurde aber lediglich ab 1937 das Ausbaggern der zehn Meter tiefen Baugrube, es ist der nördliche Teil des heutigen Silbersees. Der Pionierweiher, der südliche Teil der Baugrube, wurde bis 1962 als De­ponie Bauernfeindstraße (Silberbuck) betrieben, dort wurde der Schutt aus der total zerstörten Nürnberger Alt­stadt abgelagert. Das Zeppelinfeld mit seiner 350mlangen Haupttribüne war die nächste Station. Es trägt sei­nen Namen, weil hier 1909 das Luft­schiff des Grafen Zeppelin landete. Die dortige Tribüne mit 16.000 Plät­zen wurde nach dem Vorbild des Per­gamonaltars gestaltet und war mit 144 Pfeilern und einer großen Red­nerkanzel ausgestattet. Von 1933 bis 1938 fanden hier die Massenaufmär­sche der jeweiligen Reichsparteita­ge statt. Das riesige Zeppelinfeld war mit sechs 50 m hohen Zuschauertribü­nen und 34 Türmen (in ihnen befan­den sich die Toilettenanlagen) ausge­stattet.

Durch Sprengungen des großen Ha­kenkreuzes an der Tribüne durch die Amerikaner im Jahr 1945, 1967 der Säulenreihen im Auftrag der Stadt Nürnberg und 1974 durch Abtragen der baufälligen Seitenpylone entstand der heutige Eindruck. Jürgen Reinhard erinnerte auch daran, dass im Bereich des nahen Bahnhofs Dutzendteich bis 1960 die Maschinenfabrik Wilhelm Späth be­heimatet war, die ab 1835 am Eisen­bahnbau Deutschlands stark beteiligt war. 18 Gebäude, viele Gleisanlagen und Bahn­steige mussten damals zur Ab­wicklung des Massenanstur­mes der Reichsparteitage beim Bahnhof Dutzendteich gebaut werden. Für die Stromver­sorgung der Anlagen auf dem Reichsparteitagsgelände sorg­te ein eigenes E-Werk in der Regensburger Straße (heute Restaurant Burger King).

Die Besichtigung des ehe­maligen Nürnberger Reichs­parteitagsgeländes endete am Nürnberger Fußballsta­dion, das ab 1933 von den Na­tionalsozialisten als „Stadion der Hitler-Jugend“ verwen­det wurde. Am „Tag der Hit­ler- Jugend“ traten alljährlich im Stadion bis zu 60.000 Hit­ler- Jungen auf, auf der Tribü­ne waren 5.000 Mädchen des „Bundes deutscher Mädchen (Bd M). Für siewurde später in Bamberg ein eigenes Treffen organisiert. Nach dem Krie­ge wurde das Stadion bis 1961 vonder US-Army genutzt. Von 1987 an stand es als „Franken­stadion“ wieder für den Fuß­ball zur Verfügung. 

Der Bote

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