Mittwoch, 14.11.2018

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In den Bezirkskliniken herrscht ein "Klima der Angst"

Mitarbeiter sprechen von Kündigungswelle und schickten Geschenke zurück - 22.03.2018 05:55 Uhr

Hinter den Kulissen der Bezirkskliniken Mittelfranken sorgt Klinikchef Helmut Nawratil für viel unangenehmen Wind. © André De Geare


Die kleinen Geschenke sollen offenbar die Freundschaft erhalten, zumindest die Stimmung heben. Mal bekommen die Mitarbeiter der Bezirkskliniken farbige Lebkuchenherzen, mal einen Einkaufsgutschein für 44 Euro. In diesem Jahr lässt es Kliniken-Chef Helmut Nawratil richtig krachen. Für die meisten der fast rund 3000 Mitarbeiter zahlt das Unternehmen Monat für Monat 40 Euro auf das individuelle Konto einer Online-Plattform ein, einen riesigen Kaufladen. Die wirbt mit dem Slogan "Ihre Belohnungexperten". Etwa eine Million Euro kostet das die Bezirkskliniken. Das Unternehmen kann diesen Betrag in vollem Umfang steuerlich absetzen.

Was Nawratil sich als kostspieliges Dankeschön ausgedacht hat, empfindet mancher der Beschenkten regelrecht als Hohn. Die farbigen Lebkuchenherzen beispielsweise schickten etliche Mitarbeiter(innen) im vergangenen Jahr "mit Dank" zurück. Denn nach wie vor gilt Helmut Nawratil als rücksichtsloser Chef, der nur ihm persönlich treu ergebene Mitarbeiter um sich duldet und der allein mit wirtschaftlich guten Zahlen glänzen will. Das die Bezirkskliniken einen Versorgungsauftrag für die Menschen in der Region haben, gehe dabei oft unter, sagt eine Führungskraft. "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“: Nach diesem Motto funktioniere das "System Nawratil", dem alles andere untergeordnet werde. "Wer sich nicht fügt, wird unter Druck gesetzt."

Von "Psychospielchen" redet einer der Betroffenen gegenüber unserer Zeitung und von "Kontrollwahn", "Machtdemonstration" sowie dem unverhohlenen Versuch, "alle Mitarbeiter gleichzuschalten". Wie das aussehen kann, beschreibt er an einem Beispiel aus dem vergangenen Jahr. Nawratil habe damals an Dutzende Mitarbeiter eine offizielle schriftliche Ermahnung schicken lassen, der Vorstufe zur Abmahnung, die zu den Personalakten kommt. Der Anlass sei eine Lappalie gewesen. Die Beschäftigten seien streng angehalten worden, ihre Fahrtenbücher ordentlich zu führen. Begründung: Manche Einträge seien unleserlich.

Manche ertragen eine solche Kultur des Misstrauens nicht und kündigen bei den Bezirkskliniken. Sie gehen, um dem "System Nawratil" zu entkommen, wie einer versichert. Es sind oft Stützen des Unternehmens, die dabei wegbrechen. Mitarbeiter sprechen von einer Kündigungswelle. Der kaufmännische Leiter in Erlangen ist weg. Der Leiter des Zentralen Personalmanagements ist weg. Er ersetzte einen Mann, der ebenfalls vor Nawratil floh. Der Neue hielt es nicht einmal zwei Monate aus. Ebenfalls gegangen ist der Justiziar des Kommunalunternehmens. Seine Angelegenheiten werden jetzt über eine externe Beratung geregelt, wie es heißt. Hinzu kommen Spitzen in einzelnen Krankenhäusern.

Manche Klinikleitung löse sich förmlich auf, heißt es. Beschäftigte äußern nur hinter vorgehaltener Hand Kritik, weil Nawratil einen Maulkorberlass verhängt haben soll - mit Kündigungsandrohung. "Man kann ein Bezirkskrankenhaus nicht führen wie ein reines Wirtschaftsunternehmen", beschweren sich Mitarbeiter. "Hier fehlt die Herzenswärme, der Zugang zu den Menschen, die Dialogbereitschaft. Es herrscht ein Klima der Angst."

Viele Beschäftigte werfen dem politischen Kontrollgremium, dem Verwaltungsrat, mangelnden Aufklärungswillen vor. Und der letztlich verantwortliche Bezirkstag könne oder wolle nicht hinter die Kulissen schauen. "Auszubaden haben das die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die ihre Arbeit am Menschen gern tun", aber die negativen Folgen der mittlerweile öffentlichen Affäre auszubaden haben, lautet die Kritik. Vorstand Nawratil wiederum schere sich nicht um Überlastung von Mitarbeitern in einzelnen Kliniken, um unzulängliche Unterbringung von Patienten oder bauliche Mängel, die längst beseitigt gehört hätten. Insgesamt, so ist zu hören, schade die Affäre den Bezirkskliniken in beträchtlichem Ausmaß. 

Michael Kasperowitsch und Hans-Peter Reitzner

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