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Vernachlässigte Kinder stellen Schulen vor neue Herausforderungen

Pädagogen betreuen immer häufiger Kinder ohne Halt und Orientierung - 17.12.2017 15:29 Uhr

An der Altdorfer Grundschule wächst die Zahl der Kinder, die heilpädagogische Hilfe brauchen.


Carola Stöhr erinnert sich an diesen Morgen, als sie die Klasse betritt und ein kleiner Junge weinend unter dem Tisch sitzt. Nein, vorkommen will er nicht, sagt der Kleine schluchzend. Weil seine Mama weggeht. Der Papa hat sie wieder einmal verprügelt. Mitten in der Nacht. Der Papa war betrunken. Wie so oft. Als Schulleiterin fühlt sich Carola Stöhr hilflos. Wie kann sie dem Kleinen beistehen?

An ihrer Schule arbeiten Heilpädagoge Leo Kalavrouziotis und Jugendsozialarbeiterin Sandra Schößwender. Sie sind jetzt Ansprechpartner für die Lehrerin. Gemeinsam loten die Schulleiterin, der Heilpädagoge und die Sozialarbeiterin aus, wie man dem Jungen helfen kann. Dabei müssen die Eltern mit ins Boot, sonst funktioniert die Hilfe nicht.

Die Zahl der Einzelfälle nimmt zu

Wie bei anderen Fällen, die die Schulleiterin schildert: Fälle von roher Gewalt auf dem Pausenhof, von Erpressung oder von dem Jungen, der eines Tages mit einem Messer in die Schule kam. Einzelfälle, sicher, der weitaus größte Teil der Kinder ist völlig unauffällig. Aber die Zahl der Einzelfälle nimmt zu.

"Einem Teil der Eltern", sagt Stöhr, "fehlt einfach die Kraft, ihre Kinder konsequent zu erziehen." Für die Schule ergeben sich damit Herausforderungen, denen ein Lehrerkollegium ohne Unterstützung durch Jugendsozialarbeiter und Heilpädagogen nicht gewachsen ist. Die Grundschule Altdorf ist mit 480 Kindern die größte Grundschule im Nürnberger Land.

Gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass die Herausforderungen für die Pädagogen immer größer wurden. Der Anteil der Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten (ADHS) oder mit motorischen Problemen steigt kontinuierlich an. Die Zahl der Kinder aus Scheidungsfamilien war noch nie so groß wie jetzt. Gemeinsam daheim am Tisch sitzen und zu Mittag oder zu Abend essen? Gibt es in vielen Familien nicht mehr. Man geht zum Kühlschrank und bedient sich nach Bedarf. Nachmittags raus auf den Spielplatz oder den Bolzplatz? Ist doch langweilig. Mit Smartphone oder Tablet spielen macht viel mehr Spaß. Letzteres hat zur Folge, dass viele Kinder nicht einmal mehr einen Ball fangen können. An der Altdorfer Grundschule arbeitet deshalb zwischenzeitlich ein Ergotherapeut mit motorisch eingeschränkten Jungen und Mädchen.

"Kannst du mich adoptieren?"

Einige Kinder haben auch großen Bedarf an emotionaler Zuwendung. Die Altdorfer Schulleiterin hat es ebenso wie Kolleginnen schon erlebt, dass Schüler zu ihr kamen und sie fragten: "Kannst Du mich adoptieren?" Eine Grundschule ist wie keine andere Schule Gradmesser gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Familie hat einen anderen Stellenwert bekommen, Patchworkfamilien geben Kindern oft nicht den Halt und die Orientierung, die sie brauchen.

Da erzählen Kinder ihrer Lehrerin, dass sie einen Vater haben, der nie da ist, einen Erzeuger und einen Papa, der der neue Freund ihrer Mama ist. Wen wundert es, dass Kinder damit nicht zurecht kommen. Die Probleme der Kinder sind auch Folgen des gesellschaftlichen Wandels, konstatiert deshalb Sandra Schößwender. 18 Prozent der 480 Kinder an der Altdorfer Grundschule haben einen Migrationshintergrund, darunter sind acht Kinder von Flüchtlingen.

Schule bräuchte mehr Unterstützung

Sieht man von einem Flüchtlingsjungen ab, der die Schule inzwischen verlassen hat, gab und gibt es keine Probleme mit Kindern zugewanderter Eltern. Das betont Schulleiterin Stöhr ausdrücklich. Insgesamt aber wächst der Berg an Schwierigkeiten - so schnell und so stark, dass die Schule deutlich mehr heilpädagogische und sozialpädagogische Unterstützung braucht, als sie derzeit hat.

Mindestens zehn Stunden mehr für den Heilpädagogen hat sich Carola Stöhr gewünscht. Sie kann sich jetzt darüber freuen, dass die Stadt 16 zusätzliche Stunden bewilligte und die derzeitige Halbzeitstelle der Jungendsozialarbeiterin auf eine Vollzeitstelle ausweitete. Außerdem gibt es eine zusätzliche Stelle für einen Mitarbeiter des Bundesfreiwilligendienstes (Bufdi) an der Schule.

Alle Fraktionen im Stadtrat sagten Carola Stöhr und Sandra Schößwender Unterstützung nun zu. Bürgermeister Erich Odörfer betonte dabei, dass die Aufstockung der Stellen für den Heilpädagogen und die Jugendsozialarbeiterin bereits im Finanzausschuss am 7. Dezember beschlossen wurden.  

Alex Blinten

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