Mittwoch, 14.11.2018

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Amoklauf bei Ansbach: Tankstellen-Mitarbeiter stoppten Täter

Polizei meldet zwei Tote - Großfahndung in ganz Mittelfranken - 11.07.2015 11:50 Uhr

An einer Tankstelle in Bad Windsheim hat die Polizei einen Mann verhaftet, der für den Amoklauf mit zwei Toten im Landkreis Ansbach verantwortlich sein soll. © Stefan Blank


Das ist der Weg des mutmaßlichen Amokläufers. © dpa


Entsetzen im Leutershausener Ortsteil Tiefenthal: Dort schoss am Freitagmorgen ein Mann aus einem silbernen Mercedes Cabrio heraus auf eine 82-jährige Frau. Später tötete der 47-jährige Bernd G. etwa fünf Kilometer weiter einen 72-jährigen Radfahrer. Die Polizei spricht von einem Amoklauf - und davon, dass sich Täter und Opfer nicht kannten. "Es gibt keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem Mann und den Toten", sagte ein Polizei-Sprecher bei einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag. Er habe "willkürlich, aber gezielt" auf seine Opfer gezielt. Das Motiv ist noch völlig unklar.

Klar hingegen ist: Der mutmaßliche Amokschütze besaß zwar eine Waffenbesitzkarte, wohl aber keinen Waffenschein. Das heißt: Bernd G. durfte Waffen kaufen, sie aber nicht in der Öffentlichkeit mit sich führen, erklärte der zuständige Oberstaatsanwalt. Einen Revolver und eine Pistole habe er jedoch gehabt. Im Fahrzeug soll eine der beiden Waffen gefunden worden sein und auch die Taten seien wohl mit einer dieser Waffen begangen worden.

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Amoklauf mit zwei Toten im Kreis Ansbach endet mit Festnahme

Ein 47-jähriger Mann aus Ansbach hat am Freitagmorgen zunächst im Leutershausener Ortsteil Tiefenthal aus einem Cabrio heraus eine 82-jährige Frau erschossen. Im fünf Kilometer entfernten Stadtteil Rammersdorf erschoss er danach einen Radfahrer. Auf seiner Flucht schoss er außerdem auf zwei weitere Menschen, die jedoch nicht getroffen wurden. An einer Tankstelle in Bad Windsheim wurde der Amokschütze am Mittag festgenommen.


Die Polizei gab unmittelbar nach der Tat eine Öffentlichkeitsfahndung heraus, warnte: "Der Fahrer ist bewaffnet und macht rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch". Der Aufruf aber hatte Erfolg. Der Mann konnte nur etwa 30 Kilometer weiter flüchten, an einer Tankstelle in Bad Windsheim nahm eine Spezialeinheit der Polizei den dringend Tatverdächtigen Bernd G. dann gegen 11.45 Uhr fest. Nach Informationen der Windsheimer Zeitung (WZ) war der Täter von Richtung Ickelheim nach Bad Windsheim gekommen und stoppte seinen Wagen direkt vor der Werkstatt-Einfahrt der Tankstelle.

"Vorsicht, Überfall! - dann reagierten die Tankstellen-Mitarbeiter

Wie Zeugen der Windsheimer Zeitung berichteten, warnte ein Mitarbeiter, der die Informationen der Polizei mit dem Nummernschild des gesuchten Fahrzeuges im Radio gehört hatte, sofort die Kollegen mit dem Schrei "Vorsicht Überfall". Daraufhin flüchteten einige. Mindestens zwei Mitarbeiter der Tankstelle wurden jedoch von dem Mann mit einer Pistole bedroht.

Nach Informationen der Polizei sollen zwei Mechaniker Bernd G. überwältigt haben. Zuvor legte der Täter seine Waffe auf einen Tresen - eine Mitarbeiterin reagierte sofort und nahm sie ihm ab. Insgesamt waren an der Überwältigung mindestens fünf Mitarbeiter beteiligt.

"Tankstellen-Mitarbeiter verhinderten Schlimmeres"

Sie fixierten laut Windsheimer Zeitung den kräftigen und um sich tretenden Mann, indem sie sich auf Arme, Körper und Beine stellten und ihn mit Kabelbindern fesselten. "Ich möchte mich für das mutige Einschreiten der Tankstellen-Mitarbeiter bedanken, die mutmaßlich Schlimmeres verhindert haben", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Die Polizei sperrte mithilfe mehrerer Spezialeinheiten das Gebiet um die Tankstelle weitläufig ab, da nicht sicher war, ob neben einer weiteren Pistole auf dem Beifahrersitz auch noch Sprengstoff in dem Mercedes-Cabrio liegt.

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft gefragt. Bernd G. soll noch beim Transport auf die Polizei-Dienststelle in Ansbach "psychische Auffälligkeiten" gezeigt haben. Er habe "verwirrte Äußerungen" gemacht. Ein Sachverständiger wurde hinzugezogen, er sollte den mutmaßlichen Schützen noch am Freitag ein erstes Mal begutachten. Davon hängt ab, ob Bernd G. in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss oder Haftbefehl erlassen wird. Eine Ermittlungskommission der Polizei wurde eingerichtet - sie soll den genauen Tathergang klären. Am Samstag informierte die Staatsanwaltschaft Ansbach über weitere Erkenntnisse.

So lief der Amoklauf von Bernd G.

Das erste Mal tritt Bernd G. am Freitagmorgen gegen 10.02 Uhr in Erscheinung. Der mutmaßliche Amokläufer schoss im Leutershausener Stadtteil Tiefenthal aus einem silbernen Mercedes Cabrio auf eine 82-jährige Frau, die auf einem Gehweg vor ihrem Haus stand. Das Fahrzeug habe ein Ansbacher Kennzeichen gehabt und sei auf den Namen des Vaters von Bernd G. zugelassen gewesen, teilt die Polizei mit.

Kurze Zeit später wurde im fünf Kilometer entfernten Ortsteil Rammersdorf auf einen 72-jährigen Fahrradfahrer geschossen, der ebenfalls noch am Tatort verstarb. Die Polizei geht fest davon aus, dass es sich bei diesem Vorfall um den gleichen Täter wie in Tiefenthal gehandelt habe.

Gegen 10.30 Uhr tauchte Bernd G. dann in Colmberg auf. Dort habe er einen Kraftradfahrer bedroht, allerdings keine Schüsse abgegeben. Der Mann konnte sich jedoch das Kennzeichen des mutmaßlichen Amokläufers merken - der wohl entscheidende Hinweis für die Polizei, die daraufhin eine Öffentlichkeitsfahndung herausgab.

Bisher noch völlig unklar ist der Zusammenhang zwischen dem Amoklauf und einem Banküberfall in Wörnitz. Hier ermittelt die Polizei derzeit noch.

Polizei fahndete mit Großaufgebot nach dem Amokläufer

Später feuerte er erneut - in der Nähe von Flachslanden, auf einen Landwirt. Bernd G. allerdings traf nicht, der Bedrohte wurde lediglich von "Glassplittern leicht verletzt", wie die Polizei erklärt.

Schüler eines angrenzenden Gymnasiums mussten kurze Zeit in den Klassenräumen bleiben, bis die Gefährdungslage es zuließ, dass sie das Gebäude verlassen konnten. Fast die gesamte mittelfränkische Polizei hatte mit Einsatzfahrzeugen, der Hundestaffel sowie dem Hubschrauber nach dem Täter und dem Flucht-Fahrzeug gefahndet. Mehr als 100 Einsatzkräfte waren demnach im Einsatz.

Auch Ansbach steht unter Schock

Der Bürgermeister von Leutershausen, Siegfried Heß, zeigte sich entsetzt von der Tat. "In einem Ort mit 5500 Einwohnern, in dem wir immer beschaulich gelebt haben, kannte man solche Situationen nur aus dem Fernsehen", sagte Heß. Er sei "fassungslos und von den Socken". In so einem ländlichen Gebiet könne man sich so etwas gar nicht vorstellen. "Und dann passiert so etwas vor der Haustür." Er hat Trauerbeflaggung angeordnet. Für das Wochenende hat er alle Termine abgesagt. Stattdessen hat er zu einer Versammlung aufgerufen, in der unter anderem die Frage nach einer Trauerfeier und dem Altstadtfest besprochen werden soll. Das berichtet der BR.

Auch Ansbach steht unter Schock. "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer und allen Betroffenen", sagt etwa Oberbürgermeisterin Carda Seidel. Aufgrund der tragischen Ereignisse verzichte man auch auf einen geplanten Kirchweihzug und den Bieranstich durch Seidel. Stattdessen wolle man eine Gedenkminute abhalten.

Polizei richtet Hotline für Hinweise ein

Zeugen, die den Beschuldigten mit seinem Fahrzeug auf der Flucht beobachtet haben oder möglicherweise selbst geschädigt sind, werden gebeten, sich über die Rufnummer 0800 7766 310 an die Polizei zu wenden. 

ynn, tl, Stefan Blank E-Mail

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