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Donnerstag, 20.09.2018

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Gemeinschaftswälder sind Immaterielles Kulturerbe

Gemeinsamer Antrag zur Aufnahme - Nächste Stufe ist das bundesweite Verzeichnis - 01.04.2018 19:42 Uhr

Heinz Korbacher, Vorsitzender der Waldrechtler, zeigt das Arbeitsgerät mit dem die Areale für Einschlag vermessen und gekennzeichnet werden. Ohne Schaufel geht es nicht, aber erst recht nicht ohne den 3,60 Meter langen Gertstab, der an der Wand hängt. © Archiv-Foto: Claudia Lehner


Mit den "bäuerlichen Gemeinschaftswäldern im Steigerwald" ist nun wie berichtet auch die Arbeit der Waldrechtler aus der kleinen Weinbaugemeinde und ihre Mittelwaldbewirtschaftung in die Landesliste für das Immaterielle Kulturerbe in Bayern aufgenommen worden. Gleichzeitig ist die Tradition aber auch nominiert worden: für die Aufnahme in das deutschlandweite Verzeichnis. Die Entscheidung darüber könnte noch diesen Sommer fallen.

Im Steigerwald finde man noch heute häufig sogenannte "Stockausschlagwälder" vor, wie es laut Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst heißt. Laubbaumarten werden im Abstand von einigen Jahrzehnten abgeschlagen – also auf den Stock gesetzt, was vor allem der Gewinnung von Brennholz dient. Die Bewirtschaftung der rund 100 bäuerlichen Gemeinschaftswälder im Steigerwald erfolgt auf Basis eines breiten Spektrums an genossenschaftlichen Rechtsformen mit jahrhundertealten überlieferten Praktiken der Vermessung, des Einschlagens sowie Regelungen zur Verteilung des Holzes unter den etwa 2600 Waldrechtlern.

Gemeinsam beworben

Sechs Landkreise im Steigerwald – Neustadt-Bad Windsheim, Bamberg, Erlangen-Höchstadt, Haßberge, Kitzingen und Schweinfurt – hatten im Herbst 2017 gemeinsam den Antrag zur Aufnahme in die Landesliste gestellt. Als Beispiele aus dem hiesigen Landkreis wurde neben der Waldbewirtschaftung in Weigenheim, Gutenstetten und Burghaslach auch die in Ergersheim genannt.

Dort ist das Waldrecht seit 1747 belegbar. Gegeben haben dürfte es dieses aber schon viel länger, wie Heinz Korbacher, Vorsitzender der Vereinigung der Waldrechtler, schätzt. Alle 30 Jahre wird ein bestimmtes Stück Wald auf Stock gesetzt, also das Unterholz entfernt, nur einige ältere Bäume werden stehen gelassen: die über 30-jährigen Überhälter ohnehin, außerdem zwei jüngere Bäume pro Gert. Das ist das traditionelle Maß, das eingesetzt wird. Eine entsprechende Stange von 3,60 Meter kommt bei der Vermessung von jährlich zehn Hektar zum Einsatz. Dazu kommt ein Querschuh, macht 3,70 Meter.

In den Grundzügen wird noch heute das Brennholz so verteilt wie vor rund 250 Jahren. Das Holz bekommen die Waldrechtler. Einige der älteren Bäume werden verkauft – zugunsten der Kommune.

Die Gerten werden nach einer festgelegten Reihenfolge vergeben, wie Korbacher erklärt. Wer welches Stück erwischt, da sei etwas Glück dabei. Mal könne auch ein dorniger Teil oder eine Lichtung dabei sein, was dann durch einen Aufschlag versucht wird auszugleichen.

Ein ziemlich gerechtes System, findet Korbacher, auch wenn nicht immer jeder zufrieden sei. Um es zu erhalten, wurde in den 1970er-Jahren der Verein der Waldrechtler gegründet, der sich seither um das Ausmessen kümmert. Zuvor habe das der Gemeinderat übernommen, wie Korbacher erzählt. Grund für die Vereinsgründung war die damalige Gebietsreform, bei der aus mehreren Orten die Gesamtkommune geformt wurde. Da habe man so seine Bedenken und Sorgen für die althergebrachten Waldrechte gehabt, sagt Korbacher.

Ergersheims Bürgermeister Dieter Springmann freut sich über die Würdigung der Tradition der Waldrechtler. Er sieht darin einen gewissen Schutz, sodass sie auch in Zukunft weiter bestehen kann. Außerdem mache es Ergersheim bekannter.

Ähnliche Traditionen in Europa

Mit der Aufnahme in die Landesliste ist nur ein Etappenziel erreicht: Ziel ist die Würdigung als dringend erhaltenswertes Immaterielles Kulturerbe der Menschheit. Die Liste wird bei der Unesco geführt, ebenso wie die guter Praxisbeispiele. Zunächst muss jedoch das jeweilige Land die Tradition in sein Verzeichnis aufnehmen und die Kulturform als Vorschlag bei der Unesco einreichen.

Dr. Thomas Büttner, der als Landschaftsplaner die Bewerbung des Steigerwaldes vorbereitet und betreut hat, ist optimistisch, was die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis angeht, in dem beispielsweise die Osing-Verlosung steht. "Die Chancen stehen gut." Ähnliche Traditionen gebe es auch in Frankreich und Slowenien, sodass das Thema nicht nur den Steigerwald oder Deutschland betreffe.

Doch gerade in Franken seien solche Praktiken gar ab dem späten Mittelalter belegt, was es zusätzlich spannend mache. Außerdem würde beim Antrag die ganze Vielfalt der Waldrechtler-Tradition deutlich: von den eidrechtlichen frühen Formen bis hin zu veränderten oder modernen Ausprägungen der Waldgenossenschaften. Auch das werde bei der Aufnahme berücksichtigt. 

Claudia Lehner

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