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Jeder Grabstein „schaut nach Jerusalem“

Ilse Vogel führte durch den jüdischen Friedhof bei Diespeck - 21.03.2012 10:02 Uhr

Ilse Vogel, hier rechts im Bild, wusste viele Details über den jüdischen Friedhof, die Grabsteine und das jüdische Leben im 18. und 19. Jahrhundert zu erzählen. © Gabriele Grassl


Anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus wurde nun am vergangenen Sonntag unter ande­rem eine Führung durch den jüdi­schen Friedhof angeboten.

Ilse Vogel, Heimatforscherin rund um die jüdische Geschichte in der Re­gion um Diespeck, zeigte den etwa 25 Interessierten, die dem kalten Wind trotzten, zu Beginn das Tahara-Haus für die rituellen Waschungen der Ver­storbenen. Dort sind auch Fotos von der Zerstörung des Friedhofs vor fünf Jahren aufgehängt, die zeigen wie groß das Ausmaß der Verwüstung war.

Ausgerichtet wie das Hebräische

Die Besucher erfuhren, dass bei der Belegung der Begräbnisstätte wie beim Schreiben im Hebräischen vor­gegangen wurde. Das älteste Grab findet sich also „rechts oben“, neben dem Tahara-Haus, das jüngste „links unten“. Jeder Stein ist nach Osten ausgerichtet, nach Jerusalem, wo nach dem jüdischen Glauben der Mes­sias einst erscheinen wird.

In der Bevölkerung wurde der jüdi­sche Friedhof „Judensäcker“ ge­nannt, was aber nichts mit „Äckern“ zu tun hat, sondern „Secker“ meint, den hebräischen Namen für einen Ort der Erinnerung. 1786 wurde der Friedhof von den jüdischen Gemein­den in Diespeck und Pahres errichtet, 1938 fand dort das letzte Begräbnis statt. Auffallend ist, dass von der vierten bis zur zehnten Grabsteinrei­he viele Steine fehlen. Ursache ist vermutlich ein Gesetz von 1942, das den Kommunen großzügigen Umgang mit jüdischem Eigentum erlaubte.

Ab der elften Grabreihe nimmt der Formenreichtum der Grabsteine zu. Wenn anfangs nur hebräische Schrif­ten auf den Steinen zu lesen sind – Il­se Vogel übersetzte einige davon – so gibt es ab 1836 auch deutsche Inschrif­ten als Ergänzung.

Erst ab 1865 in Neustadt

Nach Neustadt durften jüdische Fa­milien erst ab 1865 ziehen, ab diesem Zeitpunkt tauchen deren Namen auf den Grabsteinen auf. Von 1882 an kam auch auf dem jüdischen Friedhof Marmor oder Granit für die Grabstei­ne in Mode, zu lesen ist darauf nach einer hebräischen Inschrift wie auf den christlichen Friedhöfen „Hier ruht sanft und selig ...“ 1878 wurde die jüdische Gemeinde in Pahres aufgelöst, viele junge Men­schen waren nach Amerika ausge­wandert, die meisten jüdischen Fami­lien wohnten in Neustadt. Sogar die Synagoge war in Pahres abgebaut und im nahen Neustadt wieder aufge­baut worden.

In Diespeck endete das jüdische Ge­meindeleben nach dem Ersten Welt­krieg. Jedoch errichtete die israeliti­sche Kultusgemeinde auf dem Fried­hof noch ein Denkmal für ihre elf im Ersten Weltkrieg gefallenen und ver­missten Männer.

 



  

gg

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