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Schüsse auf Party: Urteil im Mordprozess erwartet

Ist der Familienvater psychisch krank und alkoholabhängig? - 23.06.2016 08:35 Uhr

Auf der Geburtstagsfeier seines Stiefsohns schoss der 58-Jährige um sich. Nun muss sich der Familienvater vor Gericht verantworten. © colourbox.de


Der Familienvater, dem die Ankla­ge vorwirft, am 15. Mai 2015 auf der Geburtstagsparty seines Stiefsohns um sich geschossen zu haben, war in den 1980er-Jahren schon einmal für mehrere Jahre im Gefängnis. Damals sei ein Freund auf einem Bierfest an­gegriffen worden, der Angeklagte ver­teidigte seinen Kumpel und stach un­ter Alkoholeinfluss mit dem Taschen­messer zu, berichtete der psychiatri­sche Gutachter Michael Wörthmüller vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth.

Ein Vorfall, den sich der Gutachter auch aus der Biografie des 58-Jähri­gen erklärt. Er wurde als Sohn eines deutschen Kriegsgefangenen und ei­ner deutschen Mutter in Frankreich geboren. Schon als Kind habe er dort Ausgrenzung erlebt. Zurück in Deutschland, blieb er unter den deut­schen Kindern der "Franzose". Die Schule verließ er ohne Quali. Zwei Ausbildungen scheiterten an Kon­flikten. Arbeit fand er dennoch.

Nach seiner ersten Haft schien sein Leben geordnet, er lernte seine Frau kennen, 1992 wurde eine Tochter gebo­ren. Doch in der jüngeren Vergangen­heit fiel es ihm wegen verschiedener Erkrankungen schwer, Arbeit zu fin­den: Er war depressiv, trug sich mit Suizidgedanken und trank – im Durchschnitt bis zu sechs Bier am Tag.

Am 14. Mai feierte man den 31. Ge­burtstag des Stiefsohns, man trank, ein Joint machte die Runde. Immer wieder war es zwischen Vater und Sohn in der Vergangenheit zu Streit gekommen. Auch an diesem Abend. Der Angeklagte drohte mit einem Küchenmesser. Das spätere Todesop­fer, ein 32-Jähriger, und ein 24-jähri­ger weiterer Gast, der ebenfalls von einem Schuss getroffen wurde, ran­gen ihn nieder. Der Stiefsohn versetz­te ihm einen Tritt. Daraufhin zog er sich ins Schlafzimmer zurück, schloss ab und lud seinen Revolver. Fünf Patronen steckte er ein. Dann kam er zurück ins Wohnzimmer, schoss in die Decke und gab vier wei­tere Schüsse ab. Zwei trafen den auf dem über seinem Stiefsohn am Bo­den liegenden 32-Jährigen, ein weite­rer den in der Küchentür stehenden 24-Jährigen, ein letzter seine Ehe­frau, so rekonstruiert es Oberstaats­anwalt Roland Fleury.

Gezielt oder im Affekt?

Nach der Einschätzung des Psychia­ters liegt beim Angeklagten keine Persönlichkeitsstörung vor. Man könne aber von einer affektiv überschießen­den Bewusstseinsstörung unter Alko­holeinfluss ausgehen. Er hatte zur Tat­zeit bis zu 2,59 Promille Alkohol im Blut, ergab eine Untersuchung. Dies könnte den Mann enthemmt haben, gut möglich, dass er sich nicht mehr gänzlich steuern konnte. Deshalb komme eine verminderte Schuldfähig­keit in Betracht. Die Tochter sagte aus, sie habe ihren Vater so noch nie gesehen. Er habe durch sie hindurchge­schaut und nicht reagiert, als er mit der Waffe aus dem Schlafzimmer kam.

Der Staatsanwalt hingegen ist über­zeugt, dass der 58-Jährige die Tat plan­te. "Er hat gezielt und bewusst auf sei­ne Opfer geschossen." Der 24-Jährige habe in der Küchentür gestanden und sich nicht im Wohnzimmer aufgehal­ten, in seine Richtung habe der 58-Jäh­rige bewusst zielen müssen. Er forder­te 14 Jahre Haft für Mord und Mord­versuch in zwei Fällen. Die drei Anwälte der Nebenkläger glauben ebenfalls, dass der Ange­klagte gezielt schoss. Eine Minde­rung der Strafe durch verminderte Schuldfähigkeit schließen sie aus.

Der Verteidiger bleibt dabei, dass der 58-Jährige im Affekt gehandelt habe und sich in einer Ausnahmesi­tuation befand. Die Tat sei eruptiv und ohne Motiv geschehen, schließ­lich seien die Opfer geliebte Angehö­rige und Familienfreunde gewesen. Auch eine verminderte Schuldfähig­keit sieht er als gegeben an, deshalb forderte er eine Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen Totschlags.

Am Donnerstag urteilt die Schwurgerichts­kammer. Wird er wegen Mordes ver­urteilt, könnte der 58-Jährige erst weit nach seinem 70. Geburtstag wie­der aus der Haft entlassen werden.   

Viola Bernlocher, Ulrike Löw E-Mail

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