Montag, 24.09.2018

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Freilandmuseum: Entführtes Lämmchen wird Flaschenkind

Dutzende Tiere warten im Fränkischen Freilandmuseum auf Nachwuchs - 02.03.2018 14:54 Uhr

Das kleine Lämmchen ist Lina getauft worden. Gerhard Enzner zieht das für drei Wochen verschwundene Tier mit der Flasche auf. © Claudia Lehner


Ganz zutraulich stupst das Lämmchen mit der Schnauze an das Kinn von Landwirt Gerhard Enzner, der es auf dem Arm hält, um es der Kamera zu präsentieren. Scheu vor Menschen, die hat das knapp zwei Monate alte weibliche Jungtier namens Lina nicht. Es wird mit der Flasche aufgezogen. Das hat einen besonderen Grund, eine kleine Kriminalgeschichte, die sich im Fränkischen Freilandmuseum ereignet hat und die sich wohl nie aufklären wird, wie Enzner schätzt.

Das neugierige Lämmchen ist aber nicht das einzige Tier, um das sich der Westheimer kümmert: Wollschweine, Ochsen, Ziegen und Hühner. Das Museum beherbergt viele Tiere, darunter auch etliche alte und selten gewordene Rassen. Schafe werden schon lange im Museum gehalten. In den vergangenen 17 Jahren hat Leonhard Arnold sie gehütet, für die Nachzucht gesorgt. Auf seinem Hof in Erkenbrechtshofen waren es bis zu 200 Tiere, im Museum um die 90. Zum Ende des Jahres hat der 74-Jährige als Museumsschäfer aufgehört, aus persönlichen Gründen. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Bis März wird Arnold deshalb die restlichen Schafe, die ihm das Museum abgekauft hat, weiter versorgen. Die Stelle ist ausgeschrieben worden, wie Ute Rauschenbach, Pressesprecherin des Museums, bestätigt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. "Die Gespräche laufen noch."

Schon seit dem Herbst war die Herde sukzessive verkleinert worden. Nun sind es nur noch zehn Tiere. Die ersten haben bereits Lämmer bekommen, wie Enzner erzählt. "Da kommen schon noch ein paar."

Im Stall mit den Kühen

In die kleine Herde zurück kann das Flaschen-Lämmchen allerdings nicht mehr. Mit einem anderen, etwas älteren Jungtier war das kleine Babyschaf Mitte Januar gestohlen worden. Drei Wochen später war es plötzlich wieder da. Das andere Tier, das zum Zeitpunkt des Diebstahls bereits gut ein Vierteljahr alt war, blieb verschwunden. Mysteriös findet das Enzner. Wieso das eine zurückgebracht wurde? Er kann es nicht sagen.

Nachdem das Lamm drei Wochen verschwunden war, hat seine Mutter es nicht mehr erkannt. Milch hat sie auch keine mehr, wie Enzner erklärt. Das Lämmchen wird deshalb mit der Flasche aufgezogen und hat eine eigene kleine Stallbucht neben den Kühen im Seubersdorfer Hof. Wäre es bei den anderen Schafen, würde es wohl den jüngeren Tieren die Milch streitig machen. Das nun knapp zwei Monate alte Tier ist bereits der Liebling der Museumsmitarbeiter, besonders der Bundesfreiwilligendienstler und der FÖJler (Freiwilliges Ökologisches Jahr). Sie haben sich darum gestritten, wie es heißen soll, erzählt Enzner lächelnd. Seit wenigen Tagen ist es klar: Es heißt Lina.

Es gibt noch so einige Tiere mehr im Museum, wie die zwei Pferde, die Stute Nusina und den Wallach Nano, und die Ochsen Max und Moritz, die im Hof aus Unterlindelbach stehen. Außerdem gibt es noch zwei Mutterkühe der Rasse Triesdorfer Tiger, eine Züchtung aus dem 18. Jahrhundert, die später fast verschwunden war und nun von einigen engagierten Züchtern wieder vermehrt wird, wie Rauschenbach erklärt. Derzeit drei weibliche Ziegen und ein Zicklein vom vergangenen Jahr leben im Museum. Der Bock ist nicht mehr da. Er habe sich aggressiv gegenüber den Besuchern verhalten und musste deshalb gehen. Ein neuer wird angeschafft. Recht beeindruckend in ihrer Größe ist die schwarz-weiß gefleckte Sau der alten Rasse des Schwäbisch-Hällischen Landschweins, die sich mit den Ziegen einen kleinen Stall am Seubersdorfer Hof teilt.

Neben den Schafen leben im Fränkischen Freilandmuseum noch viele weitere Tiere - unter anderem auch diese Schweine. © Claudia Lehner


Die Wollschweine, zwei erwachsene und einige Ferkel vom vergangenen Jahr, fühlen sich auch im Winter draußen wohl. Kein Wunder angesichts des dicken, krausen schwarzen Fells, das ihre Körper bedeckt. Reinrassige Wollschweine, wie sie auf einem Bild von Albrecht Dürer aus dem 15. Jahrhundert zu sehen sind, gibt es nicht mehr, wie Rauschenbach erklärt. Es handelt sich um eine Rückzüchtung aus ungarischen Mangalica-Wollschweinen. Vier Jungtiere sind noch da, die anderen drei wurden bereits verkauft. Sie sind neugierig und büxen gerne aus, erzählt Enzner. Je älter, desto mutiger werden sie. Wie zu sehen ist, haben sie schon wieder kräftig an der Erde unter dem Zaun gegraben, vielleicht hoffen sie, bald durchschlüpfen zu können.

Stallpflicht für das Federvieh

Enten, Tauben, Gänse, zwei Hasen und zwei Pfauen gehören ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich von Enzner. Wobei sich die Tauben recht gut um sich selbst kümmerten. Sie haben einen großen Schlag mitten im Seubersdorfer Hof. Wie viele es sind? Das vermag auch Enzner nicht zu sagen. Die Rammesloher Hühner mit braunem Federkleid haben gerade Stallpflicht, müssen hinter einem Gitter im offenen Verschlag bleiben. Ein Habicht hat sie attackiert. Der könne durchaus ein Huhn reißen, wie Enzner erklärt. Auch die schwarz-weißen deutschen Sperberhühner, sechs Hennen und ein Hahn, ebenfalls eine alte Rasse, sind aktuell in ihrem Stall. 

"Das ist eine Welt für sich", sagt der 55-Jährige über die Arbeit im Museum. Füttern, Misten, Brennholz machen, manchmal auch die Ochsen einspannen: Es ist einiges zu tun. Eigentlich ist die Arbeit für zwei Landwirte gedacht, unterstützt von vier Bundesfreiwilligendienstlern und teilweise an Wochenenden von anderen Museumsmitarbeitern. Der Routinier im Team, Landwirt Werner Schneider, ist allerdings aktuell in der "Winterpause", wie Rauschenbach sagt. Nach einem schweren Unfall mit der Kutsche hofft er, bis zum Saisonstart wieder fit zu sein. Enzner hat selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb, den er verkleinert hat. Die Schweinehaltung wird er ganz aufgeben, Ackerbau betreibt er weiter und ist seit zweieinhalb Jahren im Museum beschäftigt. "Mir gefällt es", sagt er, auch die Arbeit mit den jungen Menschen, die für einige Zeit die Landwirtschaft, wie sie noch vor Jahrzehnten betrieben wurde, kennenlernen. Die Wenigsten kommen vom Bauernhof.

"Man fängt bei Null an", sagt Enzner. Besonders freut ihn, dass einen der Freiwilligen die Arbeit so begeistert hat, dass er nun Landwirtschaft studiert. Dauerhaft bleiben die wenigsten der dort geborenen Tiere im Museum. Die meisten werden verkauft, Wollschweine zum Beispiel in den Hutewald in Gunzendorf, und viele wohl irgendwann geschlachtet. Das gilt nicht für Lina. Da es so stark vom Menschen geprägt sei, wird es später eventuell in der Museumspädagogik eingesetzt, wie der 55-jährige Enzner sagt. Jungtiere werden noch einige im Museum erwartet, aber anders als bei den Schafen erst in etlichen Wochen. Bei den Ziegen könnte es ab Anfang März so weit sein, bei den Kühen im Juni, die Schwäbisch-Hällische Sau könnte Anfang April ferkeln. Recht bald dürfte sich bei den fränkischen Landgänsen mit ihrem blau schimmernden Gefieder Nachwuchs einstellen, vielleicht Ende Februar. Sie haben schon angefangen zu brüten.  

Claudia Lehner

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