Dienstag, 23.10.2018

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Integration: Flüchtlinge fassen in Bad Windsheim Fuß

Fernab ihrer Heimat haben sich diese Menschen ein neues Leben aufgebaut - 23.01.2018 10:34 Uhr

Wohnung, Job und Auto: Die Syrer Abdul Ghafour Ghannam, Amr Dumirieh und Mohammed Ali (von links) haben in kaum mehr als zwei Jahren schon viel in Deutschland erreicht. © Claudia Lehner


Durch einen langen hellen Flur geht es ins Wohnzimmer, mit Küchentisch, Sofa, Fernseher. Bilder hängen an den Wänden, in einem Eck steht eine Nähmaschine. Mohammed Ali hat geschafft, was noch bei Weitem nicht allen Flüchtlingen gelungen ist, die in den vergangenen Jahren in Deutschland angekommen sind. Der syrische Kurde wohnt mit seiner Frau und fünf Kindern nicht mehr in einer vom Amt gestellten, sondern eigenen Mietswohnung, er hat Arbeit gefunden, den Führerschein gemacht und besitzt ein Auto.

"Meine Vorzeigekinder", scherzt Sylvia Crane, die sich ehrenamtlich um Flüchtlingsfamilien kümmert. Sie weiß sehr wohl, dass es nicht allen so leicht fällt und auch nicht alle sich so bemühen wie die drei Männer, die nun auf dem Sofa in Alis Wohnzimmer sitzen: Auch der 30-jährige Abdul Ghafour Ghannam und der ein Jahr ältere Amr Dumirieh haben wie der 45-jährige Ali eine Anstellung gefunden. Die beiden arbeiten bei Mekra-Lang in Ergersheim, Ali näht für die Firma Rummel Matratzen in Birkenfeld. 

Kein Problem mit Kolleginnen

Ali kam 2015 aus Aleppo nach Deutschland, lebte zunächst in einem Ortsteil von Burghaslach, dann in Obernzenn, mittlerweile in Bad Windsheim. In Syrien hatte er seine eigene Firma mit Angestellten, wie er erzählt. Der gelernte Schneider hat dort Jeans produziert. "Ich wusste nicht, wie ich einen Schneider unterbringen soll", erzählt Crane. Da habe Ali beim Anblick der Firmenzentrale von Rummel plötzlich gesagt: "Ich kann auch Matratzen, Sylvia." Ein bisschen zureden müssen habe sie dem Personalverantwortlichen, erinnert sich Crane. Es gab Bedenken, weil es sich um eine reine Frauenabteilung handelte. Für Ali kein Problem. Das sei in Syrien nicht anders gewesen. Er fühlt sich wohl in der Arbeit, sagt er.

Sein Arbeitgeber ist sehr zufrieden. Drei ausgebildete Näher aus Aleppo arbeiten bei Rummel Matratzen. "Wir sind wirklich froh", sagt Klaus Neudecker aus der Geschäftsleitung über die neuen Mitarbeiter. "Sie ergänzen unseren Arbeitsbedarf vom Feinsten." Wie Ali mussten auch Ghannam und Dumirieh in Deutschland kleinere Brötchen backen. Die beiden Syrer haben studiert, wie sie sagen, Tourismus beziehungsweise Maschinenbau. Ende 2015 kam Ghannam nach Deutschland, absolvierte Sprachkurse, arbeitete im Einzelhandel, nun ist er froh als Produktionshelfer bei Mekra-Lang beschäftigt zu sein. Dumirieh, der seine Familie zurücklassen musste, ist als Schichtführer sein Vorgesetzter.

2018 folgt der "große Run"

So weit haben es noch nicht alle Neubürger gebracht. Von 467 im Dezember 2017 beim Jobcenter in Neustadt gemeldeten anerkannten Flüchtlingen haben 113 eine sozialversicherungspflichtige Arbeit angetreten. Eine leichte Unschärfe gebe es in der Statistik, sagt Stefan Geuder, stellvertretender Geschäftsführer. Gezählt werden auch Beschäftigungen, bei denen das Amt Zuzahlungen leistet, bei Jobwechseln tauchen Personen mehrfach auf. Mehr und mehr Flüchtlinge sind nun so weit, sich einen Job zu suchen. Im Januar 2016 waren 61 anerkannt, noch keiner in Arbeit, im Dezember 2016 waren es 346, davon 29 beschäftigt, nun sind es 113. Den "großen Run" erwartet Geuder für Ende des ersten Quartals und Mitte 2018. Dann enden viele Integrationskurse und Berufsintegrationsklassen. Darauf bereitet sich das Jobcenter vor: unter anderem mit einem weiteren Jobbegleiter, der auch bei Vorstellungsgesprächen unterstützen kann.

Den drei Männern hat Sylvia Crane unter die Arme gegriffen. Und es gibt noch mehr zu tun. Sie haben Träume und Pläne. Ali sucht ein bezahlbares Häuschen. Die Wohnung ist zu klein für fünf Kinder. Ghannam will eine Ausbildung als Großhandelskaufmann machen, Dumirieh würde gerne als Maschinenbau-Ingenieur arbeiten. Doch dafür müsse er noch besser Deutsch lernen, sagt er selbstkritisch. Am allerwichtigsten: Er hofft, dass seine Familie bald nachkommen darf. 

Claudia Lehner

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