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Dienstag, 24.04.2018

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Unterstützte Kommunikation im Altdorfer Wichernhaus

Sonderschulkonrektor Achim Hofmann im Interview - 03.01.2018 10:46 Uhr

Xaver Seidel kommuniziert mit seiner Lehrerin Martina Langer-Bader mit Hilfe eines Touchpads und Bildkarten. © Simon Malik


Achim Hofmann (45), Konrektor der sonderpädagogischen Berufsschule am Förderzentrum für Körperbehinderte im Wichernhaus und Leiter der ELECOK-Beratungsstelle für elektronische Kommunikationshilfen in Altdorf, erklärt, was Unterstützte Kommunikation kann und wo die Grenzen sind.

Herr Hofmann, was ist eigentlich Unterstützte Kommunikation?

Achim Hofmann: Kinder und Erwachsene, die sich nicht oder nur sehr schwer verständigen können, nutzen alternative Kommunikationsformen, Hilfsmittel und Techniken, um sich mitzuteilen. Zur sogenannten Unterstützten Kommunikation zählen Gesten, Blicke oder Körperhaltungen. Daneben kommen konkrete Objekte oder Bücher mit Fotos oder Bildsymbolen, auch Bild- und Wortkarten sowie Kommunikationstafeln zum Einsatz. Und natürlich gibt es auch elektronische Kommunikationshilfen, zum Beispiel Tablets, die als "Talker", also als Computer mit Sprachausgabe, eingesetzt werden.

 Wie lernt man Unterstützte Kommunikation?

Hofmann: Das gelingt über das sogenannte Modelling. Auch Kinder, die das Prinzip der Kommunikation verstanden haben, müssen erst lernen, in der Sprache zu sprechen, die sie selbst nutzen können. Das gelingt uns in der Schule, indem wir mit den Schülern über UK kommunizieren. Wir versprachlichen das Verhalten der Kinder und Jugendlichen mit UK und zeigen auf entsprechende Bilder, Symbole oder Lesekarten. Und wir nutzen auch für unsere eigenen Gedanken, Bedürfnisse und Äußerungen die Hilfsmittel der Schüler. Dadurch lernen die Schüler, durch Nachahmung mit UK zu kommunizieren.

Aktive Beteiligung am Unterricht

Und können dann am Unterricht teilnehmen?

Hofmann: Unsere Schüler können sich dank Unterstützter Kommunikation aktiv am Unterricht beteiligen und auch, je nach Beschulung, einen Schulabschluss machen. Unser Ziel ist es, allen jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, unabhängige Entscheidungen zu treffen, um ihren Werdegang selbstständig zu beeinflussen. Wir wollen Chancengleichheit bieten. Und das ermöglicht UK. Menschen mit einer Sprachbeeinträchtigung können sich so mitteilen und ein Leben in Würde und gesellschaftlicher Teilhabe führen.

Wo sind die Grenzen von Unterstützter Kommunikation?

Hofmann: Die Nutzer brauchen zunächst ein Körperteil, mit dem sie Hilfsmittel steuern können. Seien es Hände, Knie, Füße, Kopf oder Augen. Die Augensteuerung ist meist der letzte Weg, da sie sehr anstrengend ist. Nach zehn Minuten lässt die Konzentration der Augen nach und die Betroffenen brauchen eine Pause. So ist der Zeitfaktor das größte Hindernis für gelungene UK. In Schule und Arbeit bekommen UK-Nutzer meist nicht die Zeit, die sie bräuchten, um die gewünschte Leistung zu erbringen - obgleich sie kognitiv dazu in der Lage wären. Spielt Zeit keine Rolle, kann sich jeder Mensch über UK mitteilen. Was wir brauchen, sind empathische Gegenüber.

Dafür braucht es auch individuelle Settings. Wie erarbeiten Sie diese?

Achim Hofmann, Sonderschulkonrektor der berufsvorbereitenden Schule des Förderzentrums für Körperbehinderte der Rummelsberger Diakonie in Altdorf, leitet die ELECOK-Beratungsstelle für elektronische Kommunikationshilfen in Altdorf. © Simon Malik


Hofmann: Bei Schülern besuchen wir deren Unterricht, bei kleineren Kindern den Kindergarten oder die schulvorbereitende Einrichtung. Wir begleiten die Kinder im Schul- oder Kindergartenalltag, sprechen mit Lehrern, Erziehern und Mitschülern. So bekommen wir ein erstes Gefühl für das Kind und sein Können. Im Anschluss folgt das Elterngespräch, wir geben Empfehlungen und entscheiden gemeinsam mit Eltern und Schule, welche Hilfsmittel benötigt werden und was machbar ist.

Und wer bezahlt die meist teuren Geräte?

Hofmann: Die Kosten tragen meist die Krankenkassen. Wenn wir ein Setting zusammengestellt haben, wird eine Stellungnahme für die Krankenkasse erstellt. Manchmal gibt es dann direkt eine Bewilligung. Meist kommt es jedoch erst einmal zu einer Ablehnung und die Eltern müssen Widerspruch einlegen, manchmal sogar eine Klage beim Sozialgericht einreichen. Bisher sind alle Geräte letztlich bewilligt und finanziert worden.

Wo steht die Rummelsberger Diakonie beim Thema UK?

Hofmann: Die Rummelsberger Diakonie hat bereits vor mehr als 30 Jahren die Beratungsstelle ELECOK eröffnet. Der damalige Leiter, Gerhard Hornicek, war einer der Wegbereiter für Unterstützte Kommunikation in Bayern und damit auch für das Förderzentrum der Rummelsberger Diakonie in Altdorf. Unser interdisziplinäres UK-Team ist das größte in Bayern. Wir besprechen wöchentlich aktuelle Fälle oder planen Fortbildungen und Veranstaltungen. Am 31. Januar eröffnen wir unsere ELECOK-Spielothek im Wichernhaus. Die Kinder und Jugendlichen können sich unsere Spiele ansehen oder auch direkt losspielen - je nach Lust und Laune. Außerdem gibt es 2018 wieder einen Fachtag: Am 27. April laden wir Lehrkräfte, Mitarbeitende, Eltern und Interessierte zum Fachtag "Unterstützte Kommunikation - ganz konkret!" ins Wichernhaus ein. 

Stefanie Dörr

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