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Über Zuwanderungsdebatte: OB Maly spricht in Altdorf

Nürnbergs Oberbürgermeister kam einer Einladung in der Laurentiuskirche nach - 03.12.2017 17:37 Uhr

Ulrich Maly (links) im Gespräch mit Dekan Breu, der seinen Gast mit den Worten empfing: „Ein Oberbürgermeister, wie ich ihn mir für eine Großstadt in Bayern wünsche“. © Alex Blinten


Nürnbergs Rathauschef ist optimistisch. In zehn, spätestens 15 Jahren, da ist er überzeugt, wird man auf die jetzigen Zuwanderungsdebatten zurückschauen und sagen: "Das haben wir doch ganz gut geschafft." Viele Menschen aus anderen Ländern werden dann in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben, eine Heimat, die die Deutschen mit ihnen teilen, weil es eine offene Heimat ist.

Kulturelle Dimension Eine offene Heimat – das ist für Maly das Gegenteil des Heimattümelns. Letzteres benutzt all die positiven Aspekte des Heimatbegriffs zur Abgrenzung gegen alles Fremde. "Heimat hat eine kulturelle Dimension, das wohnt in uns mit den Speisen, die wir essen und mit den Märchen, die uns unsere Eltern erzählen", sagt Maly. Heimat hat also auch ganz viel mit Identität zu tun. Sie kann aber auch auf einer ganz anderen Ebene eine Rolle spielen. Für den Flüchtling ist Heimat vielleicht nur das Dach über dem Kopf oder ein warmes Essen.

Stimmung und Haltung

Die Diskussionen der vergangenen Jahre über die Zuwanderung zeigte für Maly viele auch irritierende Aspekte. So hat der SZ-Redakteur Heribert Prantl in diesem Zusammenhang einen für den Nürnberger Oberbürgermeister bemerkenswerten Satz geschrieben: Beim Wechselbad der Gefühle in Sachen Flüchtlingskrise habe man den Unterschied zwischen Stimmung und Haltung erkennen können.

Warum sind die Deutschen ständig im Krisenmodus? Maly hat eine ebenso schwierige wie interessante Antwort: Weil sich die Deutschen ständig selbst vergewissern wollen. "Immer wenn die Welt sich veränderte, haben wir intensiv gestritten." Beispiel Ostverträge in den 70er Jahren. Damals war die Gesellschaft tief gespalten. Dann die Diskussionen über die Atomkraft, über den Einsatz der Bundeswehr auf dem Balkan – für Maly alles Debatten innerhalb eines Prozesses der Selbstvergewisserung. "Und vielleicht verhält es sich bei der Diskussion um Flüchtlinge genauso."

Andere Themen im Hintergrund

Begleitet wurden die Diskussionen immer durch die Medien, mal kleiner, mal größer – aber im Endeffekt immer mit dem Ergebnis, dass andere Themen weit in den Hintergrund rückten. "Ihr redet über nichts anderes", warf eine Nürnbergerin ihrem Oberbürgermeister bei einer öffentlichen Veranstaltung deshalb vor. Die Frau fühlte sich ungerecht behandelt. Die Flüchtlinge bekämen alles und sie nichts, hielt sie Maly damals entgegen. Der sieht den direkten Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung der Beschwerdeführerin und dem breiten Raum, den die Flüchtlingsdebatte in den Medien wahrnimmt.

Maly hat sich deshalb ein halbes Jahr öffentlich nicht mehr zu diesem Thema geäußert. Und siehe da: Das Flüchtlingsthema wurde auf einmal weniger diskutiert – was allerdings auch damit zusammen hängt, dass in den vergangenen Monaten wegen der Schließung der Balkan-Route sehr viel weniger Migranten nach Deutschland kommen als 2015 und 2016.

Angst vor der Angst der Bürger

Die Unzufriedenheit der Nürnbergerin, die ihren Oberbürgermeister kritisierte, speist sich auch aus Angst vor den Fremden. Ein schwieriger Zusammenhang. "Wer Angst hat, verkennt die Wirklichkeit", betont Maly und sagt damit einen Satz, der freilich auch für das Gegenteil gilt: Wer keine Angst hat, verkennt ebenfalls die Realität. Fakt aber ist, dass viele Menschen Angst vor Zuwanderung haben – mit der Folge, dass die Politiker Angst vor der Angst ihrer Wähler haben.

Deutschland als Sehnsuchtsland Wohnungen müssen her, in der Großstadt Nürnberg ebenso wie auf dem flachen Land, Wohnraum für Menschen mit kleinerem Geldbeutel und für viele Migranten, die nach Deutschland gekommen sind. Zwischenzeitlich sind bereits zwei Drittel der Nürnberger Bevölkerung antragsberechtigt für eine Wohnung des sozialen Wohnungsbaus. Dabei geschieht schon einiges: 2008 wurden in Nürnberg 800 Wohnungen fertig gestellt, 2016 waren es schon dreimal so viele.

Die Großstadt Nürnberg bleibt attraktiv, trotz aller Zumutungen, die sie für ihre Bürger bereit hält – von der Lärmbelastung bis zum Verkehr. Nürnberg ist attraktiv für die hier Lebenden wie für Zugewanderte. Und Deutschland ist das Sehnsuchtsland von weltweit 180 Millionen Menschen. "Die können wir natürlich nicht alle aufnehmen", stellt Maly fest. "Wir müssen aber alles dafür tun, den Menschen in ihren Ländern, aus denen sie flüchten, die Chance auf eine Heimat zu geben." 

Alex Blinten

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