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Wenn Scherben Geschichten erzählen

Dr. Verena Kaufmann stieß mit ihrem Vortrag im Untergrund der Kurstadt auf ein interessiertes Publikum - 15.09.2010 10:48 Uhr

Die Archäologin (Bildmitte) erläutert einer interessierten Familie einige der unter dem Marktplatz ausgestellten Funde.

Die Archäologin (Bildmitte) erläutert einer interessierten Familie einige der unter dem Marktplatz ausgestellten Funde. © Hahn


Im Wesentlichen geht es um die Ergebnisse der großen Marktplatzgrabung des Jahres 2000, an der Verena Kaufmann sich als junge Archäologiestudentin beteiligt hatte. Die Grabung umfasste drei Sektoren. Erstens das frühmittelalterliche Gräberfeld, städtische Bebauungsrelikte aus dem 12. Jahrhundert und einen riesigen Glasfund aus zwei Latrinen mit einem Gewicht von zirka 300 Kilogramm und bestehend aus annähernd 80.000 Glasscherben. Diese Scherben hat nun Verena Kaufmann in zehnjähriger akribischer Kleinarbeit zusammengetragen, verglichen und wissenschaftlich bewertet. Es handelt sich hierbei nämlich nicht um Bauschutt, sondern um die Reste einer mittelalterlichen Glaserwerkstatt. Ein Fund, der in dieser Größenordnung noch nicht erforscht wurde, wie Verena Kaufmann ausführt.

Von Verena Kaufmann gefunden und wieder zusammengesetzt: Ein Wappenfund vom Areal des ehemaligen Amtsgerichts.

Von Verena Kaufmann gefunden und wieder zusammengesetzt: Ein Wappenfund vom Areal des ehemaligen Amtsgerichts. © Hahn


Es handelt sich um Reste von Bleiverarbeitung, Produktionsabfälle, Halbfabrikate, Werkzeuge, ein Farbmischgefäß – kurz: um den angesammeltem Bestand einer Glaserwerkstatt. Der Fund gibt Aufschluss über das bisher wenig bekannte mittelalterliche Glaserhandwerk. Verena Kaufmann demonstrierte denn auch den Umgang mit dem Kröseleisen, einem heutzutage nicht mehr so gebräuchlichen Glaserwerkzeug. Aus den im Stadtarchiv aufbewahrten Rechnungsbüchern der Stadt wurde die Glaserei von 1393 bis 1451 mit 36 Eintragungen schriftlich erwähnt. Die Informationen über Auftragslage, Steuerzahlungen, Lebensstandard und Namensgebungen erhellen das Bild über die Wirtschaftsweise, über Handel und Technik in der alten Reichsstadt.

Ein Auftrag für Cuntz Glaser

Ein besonderer Eintrag, so Verena Kaufmann, stammt aus dem Jahre 1414: In diesem Jahr weilte der deutsche König Sigismund in Windsheim und aus diesem Grund sollte Cuntz Glaser(!) zwei Rathausfenster reparieren. Zwei Wappenfunde aus dem „Scherbenhaufen“ könnten damit im Zusammenhang stehen: Das Wappen der Familie Hohenlohe und das Stadtwappen. Ein weiterer Glaswappenfund kommt vom Areal des ehemaligen Amtsgerichts. Es stammt aus dem Besitz von Johannes Schademann, des Rektors der alten Lateinschule, der zu Luthers Zeiten in Wittenberg studierte. Diese Glasmalerei – ein zweigeteiltes Schild mit einer Inschrift aus dem Jahre 1566 – wurde sehr wahrscheinlich von einem Nachfahren des berühmten Veit Stoß angefertigt. Heiratete doch Schademanns Tochter Anna einen Enkel des Nürnberger Bildhauers, wie durch Stammbaumvergleiche festgestellt werden konnte.

Verena Kaufmann hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit ihre Forschungsergebnisse in einem Buch zusammengestellt, dass unter ISBN 078-3-926834-74-4 oder beim Freilandmuseum unter www.freilandmuseum.de erworben werden kann. Das Buch mit dem Titel 'Archäologische Funde einer mittelalterlichen Glaserwerkstatt in Bad Windsheim' ist mit 479 Seiten sehr umfangreich, enthält rund 200 farbige Abbildungen und Grafiken und wurde 2010 mit dem Hans-Löwel-Preis ausgezeichnet. 

HANS-PETER HAHN

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