Montag, 10.12.2018

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Helmut Haberkamm liest aus Sammlung über fränkische Dörfer

Fränkischer Autor spürt Großes im Klein(st)en auf - 01.12.2018 18:53 Uhr

Dr. Helmut Haberkamm nahm die Zuhörer mit auf seine Exkursion zu Schätzen an versteckten Orten. © Harald Munzinger


Die gastgebende Buchhandlung Dorn hatte mit dem Wirtshaussaal im Freilandmuseum einen idealen Rahmen für Haberkamms Schatzsuche im Unscheinbaren gewählt. Dort wo er mit seinen Lesungen "seit 1992 dazu gehört, wie jeder Stuhl". In dem musste man eng zusammenrücken, um allen Besuchern Platz zu bieten, unter denen auch einige Gäste aus den beschriebenen Dörfern waren. Was der Autor aus den Gesprächen mit ihnen gemacht und ihr kleines Universum beschrieben hat, verfolgten sie wohl mit noch mehr Neugierde, als sie Helmut Haberkamm bei allen Zuhörern an dem ganz eigenwilligen Spiegelbild Frankens fernab von seinem Tourismus-Schaufenstern weckte. Tief in die Franken-Seele ließ der Musiker und Kabarettist Dieter Waag mit hintergründigem Humor blicken, mit dem er seine Betrachtungen in einer feinsinnigen Mischung von Literatur und "handgemachter Musik" zwischen Haberkamms Wanderung von Thüringen bis Hohenlohe erzählte.

Dass sich Franken von Unterregenbach oder Musdorf in Württemberg bis Kirchgattendorf oder Neufang in der einstigen DDR erstreckt, also die Grenzen der drei fränkischen Regierungsbezirke sprengen, gehört zum fachlichen Teil des Buches, zu dem die Grafikerin Annalena Weber die Anregung gegeben hatte. In dem sollten Puzzleteile kleiner Dörfer und Weiler -Voraussetzung unter 150 Einwohner – zu einem ganz speziellen Heimatbild Frankens zusammengefügt werden. 100 kleinster Dörfer mit teilweise gerade mal 35 Einwohnern habe er besucht und 20 ausgewählt, ließ der promovierte Gymnasiallehrer und leidenschaftliche Mundartautor wissen.

Heimatliebe und sprühende Fantasie

Das 21ste skizzierte er mit seinem "Kaffeehaus im Aischgrund", mit dem er belegt, was mit Utopie und Vision "aus einem Karpfenkaff entstehen" kann. Sprühende Fantasie begeisterte das Publikum auch bei den Bildtexten zu Fotos von Andreas Riedel im Folgeband "Dunnerholler" von "Siggsdersla". In beiden wird Franken trocken und liebevoll zugleich mit den Mitteln der Satire und einem Schuss Philosophie erkundet und mit Wortspielen deutlich, wie kreativ und innovativ Mundart sein kann, was Haberkamm seit gut 25 Jahren auch in vielen anderen Publikationen sowie erfolgreichen Theaterstücken zum Ausdruck brachte. Und dafür schon vielfach ausgezeichnet wurde, zuletzt in seinem Heimatort Dachsbach mit der "Frankenmedaille" des Fränkischen Bundes und erst vor wenigen Tagen mit dem "Erlanger Kulturpreis".

In neuen Band der "Kleinen Sammlung fränkischer Dörfer" oder auch Sammlung kleiner fränkischer Dörfer, erweist sich der Dramatiker und Romancier sowie "Jäger des verlorenen Wortschatzes", wie Dr. Wolfgang Mück den Lyriker "mit Franken im Fokus" beschrieb, auch als versierter Chronist und Analytiker nüchternen Daten und Fakten über die 4.137.263 Franken auf 23.007,76 Quadratkilometern im Durchschnittsalter von 44,5 Jahren, von denen 67,6 Prozent in Kleinstädten und Dörfern leben. Grund genau also, der wenig beachteten Mehrheit ein Gesicht zu geben. Genauer gesagt, die vielen Gesichter eines Volksstammes in dessen Keimzellen, den Dörfern in Mittel-, Unter- und Oberfranken, in Hohenlohe sowie im südlichen Thüringen: "Überall dort, wo Fränkisch gesprochen wird und wo sich der traditionelle fränkische Kulturraum hin erstreckt", wie Haberkamms Sammlung beschrieben ist.

Das Menscheln hinter Grafiken

Dass es in der nur vordergründig um die 126 Einwohnerinnen, 43 Haushalte und fünf Verwandtschaften, 20 alteingesessenen und fünf zugezogenen Familien, eine mit Migrationshintergrund, etwa in Auernhofen oder die 86 evangelischen und fünf katholischen Bewohner von Rockenbach mit seinen drei Nebenerwerbshöfen und einem Vollerwerbsbetrieb geht, wird deutlich, wenn Haberkamm die Menschen hinter den Grafiken zu Wort kommen lässt. Wenn sie erzählen, dass man einst vom Gendarmen fürsorglich ermahnt wurde, im Suff vorsichtig zu fahren. Oder man sich in Neugrub nahe Geiselwind an einen polnischen Pater erinnert, der so nah dran war an den Menschen, dass er mit unterschiedlichen Frauen drei uneheliche Kinder zeugte. Wenn die in Düren am Hesselberg noch ganz selbstverständliche Nachbarschaftshilfe in einer nüchtern und kalt gewordenen Welt beschrieben wird, Einzelschicksale die Dramatik eines fast vergessenen Krieges oder der Trennung Deutschlands und damit auch von Familien bewusst machen.

"Viel über Franken gelernt" 

Dass er immer wieder auf völlig Erstaunliches gestoßen sei, kaum noch gepflegte Toleranz etwa in Weimarschmieden (Rhön) erlebt habe, wo Jeder den Anderen lässt, wie er ist wird bei der Lesung Haberkamms Begeisterung darüber spürbar, bei seinen Orts-Besuchen viel über Franken gelernt zu haben. Besonders in dessen östlichen und westlichen Ausläufern mit dem Bekenntnis zum "kernfränkischen Gebiet". Mit kurzen Schilderungen macht er nicht nur neugierig, mehr aus dem Buch zu erfahren – das er schließlich zigfach signieren muss - sondern auch darauf, selbst auf die Suche nach den erstaunlichen Schätzen Frankens zu gehen, wobei sich kleine Dörfer als "Fundgrube für persönliche Erfahrungen" erwiesen. Einige davon in der bei „Ars Vivendi“ erschienenen „Kleinen Sammlung fränkischer Dörfer“ hatten für eine faszinierte Zuhörerin den Stoff für Kinofilme.  

Harald J. Munzinger

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