Dienstag, 18.12.2018

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Klare Regeln von der Tagesmutter

Hannelore Enzenberger betreut als eine von elf Tagesmüttern im Landkreis acht Kinder – Bedarf ist groß - 03.12.2018 18:10 Uhr

Adam (links) und Nico warten geduldig darauf, dass die Fahrt Richtung Spielplatz endlich losgeht.


Täglich geht Hannelore Enzenberger mit den Kindern nach draußen, der Spielplatz an der Bleiche in Neustadt ist ein beliebter Zielort. © Fotos: Nico Christgau


Erstmals mit dem Jugendamt in Kontakt getreten war Enzenberger, als sie ihre Nichte für zwei Jahre bei sich aufnehmen wollte. Nach tageweisem Babysitting hat sie sich schließlich zur Tagespflegeperson, so der offizielle Begriff qualifiziert. Wer sich durch seine Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft mit Erziehungsberechtigten sowie anderen Tagespflegepersonen auszeichnet und über kindgerechte Räume verfügt, eigne sich für diesen Job, so steht es im Sozialgesetzbuch. Acht Kinder darf die selbstständige Tagesmutter maximal betreuen, höchstens fünf gleichzeitig, und sie nutzt dieses Limit auch aus. Zwei der Kinder seien über das Jugendamt, die anderen privat vermittelt. 15 Stunden muss sie sich jährlich fortbilden, regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs auffrischen.

Plötzlich hört Hannelore Enzenberger auf zu reden. "Jetzt muss ich mal schnell riechen", sagt sie, hebt die knapp zweieinhalbjährige Helena hoch und riecht an deren Hintern. Sie hat sich nicht geirrt, die Windel ist voll. "Komm, wir wickeln mal schnell", sagt sie und verschwindet um die Ecke. Adam nutzt die Gelegenheit, dass Enzenberger mit einem anderen Kind beschäftigt ist, fängt an, Stühle zu verschieben und dabei größtenteils unverständlich zu brabbeln. "Adam, lässt du bitte mal die Stühle stehen." Auch wenn die Tagesmutter außer Sichtweite ist, sie kriegt dennoch alles mit. "Manche Kinder wickle ich vier oder fünf Mal am Tag. Wo die das Material herbekommen, fragt man sich", ruft "Hanne", wie sie die Kinder und deren Eltern nennen dürfen. Selbst hat Enzenberger keine Kinder. "Vielleicht hab ich deswegen so gute Nerven", sagt sie und lacht.

Acht Kinder stehen auf ihrer Warteliste. "Der Bedarf ist sehr, sehr groß." Es stünden zu wenige öffentliche Plätze zur Verfügung und oftmals stimmen die Öffnungszeiten der Einrichtungen nicht mit den Arbeitszeiten der Eltern überein. Doch was tun? Flexiblere Zeiten in den Betreuungseinrichtungen wünscht sich Enzenberger. Wenn eine Mutter als Verkäuferin bis 20 Uhr arbeitet, wo solle das Kind in dieser Zeit bleiben. "Solche Zustände dürften heute nicht mehr bestehen." Von Hartz IV leben möchte auch keiner, es sei schon Wahnsinn, was manche Mütter – oft alleinerziehend – auf sich nehmen. Die meisten geben ihr Kind berufsbedingt zu einer Tagesmutter, sagt Enzenberger, haben in einer Krippe keinen Platz bekommen. Andere schätzen die familiäre Atmosphäre einer privaten Wohnung.

Verpflegung ist enthalten

Dann klingelt es, Nico wird gebracht, mehr als eine halbe Stunde zu spät. "Da kann man ja mal anrufen", sagt sie und macht sich auf den Weg Richtung Haustür. Die anderen sind derweil mit dem Frühstück fertig und widmen sich den unzähligen Spielzeugen in Enzenbergers Wohnzimmer. Es gleicht mehr einem Raum in einem Kindergarten, denn dem eines seit knapp 40 Jahre verheirateten Ehepaares.

Spiele, eine Rutsche und Bücher: Für jedes Kind müsse altersgerechtes Spielzeug vorhanden sein, für die Anschaffung ist die Tagesmutter verantwortlich, auch finanziell. Es ist im Tagespflegeentgelt enthalten, wie auch die Verpflegung und sonstige Kosten. Je nach Qualifizierungsstufe und Alter des Kindes liegt es zwischen 3,21 Euro und 3,86 Euro. "Das ist wenig, das kann man so sagen", gibt Jugendamtsleiter Roland Schmidt zu, dieser Satz richte sich jedoch nach einer Empfehlung des Bayerischen Landkreistages.

Vier oder gar fünf Kinder gleichzeitig zu betreuen, sieht nach einer anstrengenden Aufgabe aus, für Enzenberger ist es schon Routine. Durch harte Arbeit und mit strengen Regeln klappe das jedoch ganz gut, sagt sie. "Es wird nicht gehaut, geschubst, gebissen oder gezwickt", hält sich einer nicht daran, darf derjenige eben fünf Minuten mal nicht mitspielen.

Von Dienstag bis Samstag arbeitet sie als Tagesmutter. "Montag hab ich Ruhetag von Kindern", stattdessen geht sie an diesem Tag ihrem eigentlichen Job nach, Steuerfachangestellte. Die meisten Kinder bleiben in der Regel etwa eineinhalb Jahre bei Enzenberger. Zu vielen pflegt sie jedoch auch noch viele Jahre danach Kontakt. "Es gibt nur ein einziges Kind, das ich bisher nie mehr gesehen habe", erzählt die 60-Jährige.

Derzeit gibt es im Landkreis elf Tagesmütter, in Tagespflege werden 27 Kinder betreut – dies sind jedoch nur die Zahlen derjenigen, die über das Jugendamt vermittelt werden, sagt Schmidt. Die Tendenz nehme jedoch ab. In Ballungsräumen sei die Nachfrage generell sehr hoch, doch im ländlichen Bereich des hiesigen Landkreises – die Städte Neustadt und Bad Windsheim ausgenommen – wolle keiner mehr die Ausbildung zur Tagespflegeperson machen, wenn er danach nur ein oder zwei Kinder zu betreuen hätte. Außerdem werde die Anzahl an abzuleistenden Ausbildungsstunden immer höher – sie soll von 150 auf 300 angehoben werden. "Das macht die Tagespflege auf dem Land kaputt", sagt Roland Schmidt. Hinzu komme, dass auf dem Land Krippenplätze reichlich vorhanden seien.

Die Kinder und Hannelore Enzenberger gehen nach draußen, Teil des täglichen Pflichtprogramms. Die Kleinen – Adam ist ein Jahr und acht Monate alt, Nico ein Jahr und drei Monate – setzen sich in einen Kinderwagen, der Platz für vier Passagiere hätte. Doch die beiden älteren Mädchen wollen laufen, der Spielplatz an der Bleiche ist das Ziel. "Tagesmutter wird man nicht, um reich zu werden", sagt Enzenberger. Doch gäben ihr "ihre" Kinder ganz viel zurück. Seit gut zwölf Jahren macht die 60-Jährige diesen Job schon. "Irgendwann werde ich mal in Rente gehen", sagt sie und lacht. Noch sieht es nicht so aus, als ob sie diese Aufgabe bald an den Nagel hängen könnte. Und das ist gut so. Denn Tagesmütter wie Hannelore Enzenberger werden dringend gebraucht.  

NICO CHRISTGAU

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