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Auf in die Schule mit „Mama Deutschland“

Ehrenamtliche stellen Unterricht für junge Flüchtlinge ohne Anhang auf die Beine — Klassen rappelvoll - 02.01.2015 20:01 Uhr

„Ich bin jetzt eure Mutter hier“: Mit diesem Satz stellt sich Dagmar Gerhard den minderjährigen Flüchtlingen vor. Sie übernimmt hauptberuflich Vormundschaften für die Heranwachsenden und sorgt jetzt auch für ein Schulprojekt. © Foto: Gerullis


Die jungen Menschen warten in Einrichtungen wie den Rummelsberger Diensten, der Nürnberger Stadtmission oder der Arbeiterwohlfahrt, die sich um die unbegleiteten Minderjährigen kümmern, auf ihre Chance, sagt Sozialpädagogin Dagmar Gerhard. Sie ist seit 26 Jahren in der Flüchtlingsarbeit aktiv, war lange Zeit bei der Stadtmission tätig und arbeitet seit bald acht Jahren als selbstständiger Vormund für minderjährige Flüchtlinge.

„Mama Deutschland“ wird sie inzwischen von den Halbwüchsigen aus Namibia, Gambia, Äthiopien oder Syrien genannt, denen sie im Asylverfahren beisteht, mit ihnen die Unterkunft aussucht, in der sie zunächst wohnen können, und die sie bei Behördengängen begleitet.

„Ich bin jetzt eure Mutter hier“, mit diesem Satz stellt sich Gerhard gerne vor, um das schwierige Wort der Vormundschaft zu erklären. Und ihre Schützlinge zeigen sich ob der neuen Mutterschaft meist recht dankbar.

Fachleute schätzen, dass 2014 mehr als 500 Heranwachsende ohne Anhang in Mittelfranken gestrandet sind, die ihre Heimatländer mit kaum mehr, als sie am Leib zu tragen vermochten, verlassen haben, weil dort Krieg herrscht, sie verfolgt werden oder sie aus anderen Gründen keine Zukunft mehr sehen. Tendenz steigend. Nicht selten haben ihre Eltern ein Vermögen an Schleuser bezahlt, um die Kinder auf sicheren Boden zu bringen. Doch wie mit ihnen hier umgehen, wie sie betreuen? Wie die Potenziale der Elf-, 15- oder 18-Jährigen nutzen?

Antworten auf diese drängenden Fragen können die Schulen alleine nicht mehr geben, sie haben inzwischen kaum noch Kapazitäten, um den neuen Nachwuchs mit der deutschen Sprache und der Kultur vertraut zu machen.

Lehrkräfte sind Mangelware

Die Grund- und Mittelschulen in Nürnberg, Fürth, Lauf oder Roth werden jetzt zum zweiten Halbjahr neue Übergangsklassen bilden müssen, heißt es zwar im Unterrichtsministerium, Lehrerstellen würden genehmigt.

Nur, ob noch genügend Pädagogen gefunden werden, die Deutsch als Fremdsprache lehren können, das ist fraglich. Der Markt ist abgegrast. Und an den Berufsschulen, die junge Asylbewerber und Flüchtlinge fit für eine Ausbildung machen sollen, geht seit Wochen gar nichts mehr. (Siehe Info-Kasten auf dieser Seite)

So sind jetzt „Mama Deutschland“ und eine ganze Reihe von Mitstreitern zur Stelle, um zu helfen und die (Aus-) Bildungsnot ein wenig zu lindern. Mit ihrem Nürnberger Verein Mimikri (die Abkürzung steht für Migranten meistern ihre Krisen) hat Dagmar Gerhard ein Schulprojekt auf die Beine gestellt, mit dem Flüchtlinge zwischen 16 und 21 Jahren in Trainingsmodulen lesen und schreiben und Deutsch lernen, aber sich auch eine Tagesstruktur erarbeiten sollen.

Eine echte Alternative zum „Rumhängen“, wie Gerhard sagt; die 24 Unterrichtsstunden in der Woche seien zu bewältigen. Langfristiges Ziel ist es, die Schüler in reguläre Berufsschulklassen zu integrieren und ihnen den Zugang zu einem Ausbildungsberuf zu ermöglichen.

16 wollen aufs Sprungbrett

Für das Projekt mit dem Namen „Sprungbrett“ hat Mimikri bereits eine Lehrkraft eingestellt, die auch Türkisch und Arabisch spricht. Studenten und andere Assistenzkräfte sollen sie unterstützen. 16 Anmeldungen liegen inzwischen vor, 14 der jungen Flüchtlinge sind in Rummelsberg und Schnaittach im Landkreis Nürnberger Land untergebracht, zwei inzwischen volljährige Asylbewerber leben in Eckental (Landkreis Erlangen-Höchstadt), wo sich gerade ebenfalls eine Helfer-Initiative bildet.

Ab dem 7. Januar steht das „Sprungbrett“ bereit, das die Nürnberger Rotary Clubs, die Sparkasse und auch Spender der NN-Weihnachtsaktion „Freude für alle“ finanziell fördern. Die ersten Unterrichtsstunden finden am Vereinssitz im Nürnberger Kleecenter statt. Langfristig will Mimikri aber geeignete Räume mieten, die bereits in Aussicht sind.

Dank solcher Angebote können auch Jesckala (18) und Jamil (16) wieder hoffen. Die jungen Syrer sind seit über einem Jahr in Franken, verfügen inzwischen über einen geduldeten Aufenthaltsstatus und haben mit ihrer Mutter eine Wohnung im Landkreis Fürth gefunden. Nur ihr sehnlichster Wunsch, zur Schule gehen zu dürfen, erfüllte sich nicht, weil nirgends ein Platz für sie frei war (wie berichtet).

Der Nürnberger Zahnarzt und Gesichtschirurg Thomas Bräunlein fackelte, nach dem ersten Bericht unserer Redaktion darüber, nicht lange und bot Jesckala eine Lehre in seiner Praxis an. Nach den Feiertagen fängt die junge Frau bei ihm an. Schafft sie die Prüfung, kann sie in drei Jahren einen Realschulabschluss vorweisen. Und später auf dem zweiten Bildungsweg sogar ihr Ziel verfolgen, Ärztin zu werden.

Auch ihr Bruder Jamil beginnt in diesen Tagen in Fürth mit Deutschkursen. Sabine Schöberl, eine Nachbarin, die sich ehrenamtlich als Schülercoach betätigt, und weitere Unterstützer haben dafür gesorgt, dass es jetzt endlich vorwärtsgeht.

Der Verein Mimikri in der Kleestraße 21–23 in Nürnberg braucht auch Schreibmaterial, Kopierpapier und Ähnliches. Bis Februar ist das Büro nur sporadisch besetzt und besser über die Mail-Adresse fbb_dg@yahoo.de zu erreichen. 

ELKE GRASSER-REITZNER

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